Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1897)
- Date
- 1897-04-02
- Page
- Seite 165 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Unweit dieser lärmenden, hüpfenden Gruppe, sie mit finsteren Blicken betrachtend, standen zwei Männer. Der Eine, welchem der MeHgerstahl an der Seite hing, ein robuster Kerl mit langen, buschigen Augenbrauen, unter welchen tückische, stechende Blicke hervorlugten, redete auf den Anderen, eine kleine, sehnige Gestalt mit stumpfem, verkommenem Gesichtsausdruck, flüsternd ein: „Jaschko, ich sage Dir, es ist keine Sünde, dieses verfl. . . Volk, das unfern Heiland gepeinigt, zu verderben! Und was ist es denn schließlich, worum es sich handelt: Ein todtes Kind, ein Bastard, das weder Vater noch Mutter mehr hat; ob es die paar Stunden in Deiner Leichenkammer oder irgendwo anders liegt — nachher wird's ja doch begraben." — Der Andere schüttelte ängstlich den Kopf: „Geht nicht, Pani, geht wirklich nicht! Ich kann um mein Brod kommen; wenn dann Jemand das Kind erkennt" —. „Narr! erkennt! Wer kann es denn erkennen? Vielleicht die alte, halbblinde Muhme, die eine Viertelstunde weit von hier entfernt wohnt und kaum drei Häuser weit humpeln kann! Wer hat denn sonst das Kind gesehen? Nein, nein, mein Lieber! es bleibt so, wie ich gesagt: Du schaffst die kleine Leiche, sobald es dunkelt, heimlich in mein Haus und überläßt mir dann das Weitere. Keine Widerrede, Jaschko," wehrte er den sich noch Sträubenden ab, „die schönen Würste, die ich erst gestern gemacht und eine Flasche vom besten, schärfsten Branntwein," — hier belebten sich die schlaffen Züge des Todtengräbers — „gelt? die werden Dir schon die Gewissensbisse vertreiben. Also reinen Mund und — Wort gehalten: bis auf heute Abend!" Damit reichte er Jaschko die Hand, und dieser trottete nickend von dannen. Der Metzger aber hob drohend die Faust gegen die lustige Kiuderschaar: „Warte nur, Judenbrut! Morgen sollst du anders tanzen!" II. „Welii scheomdo. Das ist unseren Vätern und uns selbst geblieben, daß nicht ein Einzelner, sondern gar Viele und in jedem Zeitalter sich gegen uns erhoben haben, um uns gu vernichten, daß aber der Heilige, gelobt sei er, uns stets errettet hat aus ihrer Hand." Bei diesen Worten erhob der fromme R. Abraham Kohn seinen vollen Kelch und schaute mit verklärtem, von Gottvertrauen erfüllten Antlitz aus die Glieder seiner Familie, welche in Hellem Lichterglanze an der festlich geschmückten Sedertafel, ein Jeder sein Glas in der Hand, in seinen Gesang einstimmten, und der Strahl freudiger Zuversicht, welcher in seinen Augen glänzte, warf einen Widerschein auch auf die Gesichter der Seinen. Nur Tölzele, sein Weib, blickte mit bekümmerter Miene von ihrer Hagada auf, und Thränen schinnnerten in ihren treuen, braunen Augen. Bei diesem Anblick trübte ein leichter Schatten die edlen, von einem dunklen Vollbart umrahmten Züge des in seinem Sargenes*) einem Priester gleichenden Hausherrn, und den erhobenen Kelch niedersetzend, raubte er sich fragend an seine Gattin: „Was hast Du nur heute, Tölzele-Leben? Vierzehn Jahre, unberufen, sind wir schon verheirathet, aber noch keinen Sederabend hast Du mir so ein betrübt Gesicht gemacht wie heut'." „Ich weiß nicht, was mir ist," erwiederte Tölzele beklommen, „aber, mir ist grad' so zu Muth, als stünde uns ein schweres Unglück bevor. Wie ein Alp liegt mirs auf der Brust, und alle paar Minuten schrecke ich zusammen und bilde mir ein. irgend ein unheimliches Geräusch zu hören." In diesem Augenblicke ließ sich draußen ein leiser, scharrender Ton vernehmen. Tölzele sprang entsetzt auf, bis an die Lippen Z Das weiße Todtengewand, welches an diesen Abenden getragen wird. erblassend : „Katinka, Katinka!" Und die alte treue Magd, die sie noch als Kind auf den Armen getragen, eilte herbei und mußte vor der Hausthüre Ausschau halten, konnte jedoch nichts entdecken, als einen undenklichen Schatten, welcher, in der Dunkelheit vorbeihuschend, ebenso von einem Hunde wie von einem Menschen herrühren konnte. Auch R. Abraham konnte sich hierbei eines unbehaglichen Gefühls nicht ganz erwehren, suchte jedoch desselben Herr zu werden, indem er scherzend bemerkte: „Das ist gewiß Eilijohu haiinowN) gewesen, der uns auf seinen heutigen Besuch vorbereiten wollte; nun mußt Du ihm auch einen recht vollen Becher einschenken." Aber Tölzele schüttelte ernst das Haupt: „Awromel, ich will Dir offen sagen, was mich so besorgt und unruhig macht. Du weißt es ja, der neue König ist uns Juden nicht sonderlich gut gesinnt, und da glaubt jeder Lump, er könne uns etwas anthun. Gestern sah mich der Metzger Borowski, den Du neulich wegen einer alten Schuld von 100 Gulden verklagt hast, mit so haßerfüllten Blicken an, und heute Vormittag hat er nach einem Gespräch mit dem Säufer Jaschko den jüdischen Kindern, die sich beim Chomezverbrennen herumgetummelt haben, grimmig mit der Faust gedroht, — unser Chajimchen, der auch dabei gewesen, hat es deutlich gesehen, — ich fürchte, dieser schreckliche Mensch wird uns noch in große Gefahr bringen und uns verderben, wenn Gott uns nicht ganz besonders beschützt." „Sei nur ruhig, mein Kind, heute ist Leil schimurim,^) heute wird uns Gottes Schutz sicherlich nicht fehlen." Und damit setzte R. Abraham, lange nicht mehr so heiter wie zuvor, den Vortrag der Hagada fort. Aber je weiter erlas und saug von den Wundern, die Gott an Israel gethan, desto mehr klärte sich sein Antlitz wieder auf, und auch in Tölzele gewann dabei allmälig das Gottvertraueu die Oberhand über die trübe Stimmung ihres geüngstigten Herzens. So ging die erste Hälfte der Seder vorüber,-das ungesäuerte Brod und die Bitterkräuter waren genossen und die Mahlzeit mit den üblichen. Sedergerichten in verhältnißmüßig fröhlicher Laune fast beendet, als der kleine siebenjährige Chajim, der den Kopf voll toller Streiche hatte, den Umstand, daß er an der linken Seite des Vaters saß, bagtt benutzen wollte, den daselbst aufbewährten Afikaumon^) heimlich zu entwenden, um nachher bei der Rückgabe dieses nothwendigen Seder - Requisits sich ein Schaukelpferd, den Gegenstand seiner sehnlichsten Wünsche, ausbitten zur dürfen. Allein in der Hast stieß der kleine Mann die danebenstehende Weinflasche um, so daß diese zerbrach und das köstliche Naß auslief. Tölzele, obwohl über diesen Schaden nicht sonderlich erbaut, mußte doch in das allgemeine Gelächter über das mißlungene Attentat des Nesthäkchens einstimmen und schickte, um die Gläser zum Tischgebet wieder füllen zu können, die Magd nach einer anderen Flasche in den Keller hinunter. Noch war das Gelächter nicht ganz verstummt, als man plötzlich aus dem Keller einen nur mühsam gedämpften Schrei des Entsetzens vernahm und auch schon im nächsten Augenblick Katinka auf der obersten Sttlfe der in das Zimmer selbst hinaufführenden, durch die geöffnete Fallthüre sichtbaren Kellertreppe erblickte. Sie war blaß wie der Tod, ihre Kniee schlotterten, die Hände hingen ihr schlaff herab, und ihre Lippen bewegten sich bebend, ohne einen Ton hervorbringen zu können; ein Bild grauenvollen Entsetzens. Der laute 0 Der Prophet Elia, für welchen auf jeder Sedertafel ein Becher Wein bereit gestellt wird. 2) Die Nacht der besondern Obhut. 3) Der Nachtisch, eine halbe Mazza, welche von vornherein zurückgelegt wird, um nach Abschluß der Mahlzeit zum Andenken an das Pessachopfer genossen zu werden.