Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1897)
- Date
- 1897-04-09
- Page
- Seite 178 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Gestalten füllte. Bei dem Anblicke des ehrwürdigen, unbeweglich in seinen Todteugewändern dasitzenden Mannes, dessen still ergebenes, bleiches Angesicht in dem überirdischen Glanze eines Frommen erstrahlte, welcher in dem Bewußtsein seiner Seelenreinheit und mit dem festen Vertrauen auf ein künftiges Leben ruhig zum letzten Gange sich rüstet — blieben die Eindringlinge einen Moment betroffen stehen. Nur ihr Führer — es war Borowski, der Metzger — trat mit höhnischem Grinsen auf R. Abraham zu: „Haben wir Euch nun endlich abgefaßt bei Eurer Schändlichkeit, die Ihr alljährlich ausübet? Wo habt Ihr das arme Christenkind, das Ihr geschlachtet und deffen Blut Ihr heute Abend getrunken?" R. Abraham schüttelte langsam das bleiche Haupt: „Wir schlachten keine Kinder, — wir trinken kein Blut! Das ist eine niederträchtige Verleumdung!" „Schweig, Jude! Erst wollen wir Deinem Weibe und Deinen Kindern die Zunge 311 lösen suchen und — gelingt auch dies nicht, dann werden wir schon selbst das Opfer Euerer Mordlust aufspüren und nicht ruhen lind rasten, bis wir es gefunden und mit Eurem Blute gesühnt haben; drauf, Kameraden!" Damit drang der Metzger, gefolgt von einer Schaar fürchterlich aufgeregter Männer ins Schlafgemach hinein, R. Abraham der Bewachung einiger handfesten Kerle, überlassend. Allein das Nest war leer. Wüthend polterte der Haufe die Kellertreppe hinunter, allein auch von dort kehrten sie nach wenigen Minuten vergeblichen Suchells ziemlich enttäuscht und von ihrein Taumel etwas ernüchtert nach oben zurück. Als aber auch Borowski selbst jedeil Winkel des Kellers mehrere Male erfolglos durchstöbert hatte, da verwandelte sich sein Siegesbewußtsein in namenlose Wllth. Mit blutrothem Gesicht und geballten Fäusten stürmte er die Treppe hinauf, packte R. Abraham bei den Schultern, schüttelte ihn mit gewaltiger Kraft und schrie ihn fauchend an: „Jude, Hundeblut! Aus der Stelle sagst Du mir, wo die Kindesleiche sich befindet und wo Deine verfl . . . Sippe sich versteckt hat, oder ich setze Dir den rothen Hahn aufs Dach, daß sie vor der Gluth alle hervorkriechen, wie das Ungeziefer aus seinen Löchern!" R. Abraham Preßte in beharrlichem Schweigen die Lippen auf einander. Wohl war ihm gleich bei der Entdeckung des grausigtzn Fundes, eingedenk der Erzählung feines Söhnchens Chajim, der feingesponnene Plan zwischen Borowski und dem Todtengräber völlig klar geworden, allein immer noch war er sich des Mittels nicht bewußt geworden, um die Gefahr gänzlich abzuwehren. „Du willst nicht, Jude? Nun, so schleppt ihn hinaus! Die Folter wird ihm morgen schon besser den trotzigen Mund öffnen. Hier aber wollen wir ein warmes Feuerchen anmachen, möglich, daß die versteckten Vögelchen noch piepsen oder uns in die Hände fliegen." Und einem seiner Begleiter die Fackel entreißend, schleuderte er sie mit wildem Fluch durch die offene Thüre in die aufgewühlten Federbetten des Schlafgemaches. Hoch empor loderten die Flammen, gierig alles, was sich in der Nähe befand, ergreifend und an der hölzernen Wandbekleidung immer weiter leckend und züngelnd.. Bald trieben die aufwirbelnden Rauchwolken alles, was von Menschen im Hause noch geblieben war, hinaus, und R. Abraham wurde von der Zurückweichenden Gruppe mitgeschleppt. Draußen wurden sie von einer heulenden Pöbelmasse empfangen, welche schon Miene machte, auf den vermeintlichen Kindesmörder, der wehrlos ihr in die Hände gerieth, sich zu stürzen, als R. Abraham, einem plötzlichen Impulse folgend, seine Peiniger mit aller Kraft abschüttelte und auf einen an die Frontecke seines brennenden Hauses sich lehnenden Prellstein sprang. Von hier aus schleuderte er mit mächtiger Stimme in die tobende Menge hinein die Worte: „Höret mich an! Ich habe ein Bekenntniß abzulegen!" „Ein Bekenntniß; ein Bekenntniß! — Still, ein Bekenntniß!" so scholl es überrascht und voll Neugier aus dem wogenden Haufen heraus. Allmälig verstummte das wüste Stimmengewirr. um einer lautlosen Stille Platz zu machen, in welcher man klar und deutlich die mit Ruhe und Festigkeit gesprochenen Worte R. Abrahams vernahm: ' „Ich bekenne hiermit, daß heute in dem Keller meines Hauses ein todtes Kind gelegen hat. Allein Niemand von uns hat es gemordet, sondern ein Bube hat es heimlich dorthin geschafft; ich kenne ihn und kann ihn überführen." — Hier machte R. Abraham eine Pause und athmete tief auf — rings eine Todtenstille. — „Da steht er!" Und er wies mit der ausgestrecktcn Hand auf Borowski hin. — Die Wirkung dieser kurzen, ausdrucksvoll gesprochenen Worte glich einem Blitzschläge. „Hund, Jude, Schuft! Dir will ich Dein Lügenmaul für immer stopfen!" Wie ein angeschoffener Eber, so stürzte sich der Metzger auf den kühnen Sprecher. Doch einige kräftige Männer warfen sich dazwischen, und aus dem furchtbar aufgeregten, noch immer nach einem Schauspiele lüsternen Volkshaufen wurde immer vernehmlicher und allgemeiner der Ruf laut: „Beweisen, beweisen! Er soü's beweisen!" R. Abraham hob den Arm hoch empor, langsam legte sich der Aufruhr, und gespannt hing Alles an seinem Munde, während Einige sich avmühten. den wie rasend um sich schlagenden Metzger zu bändigen und zum Schweigen zu bringen. Endlich erlahmten dem Wüthenden die Kräfte, und R. Abraham, welcher sich jetzt schon mehr als den Herrn der Situation fühlte, begann: „Ihr wollt den Beweis." „Ja, sofort!" scholl es hundertstimmig zurück. „Hier auf der Stelle sollt Ihr ihn haben, nur sorget, daß diese Verhandlung durch keinen Laut von diesem hier," er deutete auf den Metzger, „gestört wird, und gebet mir zwei handfeste Männer, welche einen Auftrag sogleich ausführen können." Augenblicklich standen zwei riesige Gestalten an seiner Seite. R. Abraham flüsterte ihnen einige Worte zu, worauf sie sich eilends nach dem Thor der Stadt zu entfernten. Als sie nach Verlauf von etwa zehn Minuten zurückkehrten, hatten sie Jaschko, den Todtengräber, der nur nothdürftig bekleidet war, in ihrer Mitte und führten ihn zu R. Abraham hin. Dieser blickte ihn fest an und erhob seine Stimme: „Jaschko, Dein Verbrechen ist entdeckt," — hier machte Borowski einen verzweifelten Versuch, sich losznreißen und den Sprecher zu unterbrechen, wurde jedoch noch rechtzeitig daran gehindert — „Dein Mitschuldiger ist überführt; gestehe Deine That freiwillig ein, dann will das Volk dafür sorgen, daß Du, als der Verführte, straffrei bleibst. Nicht wahr," hier wandte er sich an die Menge, „nicht wahr, Ihr helfet ihm?" — „Wir helfen!" - „So antworte denn der Wahrheit gemäß, oder Dich trifft die verdiente harte Strafe: Was hast Du heute dem Metzger Borowski übergeben?" Der Todtengräber zitterte an alleil Gliedern, hilfesuchend glitt sein blöder Blick über den aufgeregten Pöbel, er zögerte. „Antworte!" riefen viele Stimmen. „Antworte, oder wir werden Dir die Zunge lösen." Er sank in die Kniee und rief: „Gnade, Erbarmen! Ich wurde ja verlockt, ich —" R. Abraham mahnte ihn von Neuem ernst und dringend: „Sprich die Wahrheit, daun geschieht Dir kein Leid. Was hast Du also heute dem Borowski übergeben?" „Ein Kind!" —