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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-04-09 · Heft 15 (9.4.1897) · p. Seite 177

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 15 (9.4.1897)
Date
1897-04-09
Page
Seite 177 (sequence 9)
Language
German
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177 machen, zu unterstützen. Ganz bedeutend sind die Resultate des Schul- und Lehrlingswerkes, welches die Alliance in den orientalischen Säubern unterhält, und sie werden von Jahr zu Jahr noch immer bedeutender. Die Zahl der Schulen beläuft sich auf 70 und diejenige der Schüler — Knaben und Mädchen — auf 10 350, die noch verdoppelt werden könnten, wenn die Mittel dazu vorhanden wären. Die Alliance unterhält ferner eigens ein Seminar zur Ausbildung der für den Orient erforderlichen Lehrkräfte. Auch belebt sie von Neuem die rabbinischen Studien, die jetzt im Orient und in Afrika, den dereinstigen Heimstätten der jüdischen Gelehrsamkeit, gänzlich in Verfall gerathen sind, und zwar dadurch, daß sie der Heranbildung zeitgemäßer auf der Höhe ihrer Mission stehender Rabbiner ihre stete Sorgfalt zuwendet. Sie ist ferner bemüht, den Ackerbau unter den Inden des Orients und Afrikas nach Möglichkeit zu verbreiten. Schon im Jahre 1870 gründete sie die rühmlichst bekannte Ackerbauschule zu Jaffa. Diese wird heute von 100 internen Zöglingen besucht und von einem technischen Personal, welches in den Sonderaustalten herangebildet wird, geleitet. Der wohlthätige Einfluß dieser Ackerbauschule hat weite Verbreitung gefunden. Vom Jahre 1882 an, wo die Verfolgungen in Rußland begannen, richtete ein großer Theil der Auswanderer seine Schritte nach Palästina, um sich daselbst dem Ackerbau zu widmen. Zu diesen gesellten sich noch die rumänischen Emigranten, die fast ebenso unglücklich waren. So entstanden nach und nach die jüdischen Kolonien in Palästina, die noch einen mächtigen Aufschwung durch die reichlichen Unterstützungen des edlen Baron Edmund v. Rothschild und der verschiedenen Komitees, die sich in Rußland und Rumänien und anderen Ländern gebildet hatten, erhielten. Dieser Impuls zum Ackerbau ist auch noch weiter gekräftigt worden durch die Gründung der jüdischen Kolonien in Argentinien, die der nunmehr leider verstorbene unvergleichliche Philanthrop Baron v. Hirsch bewerkstelligte. Bis zum Jahre 1896 waren daselbst bereits 10 000 jüdische Kolonisten angesiedelt. Die Alliance hat dieses Werk des Baron v. Hirsch unterstützt, sie hat dasselbe mit ihm vorbereitet. Auch die Juden Afrikas sucht die Alliance für den Ackerbau zu gewinnen. So kaufte sie in Tunesien eine große Besitzung für 400000 Fr. an und eröffnete auf derselben im Oktober 1895 eine Ackerbauschule. Man erwartet von derselben die reichsten Erfolge für die jüdischen Bewohner Nord - Afrikas. Angesichts dieser großen, der Gesammtjudenheit zu gute tonnnenden Leistungen der Alliance erscheint die Betheiligung an derselben als eine viel zu kleine. Die Zahl der Mitglieder beträgt im Ganzen 30000. Seit mehreren Jahren hat sich dieselbe nicht vergrößert. Auf ein Budget von jährlich 700 000 Fr. ergeben die Mitgliederbeitrüge nur 200 000 Fr. In früheren Jahren hat der verewigte Baron v. Hirsch das Defizit der Alliance gedeckt. Wer wird dies in Zukunft thun? Und doch giebt es keine würdigere und nützlichere, keine umfassendere und arbeitsamere jüdische Verbindung als die Alliance, der alle Israeliten ohne Ausnahme, die den geringen jährlichen Beitrag von 4,80 Mark entbehren tönnen, angehören müßten. Wir muffen daher den Herrn Korrespondenten im Sprechsaal der Nummer 7 Ihrer geschätzten Zeitung d. I. recht geben, wenn er gegen die Berliner Judeir den Vorwurf erhebt, daß ihre Betheiligung an der Alliance eine viel zu geringe sei und uns gegen den hiergegen polemisirenden Leitartikel der Nlimmer 8 wenden, welcher schreibt: „Wenn es sich um die Werbung von neuen Mitgliedern für die Alliance handelt, so schlagen wir das bisherige Verzeichniß von Mitgliedern auf und finden, daß Berlin über 400 Mitglieder zählt. Das ist nicht viel, aber wie viel Mitglieder haben denn andere rc." Mit Verlaub! Die hiesige Gemeinde beispielsweise, die etwa 1600 Seelen zählt, hat gegen 50 Mitglieder der Alliance! Ein ähnliches Verhältniß ist mir noch von arideren Städten der Provinz bekannt. Demnach müßte die Berliner jüdische Gemeinde statt 400 doch mindestens 2400 Mitglieder der Alliance aufzuweisen haben. Daß dies nicht der Fall ist, ist bei dem bekannten Wohlthätigkeitssinn der Berliner um so befremdlicher. Wir glauben aber nicht fehlzugehen, wenn wir den Grund hiervon auf den Mangel an der erforderlichen Propaganda zurückführen und möchten daher insbesondere an die Herren Rabbiner und andere einflußreiche Persönlichkeiten Berlins, die für die Gesammtintereffen des Judenthums ein Herz haben, appelliren, eine rührigere Agitation wie bisher zu Gunsten der Alliance zu entwickeln. Der gleiche Appell gilt aber auch für alle anderen Groß- und Kleinstädte, in denen die Mitgliederzahl der Alliance eine verhältnißmäßig zu geringe ist. Fürwahr diese rührige Agitation zu Gunsten der Alliance, sie wäre des Schweißes der Edlen werth! m —i HM 1—1 1-—^--T—-1 1-1 1nminwmai MIMMi «1 i 1 K | FEUILLETON | I m flmBüimir -1 1—1 l" - ' —-''' 1 1-1 MMMMW MMMir» 1- Heif den Ofen. Als Beitrag zur Geschichte der Blutlüge nach einer alten Familientradition erzählt von Landrabbiner Dr. Loevy in Birkenfeld. III. R. Abraham war zurückgeblieben und saß mm allein an der weißgedeckten, erleuchteten Tafel. Immer tiefer brannten die Kerzen herab, aber immer noch bewegten sich seine Lippen unausgesetzt in inbrünstigem Gebete. Nicht das anmuthige Hohelied lag diesmal wie sonst nach abgehaltener Sedertafel vor ihm aufgeschlagen, sondern das Buch, aus welchem erleise murmelnd las und sang, es war das Gebetbuch für den heiligsten und ernstesten Tag des Jahres: Das Machsor von Jom - Kippur, und was fein Mund immer von Neuem wiederholte, es waren nicht die süßen, trauten Liebes- und Frühlingslieder des lieblichsten aller biblischen Bücher, sondern die düsteren Schuld- und Sündenbekenntnisse : Osebamnu, ul cheit und al chatoim. Er wußte, es ging um Leben und Tod. Das Sterbekleid, das er zur Erinnerung trug, konnte heute gar leicht in Wirklichkeit feinen Endzweck an ihm erfüllen. So war fast Mitternacht herangekommen und noch immer saß der einsame Mann in dem leeren Hause tiub wurde nicht müde zu beten und zu bekennen, als Plötzlich ein dumpfes Brausen aus weiter Ferne erklang, welches, näher herankommend, als von einer heranwogenden Menschenmenge herrührend sich erwies. Langsam schob sich der schwirrende Haufe, aus dessen Mitte Flüche und Verwünschungen laut wurden, bis zum Hause R. Abrahams vor. Da erhob sich Plötzlich aus dem dichten Menschenknäuel eine rauhe, heisere Stimme: „Hier ist es, Brüder! reißet die Läden herunter, schlaget die Fenster ein und lasset uns die Mordbuben im Schlafe überraschen." Ein ohrenzerreißendes Geheul war die Antwort auf diese Worte. Bald wichen die geschlossenen Fensterläden den wuchtigen Hieben nerviger Fäuste und knotiger Stöcke, ein Klirren und auch die Glasscheiben flogen zertrümmert ins Zimmer hinein, welches sich in wenigen Augenblicken mit einer Schaar verwilderter

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