Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-04-02 · Heft 14 (2.4.1897) · p. Seite 167

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 14 (2.4.1897)
Date
1897-04-02
Page
Seite 167 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228217--53598-3267530
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Million, die der flüchtige Kassirer mitgenommen holte; einige Mitglieder der Gruppen, die sich auf dem Marktplatz gebildet hatten, waren “geneigt, diese Summe auf. die Hälfte zu reduziren, andere bestanden auf der vollen Summe. Aus alle Fälle, darin war man einig, mußte es eine große Summe sein; eine Summe, deren Verlust eine schwere Krisis für die Fabrik bedeutete, sonst wäre die außerordentliche Verwaltnngsrathssitzung nicht mit solcher Hast einberufen worden. Die Aufregung und Spannung konnte man auf den Gesichtern Aller lesen, die sich in das Haus begaben. Awrom selbst hatte Niemand zu sehen bekommen; er war am frühen Morgen, von dem Buchhalter der Fabrik begleitet, durch eine Seitenthür eingetreteu. Punkt zehn Uhr kam Awrom aus dem Büreau des Dirigenten in,den Sitzltngssaal, begab sich, ohne mit Jemandem ein Wort zu wechseln, an feinen Platz' und schwang die Präsidentenglocke. Alle Anwesenden nahmen geräuschlos ihre Plätze ein und richteten ihre Blicke auf den Vorsitzenden. Dieser sah todtenblaß aus; blaue Ringe, die Zeichen durchwachter Nächte, umgaben seine Angen, seine Blicke wanderten unstät von der Decke nach den vor ihm liegenden Papieren, seine Wangen waren eingefallen und zeigten die gramiielirten Bartstoppeln, Schnurrbart und Haar schienen über Nacht grau geworden zu sein, so daß sie den Mann, dem man sonst nicht ansah, daß er über die Mitte der Fünfzig hinaus sei, um zehn Jahre älter erscheinen ließen; die Kleider schienen an ihm zu schlottern; seine Hand zitterte nervös, als er die Präsidentenglocke neben sich hinstellte. „Meine Herren," begann er, „ehe wir in die Tagesordnung eintreten, erlauben Sie, daß ich Ihnen den Herrn Direktor Zimmermann von der Landeskommerzialbank vorstelle, den ich unter Voraussetzung Ihrer Zustimmung zu unserer heutigen Versammlung eingeladen habe." Der Genannte, ein mittelgroßer, schmächtiger Herr, mit wohlgepflegten weißen Händen und tadellos eleganter Kleidung, erhob sich von seinem Sitze' und verneigte sich gegen die Versammlung, die diese Höflichkeit in. gleicher Weise erwiederte. „Der Grund, um deffentwillen ich Sie heute hierher berufen habe," fuhr Awrom mit gepreßter Stimme, seine Blicke auf die vor ihm liegenden Papiere gerichtet, fort, „ist Ihnen kein Geheimniß. Gestatten Sie mir vor allein, zu bemerken, daß die Lage keiu-e so verzweifelte ist, als es im Anfänge schien, obwohl sie andererseits ernst genug ist, um unsere vollste Aufmerksamkeit herauszufordern. Unser Kassirer hat sich des in ihn gesetzten Vertrauens unwürdig gezeigt, er ist unter Mitnahme einer Baarschaft von zwauzigtausend Gulden flüchtig geworden. Seine Flucht -erleichterte er dadurch, daß er um dreitägigen Urlaub in dringenden Familienangelegenheiten bat, den ich ihm nicht verweigern konnte; er übergab mir eine Summe von etwa zweitausend Gulden zur Bestreitung laufender Auslagen, nahm aber die Schlüssel .zum Tresor mit, wozu er ein vollkommenes Recht hatte. Sein Urlaub, den er am Samstag antrat, lief am Dienstag ab. Da er Mittwoch nicht zurückkam, dachte ich, er hätte mit Abrechnung des Sonntags diesen Tag in seinen Urlaub einbezogen, obwohl-mich das Ausbleiben jeder Nachricht unruhig machte. Da Herr von Aspernfeld auch Donnerstag Morgens nicht eintraf und nichts von sich hören ließ, war es meine Pflicht, die Kasse. aufsprengen zu lassen. Das Resultat dieser Untersuchung habe ich Ihnen mitgetheilt." Awrom athmete tief auf und ließ eine Pause eintreten, während welcher man. nur das Ticken der Pendeluhr vernahm. „Meine erste Pflicht war es nun," fuhr er fort, „die Polizeibehörde in Kenntniß zu setzen, und ich muß bei dieser Gelegenheit dein Telegraphisten Wräcek meinen Dank dafür aussprechen, daß er auf meine Bitte sich bereit erklärte, Nachtdienst zu thun, um etwaige wichtige Nachrichten mir sofort übermitteln zu können. Von dem Geheimdienstbnreau traf auch. noch spät Nachts die Meldung ein, daß Herr von Aspernfeld große Summen an' der Börse verloren habe, daß er noch Sonntag Abend in seinem Hotel gesehen worden, seither aber spurlos verschwunden sei." Wieder trat eine peinlich lange Pause ein, und das laute Ticken der Wanduhr hörte sich wie das Grollen eines entfernten Donners an. „Das Schlimmste -muß ich Ihnen noch mittheilen," begann Aivroni endlich wieder, indem er seine Blicke erhob und die Versammelten ruhig ansah. „Ich habe leider wenig Hoffnung, daß die Verluste, welche unsere Fabrik durch Aspernfelds verbrecherische That erlitten hat, gedeckt werden könnten, wenn man seiner trotz des viertägigen Vorsprunges, den er sich zu sichern wußte, habhaft werden könnte.. Meine Ahnung war durch den Bericht des Detektivbüreaus.zur Gewißheit geworden. Ich prüfte mit Hilfe unseres wackeren Buchhalters die Bücher und fand zunächst, daß Aspernfeld eingegangene Rechnungen, die er als Belege in der Kasse verwahrte, auf höhere Beträge gefälscht hatte. Dadurch gelang es ihm, das Revisionskomitee^zu täuschen, welches sich" — hier sah der Redner auf den Major, der gerade mit dem Spitzen eines Bleistiftes beschäftigt war — „damit begnügte, diese Rechnungen zu revidirm, ohne sie mit den Eintragungen in den Büchern zu vergleichen. Die fehlenden Summen ersetzte Aspernfeld durch werthlose Wechsel, welche zum Theil von Personen ausgestellt waren, die mit der Fabrik niemals in geschäftlicher Verbindung gestanden hatten, theils einfach erdichtete Firmennamen trugen. Im elfteren Falle hatte er Helfer, die persönlichen Kredit von der Fabrik beanspruchten, zu dem sie nicht berechtigt waren, es handelt sich also um einen Vertranensmißbrauch." — Awrom sah bei diesen Worten wieder auf den Major, der mit vollen Backen die Abschnitzel des Bleistiftes von der grünen Tischdecke herunterblies unb die Spitze an seinem linken Daumennagel prüfte. — „Im letzteren Falle handelte es sich etufach um einen Betrug." '■ Wieder trat eine Panse ein, während deren man geballte Fäuste sich erheben sah und entrüstete Ausrufe wie: „Niederträchtig! Schurkenstreich!" und' andere hörte. Awrom fuhr mit voller Ruhe fort: „Die komplizirte Art dieser Betrügereien," sagte er, „welche, obwohl mehrere Jahre fortgesetzt, dem wachsamen Auge der Revisoren entgingen, machte es mir linmöglich, Ihnen schon heute eine genaue Berechnung unserer Verluste vorzulegen, doch kann ich Ihnen heute schon die Versicherung geben, daß sie hunderttausend Gulden nicht viel übersteigen, vielleicht auch noch etwas, hinter dieser Summe Zurückbleiben dürften." „Hunderttausend Gulden, ich denke, das ist auch genug!" schrie Rosenbanm mit der ganzen Energie seiner seit der Eröffnung der Versammluilg zurückgehaltenen Aufregung. „Ich sollt's meinen!" riefen Göber und Nowak, mit der Faust auf den^Tisch schlagend. „Adelige Privilegien!" bemerkt^ Buchmaier lächelnd. „Was," schrie Hasset, „ein Herr von will er sein, ein gemeiner Diebskerl ist er." „Mäßigen Sie sich, meine Herren," sagte Pfarrer Weber, „Verwünschungen werden uns nicht zum Ziele führen." Diese Worte hatten aber nur den entgegengesetzten Erfolg. Die bäuerlichen Mitglieder schrieen um so lauter, und Rosenbaum half ihnen mit seiner ganzen Lungenkraft. „Aufhängen soll man so einen Kerl!" rief er.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.