Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1897)
- Date
- 1897-04-02
- Page
- Seite 166 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Jubel machte einer plötzlichen unheimlichen Stille Platz. Aengstlich und fragend irrten die Blicke der Kinder von der wie -vom Donner gerührten Magd zu den Eltern hinüber, die Mutter war vor Schrecken zusammengesnnken, der Vater aber erhob sich von seinem Ruhepolster: „Was. giebt's, Katinka?" Diese versuchte zu antwortenkonnte jedoch nur ein unverständliches Glucksen von sich geben und wies schaudernd mit der Hand nach dem Keller hinunter. Da ergriff R. Abraham eine von den Kerzen, die auf dem Tische standen, drängte die Magd .zur Seite und stieg in den Keller hinab. Eine bange Minute verstrich — endlich tauchte sein Kopf aus der Tiefe des Kellers empor. Sein Antlitz erschien so weiß, wie das Lodtenhemd, das ihn umfloß, wie das linnene Käppchen, das sein Haupt bedeckte. In der Linken das Licht, mit der Rechten eine in einem Sacke befindliche Last schleppend, herrschte er die noch immer wie geistesabwesend an die Wand gelehnte Katinka mit heiserer Stimme an: „Heiz' den Ofen!" und wiederholte, als sie die bleischweren Glieder nur langsam und mit verstäudnißlosem Blick in Bewegung setzte, eindringlich: „Schnell, heiz' den Ofen!" Stumm und bebend standen Alle da, während Katinka mit zitternden Händen die Holzstücke in den Backofen schob und in Brand setzte. Als die Flammen ausflackerten, da setzte R. Abraham den Leuchter auf die Erde, packte mit beiden Händen den Sack und schleuderte ihn in die Gluth hinein, worauf er die Ofenthüre verschloß. Dann ging er in das daneben befindliche Schlafzimmer, wusch sich Hände und Gesicht, stieg, eine andere Flasche Wein zu holen, nochmals in den Keller hinunter und kehrte dann mit schweren Schritten zu seinem Platze am Tisch zurück! „Ein Bilbul," ]) murmelte er, erschöpft sich niedersetzend, doch dem verstörten, fragenden Blicke Tölzeles begegnend, erhob er sich wieder und sprach mit deutlicher, wenn auch etwas gedämpfter Stimme: „Mein liebes. Weib und ihr, meine lieben Kinder! HaschemjisboracP) hat uns heute aus einer sehr großen Gefahr errettet. Ihr aber forschet nicht weiter und sollt keinem Menschen sagen, was Ihr hier gesehen habt, sonst geht.es uns allen ans Leben. Laßt uns Gott preisen und ihm danken, daß er Wunder gethan an unserem Volke von den frühesten Zeiten bis auf den heutigen Tag!" Und nun vollendeterer den Seder nach Vorschrift, und als der Gesang verklungen und die Kinder zu.Bett gebracht waren, saßen die Gatten noch eine Zeit lang flüsternd und Rath haltend bei einander, „Wenn sie's nicht finden, Äwroinel, wird der Rosches) der es hierher geschafft, doch nicht eher ruhen, als bis er uns und die ganze Gemeinde ins Unglück gestürzt hat." „Recht magst Dis wohl haben, mein armes, geängstigtes Kind, aber was können wir Menschen ckhnn, Haschemsisborach wird schon helfen." „Äwroinel, ich beschwör' Dich, laß uns fliehen, noch hellte Nacht, ehe der Rosche uns und unsere unschuldigen Kinder unglücklich macht. Bevor noch unsere Unschuld erlviesen ist, hat er uns längst den Pöbel auf den Hals gehetzt, dieses Haus zerstört und unsere Kinder, gemordet." R. Abrahain' stützte das Haupt auf die Hand inld sann noch einen Augenblick, nach; daun umarmte er innig sein Weib und sprach entschlossen: „Gut, es sei! Hole mit Katinka die Kinder aus den Bettel! heraus, ziehet sie an und geht mit ihnen zu dem armen Czarlinski, dein ich vor 14 Tagen, als seine Kuh krepirte, eine ändere geschenkt habe. Er schwur mir ewige Dankbarkeit, und ist er auch ein armer Teufel, so ist er doch ein ehrlicher und guter Mensch, der uusffo lauge in fetuem Hause verbergen wird, bis es. uns gelingt, unbenlerkt diesen Ort zu verlassen. Auch alles Silber und Gold.. .*) Eine Verleumdung. 8) Gott, gelobt sei er. 3) Judenfeind. und alles, was Du an Dich nehmen kannst von Kostbarkeiten, nimm zugleich mit, denn in dieses'Haus werden wir schwerlich jemals zurückkehren. Wie einst Israel, so wollen auch wir dieselbe Nacht hinausziehen im Vertrauen darauf, daß Gott uns durch alle Gefahren . und Mühseligkeiten der Wanderung führen werde in ein Land, wo wir in Ruhe und Frieden wohnen können. Ich aber muß noch einige Stunden hierbleibeu, um das Werk zu vollende^ damit nicht die ganze Gemeinde durch den Bilbul in Gefahr gerathe; dann komme ich, so Gott will, Euch nach."— Weinend und Gottes Schutz auf das Haupt des gefährdeten Gatten herabflehend, hing Tölzele noch, einmal an seinem Halse. Dann riß sie sich los und eilte zu ihren Kiilderu. Bereits nach einer halben Stunde verließ die ganze Familienebst der treuen Katinka unter dem Schutze der Dunkelheit das Hans durch ein Hinterpförtchen. — Sie sollten es nie wieder betreten. — — (Schluß folgt.) Aridere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit von Gotthard Deutsch. - / Dreißigstes Kapitel. Die Verwaltungsrathssitzung. ls die Chewra in später Abendstunde sich trennte, sah man im Komtor der Fabrik noch Licht. Awrom saß mit dein Buchhalter zusammen über den Geschästshüchern. Er hatte das Gebäude den ganzen Tag nicht verlassen und sich sogar sein Mittag- und Abendbrod, das er kaum berührte, nach der Fabrik bringen lassen. Der Depeschentrüger des Telegraphenamtes, der sonst. ein beschauliches Leben führte, war nnzähligemal nach der Fabrik gegangen und hatte immer Antwortdepeschen gebracht; der Telegraphist wurde am Abend noch aus deni Gasthause geholt, und während er sonst sich streng an seine Amtsstunde hielt und nach sechs Uhr für Niemanden zu sprechen war. that er jetzt einen hastigen Schluck aus seinem Glase, mn dem Boten sofort zu folgen. Noch auffälliger war sein Betragen, als er zurückkehrte und sich weigerte, zn nennen, wer ihn gerufen habe, und als er endlich vor seiner gewöhnlichen Zeit anfbrach, weil er die Nacht über auf seinen! Posten sein müsse, war des Kopfschüttelns kein Ende. Spät Abends gegen elf Uhr kam ein Bote aus der Fabrik ins Gasthaus, bestellte im Narnen des Herrn Bürgermeisters ein Zimmer für einen fremden Herrn und verlangte das Beste, was die Wirthschaft in dieser späten Abendstunde auftreiben könne, zum Abendbrod, um es in die Fabrik zu tragen. In einer Ecke des Saales saßen der Dechant, der Major mit Herrn Fassek und zwei anderen begüterten Bauern aus der Umgegend, Nowak und Gobert, im eifrigen Gespräch, das stets im Flüstertöne geführt wurde. Jedermann wußte nun, daß etwas Ernstes vorginge, und am nächsten Morgen war es allgemein bekannt, daß der Kassirer der Zuckerfabrik, Herr von Aspernfeld, große Summen, die er durch gefälschte Wechsel erlangt hatte, auf der Börse verspielt habe und, als er die Verluste nicht mehr bemänteln konnte, unter Mitnahme aller erreichbaren Baarbestände flüchtig geworden sei. ■ Darum war für heute eine außerordentliche Versammlung des Verwaltmigsrathes einberufen worden. Eine große Zahl von Neugierigen war in der Nähe des städtischen Sparkassengebäudcs versammelt, um. die Fremden zn sehen, welche sich nach dem Sitzungssaal begeben hätten, und womöglich die ersten Neuigkeiten aufzufangen. Das Gerücht sprach von einer