Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1897)
- Date
- 1897-04-02
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228217--53600-3267532- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
61. Jahrgang, «r. 14. flerlm, 2. April 1897. Weitage zur „Attgerneinen Zeitung öes IuöenLHurns". Korrespondenten und Machrichten. Deutschland. 8. Berlin, 28. März. Die heutige Sitzung der Repräsentanten- Versammlung erledigte ihre kleine Tagesordnung recht schnell. Debattelos wurdedem Kommissionsantrag stattgegeben, an Stelle des verschiedenen Herrn Leichtentritt Herrn Neufeld in den Ausschuß II zu entsenden. — Zu Punkt 3 der Tagesordnung verlas der Vorsitzende, Herr Landsberger, den Bericht, welchen der Kreisschulinspektor Lorenz auf Grund der am 13. resp. 15. Januar erfolgten Prüfungen über die jüdische Knaben- und Mädchenschule der städtischen Schuldeputation erstattet hat. Aus dem ausführlichen Bericht geben wir nur die Resumös hier wieder, und zwar lautet das über die Knabenschule: „Es ist ersichtlich, daß unter umsichtiger Leitung mit Hingabe und gutem Verständniß gearbeitet wird. Die Erfolge sind vielversprechend." Das Resume über die Mädchenschule hat folgenden Wortlaut: „Nach dem Ausfall der Prüfungen gewinnt man den Eindruck, daß in der Schule unter umsichtiger Leitung mit Geschick gearbeitet wird." Ein besonderes Lob wird der Lehrthätigkeit, der Amtstreue und auch dem außerdienstlichen Verhalten der Lehrer und Lehrerinnen gezollt. Der Vorsitzende freute sich, dieses günstige Resultat und das vorzügliche Urtheil der Versammlung zugänglich machen zu können. — Gegen die Annahme zweier Zuwendungen wird seitens der Versammlung kein Bedenken geäußert. Die Erben des Fabrikbesitzers Herrn Wolf Hagelberg haben dem Reichenheim'schen Waisenhaus zur Begründung einer Stiftung die Summe von 12 000 Mark überwiesen, Herr Ferdinand Schlesinger dem Hospitaleine Summe zur Begründung einer Bettstiftung zugehen lassen. In letzterem Legat hat sich der Wohlthäter das Vorschlagsrecht und ein Vorzugsrecht für seine Verwandten Vorbehalten. — Zu Punkt 6 der Tagesordnung: Vorlage, betr. die Erhöhung der Jahresmiethe und Gewährung einer Entschädigung für das Betlokal Bandelstraße 35, referirt Herr Leonhard Sachs, daß der Kontrakt mit dem Inhaber des Lokals in diesem Jahre ablüuft. Das Lokal soll, wie der Besitzer mittheilt, bedeutend erweitert werden und wird nach dem Umbau ca. 160—160 Plätze mehr fassen. Der Inhaber verlangt dann 1500 Mark Miethe pro Jahr — bisher hat das Lokal nur 1200 Mark gekostet — und eine besondere Entschädigung von 5OO Mark, falls ein Festtag auf einen Sonntag fällt. Der Ausschuß empfiehlt die Annahme dieser Vorlage in der Erwägung, daß durch die Neugewinnung von 150 bis 160 Sitzen auch 750—800 Mark mehr an Platzmiethen eingehen, und in "der ferneren Erwägung, daß ein Bedürfniß für ein größeres Lokal in dieser Gegend vorliegt. Der neue Kontrakt ist, wie der Referent auf Anfrage miktheilt, auf drei Jahre geschlossen; falls polizeiliche Genehmigung zum Neubau nicht gewährt wird, soll der alte Kontrakt im Jahre 1897 noch bestehen bleiben. Die Vorlage wird von der Versammlung einstimmig angenommen. — Hiermit ist die offizielle Tagesordnung erschöpft, doch werden vom Vorsitzenden noch zwei Positionen zur Berathung gestellt, deren Aufführung im Verzeichniß verabsäumt worden sei. Es ist der Wunsch ausgesprochen worden, gelegentlich der 25 jährigen Feier der Eröffnung des Waisenhauses die Pflege der Grabstätten von Moritz und Klara Reichenheim dauernd durch die Gemeinde ausführen zu lassen. Es erhebt sich seitens der Versammlung kein Widerspruch dagegen, und der Titel wird bewilligt. — Von der Kommission (Ref. Herr Schlesinger) wird ferner beantragt, für die rituelle Speisung der Strafgefangenen zu Plötzensee eine Summe in den Etat einstellen zu wollen. Die Kosten im vorigen Jahre hätten 970 Mark betragen. Auf das vom Justizrath Ti kt in geäußerte Bedenken, daß man doch keine unbestimmte Summe bewilligen könne, gelangt dann der Vorschlag zur einstimmigen Annahme, für diesen Zweck eine Summe bis zu 1200 Mark zu gewähren. — Die Mittheilung des Referenten der Baukommission, Herrn Leonhard Sachs, welche er der Versammlung nur zur Kenntnißnahme unterbreitete, daß nämlich Herr Maurermeister Gottheiner, dem bekanntlich der Rohbau der Synagoge in der Lützowstraße laut Kommissionsbeschluß übertragen worden war, jetzt die Annahme abgelehnt hätte, gab zu einer längeren, sehr lebhaften Debatte Veranlassung. Herr Gottheiner hätte auf Grund der der Submission zu Grunde gelegten Bedingungen, daß jede Nachforderung ausgeschlossen sein sollte, und weil ihm in der Aufstellung der Preise Jrrthümer untergelaufen seien, die Ausführung des Rohbaues verweigert. Die Baukommission war deshalb veranlaßt, die Firmen zu einer neuen Submission aufzufordern, die Preise (260 000, 260 000, 270 000, 270 000, 285 000 Mark) seien eingegangen, und sie hätte beschlossen, für den Preis von 260OOO Mark der Firma Lachmann u. Zauber den Rohbau zu übertragen. Eine Aachforderung wird laut Vertrag nicht erforderlich werden. Als erster Redner meldete sich Herr Maurermeister Joseph Fränkel, und es erhob sich hier zunächst die Kompetenzfrage, ob er, da infolge seiner verspäteten Anmeldung noch sein Stellvertreter zur Sitzung eingeladen war, überhaupt zur Diskussion zugelassen werden könne. Herr Fränkel rügte, daß s. Z. die Anschläge zur Bauausführung nicht einer genauen Revision durch Sachverständige unterzogen worden seien, verschiedene Posten seien entschieden zu hoch in Ansatz gebracht worden. Die Zeichnung wäre speziell bezüglich der Kellereien nachträglich geändert worden; er bittet deshalb, die ganze Angelegenheit zu vertagen. Als Kommissar bestätigt Herr Jacoby zunächst die Gründe, die Herrn Gott Heiner veranlaßt hätten, seine erste Forderung zurückzuziehen. Es sei nichts von der Kommission verabsäumt worden, und die Abänderung der Kellereien sei allen Submittenten bekannt gewesen. Herr Justizrath Meyer fügt hinzu, daß der Vorstand gar keine Verpflichtung gehabt hätte, die Personaländerung der Versammlung mitzutheilen; es entspräche dies nur dem Prinzip, die Repräsentanten über alles zu informiren. Nach Herrn Oppenheims Ansicht trifft die ganze Schuld Herrn Gottheiner. Die Pflicht der Submittenten sei es, alle Forderungen zu prüfen; wenn der Preis abgegeben ist, seien sie aber an denselben gebunden. Derartige Vorkommnisse würden sich in Zukunft vermeiden lassen, wenn einer Submission sofort die genauen Bedingungen beigegeben würden. Auch der folgende Redner, Herr Man heim er, bestätigt, daß von der Kommission mit peinlichster Gewissenhaftigkeit gearbeitet worden sei. Drei kostbare Wochen wären bereits infolge dieser Angelegenheit verflossen, und es läge die Gefahr vor, daß die Synagoge nicht zum festgesetzten Termin fertiggestellt werden könnte. Allerdings hätten die Architekten erklärt, diesen Zeitverlust wieder durch geeignete Arbeitskräfte einzuholen. Herr Fränkel kann sich darüber nicht beruhigen, daß die Firma, welcher die Rohbauausführung übertragen worden sei, ohne Beschluß der Versammlung geändert worden sei. Herr Tiktin ist der Ansicht, daß diese Debatte ganz zwecklos sei. Eine Kenntnißnahme könne man nicht vertagen, und man hätte keine Veranlassung zur Diskussion, sobald nicht genau formulirte Anträge vorlägen. Erst nachdem durch den Schriftführer, Herrn Geheimrath Marcuse, erklärt wird, daß in dem damaligen Kommissionsantrag die Firma gar nicht genannt, sondern nur die Summe zur Ausführung des Baues verlangt worden ist, bedauert Herr Fränkel, diese Debatte veranlaßt zu haben. — Zum Schluffe rügt der Vorsitzende die Unpünktlichkeit der Mitglieder des wichtigsten Ausschusses III, der offiziell aus 10 Mitgliedern besteht. Die Protokolle seien meist nur von drei Personen unterzeichnet. Die Folge davon wären die fortwährenden Umänderungen der Tagesordnung und die ewigen Vertagungen. Er will es auregen, ob nicht auch die Stellvertreter in die Ausschüsse gewählt werden können. S£2 Berlin, 31. März. „Ueber Assimilation" lautete das Thema, worüber Herr Dr. Heinrich Meyer Cohn gestern im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur einen interessanten und wohldurchdachten Vortrag hielt. Der Redner geißelte die Nachahmungssucht jener unserer Glaubensgenossen, die in ihrem Eifer, ihren nichtjüdischen