Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1897)
- Date
- 1897-04-09
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
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176 Der feste Grund, auf dem allein eine erfolg- und segensreiche Anwaltsthätigkeit ruhen kann, sind nicht nur umfassende Bildung, Kenntnisse, Schärfe des Urtheils, schnelle Auffassungsgabe und Schlagfertigkeit, wie alles dies unserem verewigten Kollegen in reichem Maße zu Theil geworden war, sondern in erster^Reihe die Ueberzeugung, daß der Advokat berufen ist, in treuer Wahrung der ihm anvertrauten Interessen dennoch sich alle Zeit vor allem als ein Diener der Rechtspflege zu fühlen, — der nie versagende Takt, der ihn zwischen solchen, oft wirklich oder scheinbar aufeinander stoßenden Pflichten den richtigen Weg finden läßt, — das Vertrauen, welches er einflößt und als den besten Lohn seiner verantwortungsvollenundnichtselten dornenreichenBemühungen zurückempsängt, „und ein Herz, sich des Bedrängten zu erbarmen". Das Alles hat unser Verstorbener zu schöner Harmonie in sich vereinigt. Erfüllt von dem berechtigten Bewußtsein eigenen Werths und eigener Tüchtigkeit und der hohen Bedeutung seiner Lebensaufgaben, hat er sich dennoch stets die Milde des Urtheils über Andere bewahrt. Wohlwollen — auch da, wo er zu richten berufen war — bildete einen Grundzug seines Wesens. Ohne das Eigene zu suchen, ist er mit der ganzen Thatkraft seiner Natur bemüht gewesen, die Berufsgemeinschaft seiner Kollegen zu fördern und zuheben, und sie in allen Stücken der Freiheit würdig zu halten, die er aus innerster Ueberzeugung für die Anwaltschaft miterstrebt und miterrungen hat, und deren vereinzelte Auswüchse ihn niemals irre machen konnten in der Gewißheit, daß auch auf diesem Gebiet der Mann nur in der Freiheit erstarken kann. Ein edler Zorn hat ihn nur da ergriffen, wo er einer Niedrigkeit der Gesinnung begegnete. Dann glühte seine Wange roth und röther Von jener Jugend, die uns nie entfliegt. Von jenem Muth, der früher oder später Den Widerstand der stumpfen Welt besiegt, Bon jenem Glauben, der sich stets erhöhter Bald kühn hervordrängt, bald geduldig schmiegt. Damit das Gute wirke, wachse, fromme. Damit der Tag dem Edlen endlich komme! Wir bitten die Familie unseres entschlafenen Freundes, diese Worte der Erinnerung zu dem Uebrigen zu legen, womit Liebe, Freundschaft und Verehrung das Gedächtniß ihres Tobten schmücken und gern an ihrem bescheidenen Theil den am tiefsten Getroffenen in etwas hinweghelfen möchten über die unaussprechliche Trauer dieser schweren Stunde des schmerzlichsten Abschieds. Wir aber, meine Herren Kollegen, wir wollen.aus diesem Trauerhause wieder hinausschreiten in das Leben und den Ernst mit uns nehmen, der nach dem Worte des Dichters allein das Leben zur Ewigkeit macht. Wir wollen dem Heimgegangenen das beste Denkmal in unserem Herzen dadurch errichten, daß wir in seinem Sinne fortwirkend bemüht bleiben, Wahrheit und Recht zu fördern, die ihm heilig waren. Have, pia anima!“ Abermaliger Chorgesang beendete alsdann die Trauerfeier im Hause. In langer Wagenreihe bewegte sich dann der Kondukt hinaus nach dem alten Friedhof der jüdischen Gemeinde der Schönhauser Allee. Zu beiden Seiten des Einganges zur Begräbnißstätte hatten die Knaben und Mädchen des Erziehungshauses und des jüdischen Mädchenheims in Pankow, zweier Institute, welche der Verstorbene begründet und denen er bis an sein Lebensende seine wärmste Fürsorge hatte angedeihen lassen, Aufstellung genommen. Jeder Zögling trug als letzte Liebesgabe einen kleinen Lorbeerkranz in der Hand. Auch auf dem Friedhofe hatte sich eine stattliche Menge eingefunden, um dem Tobten die letzte Ehre zu erweisen. In der Legräbnißhalle widmete noch der intimste Freund Makowers, Justizrath Meyer, der Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde, dem Verblichenen den warmen und herzlichen Nachruf, den wir bereits oben mitgetheilt haben. Unter den Klängen des ergreifenden Liedes: „Es ist bestimmt in Gottes Rath", wurde der Sarg hinausgetragen, und während die Zöglinge des Erziehungshauses ihre Stimmen erschallen ließen, nach den üblichen Trauergebeten in die kühle Erde hinabgesenkt. Von diesen Zöglingen wurde auch das Kaddischgebet für den Entschlafenen gesprochen, dessen Andenken, nicht erlöschen wird in der Geschichte der deutschen Judenheit! Au Gunsten der Alliance. Bon Dr. H. Tietz in Jnowrazlaw. ir stehen, indem das Ueberschreitungsfest int Anzüge ist. im Cyklus der sogenannten vier Sabbathe. An einem jeden derselben wird, wie wir wißen, außer dem laufenden Wochenabschnitte auch noch je ein Kapitel aus der Thora verlesen, nach dessen Inhalte die Sabbathe bezeichnet werden. Der erste dieser vier Sabbathe war der Sabbat-Paraschat-Sch'kalim. Er brachte uns in Erinnerung die Halbe-Schekel-Steuer, die einstmals, als noch der Tempeldienst bestand, alljährlich entrichtet wurde. Aus dem Ertrage dieser Steuer wurden die Kosten der Gemeindeopferthiere bestritten, deren man das Jahr hindurch benöthigte. , Niemand wurde von dieser Steuer befreit. Selbst die Priester und Leviten wurden zu derselben herangezogen. Der ebenso große wie schöne Gedanke, der dieser Stelier innewohnte, war der, daß im Volke Israel das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, der Geist der Solidarität geweckt werden und erhalten bleibe. Wenn die tägliche Opferflamme züm Himmel emporlohte, mußte sich eilt jeder Israelit sagen können, daß auch er Antheil habe an den Gebeten allen, die die Gesammtheit seines Stammes zu Gott hinaufsandte, daß auch ihm das Wohl und Wehe des letzteren am Herzen liege, und auch er sich der Mitverantwortlichkeit für denselben bewußt sei. Dieses Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, dieser Geist der Solidarität sind es auch, die die Israeliten zu allen Zeiten beseelten, die es ihnen ermöglichten, die ebenso zahlreichen wie schweren Prüfungen der Vergangenheit zu überstehen, und sie werden es auch ihnen ferner ermöglichen, die Schwierigkeiten und Gefahren der Gegenwart und Zukunft zu überwinden! Die Verkörperung dieses Bewußtseins der Zusammengehörigkeit, dieses Geistes der Solidarität in unseren Tagen aber ist die bereits seit 37 Jahren bestehende und so überaus segensreich wirkende Alliance Israelite Universelle, deren Devise HD m bz1)'- „Alle Israeliten bürgen für einander", lautet und die die Judenheit der ganzen Erde mit einem gemeinsamen Bande umschließt. Welchen reichen Segen sie stiftet, wie sie überall, wo es Noth thut, bemüht ist, die soziale Lage der Israeliten zu verbessern, für sie die bürgerliche und politische Emanzipation herbeizuführen, ihre materielle, geistige und moralische Hebung zu fördern, vermögen wir aus den jährlichen Berichten derselben im Allgemeinen und aus dem jüngsten Bericht vom ersten und zweiten Semester 1895 insbesondere zur Genüge zu entnehmen. Aus letzterem erfahren wir, daß die Zahl unserer unglücklichen ' russischen Glaubensbrüder, die sich von 1881 bis 1894 nach Amerika flüchteten, auf mehr denn 500000 Seelen belief. Allerdings wurde die Alliance bei diesem unermeßlich großen Hilfswerk von den Juden aller Länder unterstützt und gefördert, aber den Anlaß dazu hat sie gegeben, sie war der Mittelpunkt des allgemeinen Wirkens und durch ihre Organisation dazu bestimmt, den Willen und die Absichten des Judenthums auszuführeu. Und auch im Inneren Rußlands suchte sie das entsetzliche Elend unserer Stammesgenossen nach Möglichkeit zu lindern. Für unsere in Marokko und Persien lebenden und der rohen Willkür der Beamten und Bevölkerung dieser unkultivirten Länder ausgesetzten Glaubensgenossen nimmt die Alliance die Unterstützung der civilisirten Regierung mit Erfolg in Anspruch. Und auch in den civilisirten Ländern, in denen die widrige und ekle Mistpflanze des Antisemitismus den Boden verseucht und verpestet, ist sie bemüht, jede That und Schrift, die geeignet sind, die boshaften Lügen und Verleumdungen der Antisemiten zunichte zu 0 Siehe Sanhedrin (T. S3.) 27 b.