Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1897)
- Date
- 1897-04-02
- Page
- Seite 168 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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„Erschießen!" schrie Hasset. „Todtschlagen wie einen tollen Hund!" rieth Göber. Alvrom schwang die Glocke. Der Lärm wurde nur noch größer. „Meine Herren, ich bitte um. Ruhe!" rief er mit dem Aufgebote seiner ganzen Luugenkraft. Er wurde kaum gehört. Wieder schwang er die Glocke eine volle Minute lang, ohne die geringste Wirkung zu erzielen. „Meine Herren!" rief er mit solcher Anstrengung, daß seine Stimme kreischte. „Sie sind doch hierher gekommen, zu berathen und nicht, uni einen Dieb zu hängen, den Sie noch nicht haben. Ich bitte Sie, Herrn Direttor Zimmermann Gehör zu schenken." Der Lärm legte sich, und ein weiteres Glockenzeichen schaffte endlich Ruhe. Direktor Zinnnermanu nahm einen Elfenbeinkamm aus einem Ledertäschchen, das er aus seiner Westentasche herauszog, strich sich den.Schnurrbart zurecht und begann: „Meine Herren," sagte er, „ich bin auf den Wunsch Ihres Herrn Vorsitzenden hierher gekommen, um mit ihm die Situation zu berathen. Ich fand, daß die Fabrik zahlungsfähig ist, und erkläre mich hiermit im Namen unserer Bank bereit, die nöthige'n Summen zur Fortführung des Betriebes vorzustrecken, die pfandrechtliche Sicherstellung vorausgesetzt, falls Sie sich bereit erklären, den Aktionären den Vorschlag zu machen, auf jede Aktie fünfzig Prozent zuzrizahleu, welche dann nach erfolgter Sanirung des Unternehmens entweder verzinst oder zurückgezahlt werden sollen." Der Direktor hatte diese Worte im gleichgiltigsteu geschäftlichen Tone gesprochen, nahm daun sein mit.Perlmutterschalen verziertes Taschenmesser hervor und begann mit der daran befindlichen Nagelfeile seine wohlgepflegten Fingernägel zn bearbeiten. (Fortsetzung folgt.) Fitterarische Mittheiiungen. — Dr. Ephraim Finkel. R. Obadja Sforno als Exeget.Jnaug.- Difsert., Breslau 1896. Eine fleißige und gründliche Arbeit, nur jammerschade, daß hier so viel Fleiß und Arbeitskraft auf einen ebenso undankbaren wie unfruchtbaren Stoff verschwendet sind! Verfasser giebt zuerst ein „Leben Obadja Sfornos" (S. 1—10), in welchem Bekanntes noch einmal fleißig zusammengestellt ist. Obadja (Servadeus) Sforni (so ist der Name nach einem Aktenstück von 1524, nach Asarja de Rosst, David de Pomis, Josef del Medigo, Asulai, cod. 398 Casa de' Neofiti usw. zu schreiben), d. h. Speroni (dialektisch verstümmelt wie „der aus Terano", Todeseo statt Tedesco), Sohn des Jakob, ist ca. 1470 in Cessna geboren, unterrichtet 1498—1500 Reuchlin in Rom, woselbst er bis nach 1525 weilt. Er beschließt seine Tage in Bologna 1550, wo er als Rabbiner und Prediger wirkt. Nach einem überflüssigen Kapitel „Charakter" (S. 11 — 14) folgt eine Aufzählung von Sfornis Schriften (S. 15—40). In dieser ist.Nr. 1, Paraphrase der Elemente Euklids aus dem Arabischen, ein dem Pariser Katalog nachgeschriebener Fehler (s. Steinschneider. Uebersetznngen S. 506 Anm. 41), zu streichen. Interessant ist Nr. 11: Eine im Aufträge des „Fürsten" von Tosignano verfaßte, sonst unbekannte hebr. Grammatik mit lat. Erklärungen (nicht „Uebersetzung"), die er in einem Briefe an seinen Bruder (S. 5 Nr. 6) erwähnt; die lat. Einleitung „über die Vortrefflichkeit der hebr. Sprache" sandte er gleichzeitig an ihn. Verfasser giebt dann ein gutes Berzeichniß der „Ausgaben der exegetischen Werke Sfornos" (S. 41—44). Bei dem Forschen nach „Quellen der Schrifterkl. Ob. Sfornos" (S. 45—42), einem Kapitel, das von der selbständigen Vertiefung in die Quellen zeugt, läßt sich Verfasser von seinem Uebereifer ein wenig fortreißen. In der Aufzählung S. 51 f. ist sicher 3, 4, 5 zu streichen. Als (S. 47) citirt Sforni nicht nur den Sifri, sondern auch Mechilta und Sifra. Der „Charakter der exegetischen Schriften R. Ob. Sfornos" (S. 53-60) läßt sich kurz als Sinn-, nicht Wortexegese bezeichnen. Die „Momente, die Sfornos Sinn für die einfache Bibelexegese bekunden" (S. 61—79) konnten ohne Schädigung des Ganzen übergangen werden. Werthvoller ist das Kapitel „Sprachliches" (S. 80—104), das manches Interessante bietet; vgl. z. B. bro, V bisa, m ltt, nm s'v- Nach einem Kapitel über „die Form der exegetischen Werke Sfornos" (S. 106—106) läßt Verf. „Stimmen über Ob. Sf." (S. 107—110) folgen. Er würde dabei gut gethan haben, auch die kurze Kritik der exegetischen Leistungen Sfornis in meiner Geschichte der Juden in Rom II. 79 anzuführen, wo in 5 Zeilen das hier auf 50 Seiten Dargestellte gesagt wird. Den Schluß der Arbeit machen dankenswerthe Mittheilungen aus Handschriften (S. I—XI). In Nr. 7 beginnt der eigentliche Brief mit Von der S. 52 versprochenen Studie über Sfornis Philosophie (vgl. übrigens S. 16—18, 19—21, 23—25, 26—35) ist dringend abzurathen. Alles in allem ist die Arbeit ein hübscher Beitrag zur Geschichte der Bibelerklärung. Dr. P. Rieger. — S. Kohn, David Speyer. Roman. 2 Bände. Frankfurt am Main 1896. A. I. Hofmann. Ein historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges, dessen Autor der auf dem Gebiete Ghettoerzählung rühmlichst bekannte S. Kohn ist. Der Roman entrollt das farbenreiche und interessante Bild einer geschichtlichen Episode aus dem großen deutschen Kriege, und zwar behandelt er die Erlebnisse der Prager Juden in jener Zeit. Im Vordergrund der Handlung steht die Gestalt eines jungen Mannes, der schon in frühester Kindheit wechselvolle Schicksale erlebt hat und mit seiner Mutter aus seiner Vaterstadt Prag, in der sein Vater eines ungerechten Verdachtes wegen Schmerzlichstes erdulden mußte, geflüchtet ist. Draußen im Reichist er von der Mutter in Gottesfurcht und Tüchtigkeit auferzogen, und nun kehrt er unerkannt und unter fremdem Namen in die Heimath zurück, wo er bei den Kriegswirren, welche über sie verhängt worden, nicht nur der Judengemeinde, sondern auch dem kaiserlichen Heere die wichtigsten Dienste leistet, voll Unerschrockenheit und Tapferkeit sich bei der Bertheidigung der Stadt bewährt, und dem es schließlich gelingt, die Ehre seines Vaters wieder herzustellen, sich selbst aber eine bis in die Wiener Hofburg geachtete Stellung zu erringen. Neben dieser Haupthandlung, deren historischer Kern dem Autor einen" dankbaren Stoff liefert, schildert oerselbe in fesselnder und anschaulicher Weise das Leben der Prager Judengemeinde, die in jenen Zeiten wohl die größte und ansehnlichste der Welt war. Mit warmem Interesse folgt man den Schilderungen des Verfassers, der mit eingehender Kenntniß der Eigenart, der religiösen und sozialen Gebräuche der Juden jener Zeitepoche einen scharfen Blick für die historischen Ereignisse und eine außerordentliche Kunst in der künstlerifchen Verwerthung derselben verbindet. L. Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! Jn der letzten Nummer erwähnt Ihr Hamburger Berichterstatter, daß Graf Waldersee die Synagoge anläßlich der Centenarfeier besucht hat. Tie Notiz ist richtig; nur ist Ihrem Referenten das kleine Versehen passtrt, daß er aus dem Grafen Waldersee den Kommandirenden des 76. Regiments macht. Etwas weiter als wie Oberst hat Graf Waldersee es nun doch gebracht. Denn, wie Ihre Leser wohl richtig vermuthen werden, handelt es sich um den bekannten General-Adjutanten unseres Kaisers und Kommandirenden des IX. Armeekorps. Uebrigens hat Graf Waldersee nicht zum ersten Mal die Synagoge besucht. Denn auch im vorigen Jahre wohnte er anläßlich der Jubelfeier des Deutschen Reiches dem Gottesdienste bei. Mit Hochachtung Hamburg, 27. März. Joseph Balk. Druck und Verlag uon Rudolf M v s s e in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.