Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1897)
- Date
- 1897-04-02
- Page
- Seite 164 (sequence 8)
- Language
- German
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161 Reiches Gottes auf Erden erzogen werden, sondern durch Israel alle Völker, — die von dem verzückten Seher verkündeten Worte: „Höret, ihr Inseln, auf mich, und horchet auf, ihr Völker in der Ferne! ... Gott spricht: Es ist zu gering, daß du mein Diener seiest, aufzurichten die Stämme Jakobs und die Verwahrloseten in Israel zurückzuführen; ich mache dich zum Lichte der Völker, daß mein Heil reiche bis zum Ende der Erde" haben ' sich glänzend bewahrheitet, denn die Anfänge des Christenthums müssen mindestens 750 Jahre vor Christi Geburt in die Epoche verlegt werden!, in welcher die gottbegnadeten und gottinuigen Propheten durch Vertiefung und Verinnerlichung der mosaischen Lehre ihr das Schicksal des Vogels Phönix bereiteten, sie zur universalen Ethik abklärten. Ihr unvergleichliches Verdienst ist es, daß das Judenthum nach Jahrhunderte lang währenden Kämpfen gegen den Polytheismus und den rohen, grob sinnlichen, selbstischen Naturalismus, welche den schon von Anfang an im Prinzipe alleinigen jüdischen Gott und seine Heiligung durch die in seinem Ebenbilde erschaffenen Wesen gefährdetes! und überwucherten, den strengen Monotheismus auf die Fahne der Kultur geschrieben, den einig - einzigen, unsichtbaren, übersinnlichen Gott erkannt hat, welcher aus Liebe die Welt geschaffen und die reine, lautere Religion geosfenbart hat, in deren Mittelpunkt die an den kategorischen Imperativ des großen Königsberger Weltweisen gemahnenden Gebote: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" und „Heilig sollet ihr sein, denn heilig bin ich der Ewige, euer Gott" stehen. Es klingt fürwahr wie Sphärenharmonie, wenn die Propheten ihrem Volke zu bedenken geben, daß der wahre Gottesdienst durchaus nicht etwa in äußeren Ceremouien, sondern in der Läuterung des inneren Menschen, in der religiösen Gesinnung und sittlichen That besteht, daß der Buchstabe tödtet und der Geist belebt, wenn z. B. Jesaias (1, 10 — 17), entflammt von heiligem Feuereifer, an Israel den eindringlichen Appell richtet: „Höret des Herrn Wort, ihr Fürsten von Sodom, nimm zu Ohren unseres Gottes Gesetz, du Volk von Gomorra. Was soll mir die Menge eurer Opfer? spricht der Herr. Ich bin satt der Bcaudopfer von Widdern und des Fettes von den Gemästeten und habe keine Lust zum Blute der Farren, der Lämmer und Böcke. . . . Bringet nicht mehr Speiseopfer so vergeblich! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel. . . . Meine Seele ist Feind euren Neumonden und Festen, sie sind mir zur Bürde, ich kann sie nicht mehr ertragen. Und wenn ihr schon eure Hände ausbreitet, entziehe ich euch doch meine Augen; wenn ihr eure Gebete noch so sehr vermehret, so höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blutes. Waschet, reiniget euch, thut euer böses Wesen hinweg von meinen Augen, lasset ab von Uebelthat; lernet Gutes thun, trachtet nach Recht, helfet dem Unterdrückten, schaffet dem Waisenkinde Recht und führet der Wittwe Sache." Der Fortsetzer des alten und authentischen Jesaias, jener so wunderbare religiöse Genius, welcher unter dem Namen des zweiten Jesaias bekannt ist, faßt das Verhältniß des Volkes zu Gott als einen Ehebund auf und brandmarkt den Abfall von Gott zu anderen Göttern als Untreue und Buhlerei. Desgleichen läßt Jeremias (31, 2, 3) Gott zu Israel als seiner Geliebten und Verlobten sprechen. Nach der babylonischen Gefangenschaft finden wir den Geist der Propheten leuchtender wieder als jemals bei den herrlichen Schriftstellern des sechsten Jahrhunderts vor Christus, deren Traum ein Gottesdienst ist, welcher für die ganze Menschheit passend wäre. So ist das ganze Leben und Schicksal der Israeliten durch den Monotheismus gekennzeichnet und beherrscht. Sie haben gelitten und gestritten, um jene religiössittliche Einheit zu verwirklichen, welche die reifste und reichste Frucht ihrer Kultur, die kostbarste Perle an der Krone ihrer Verdienste geworden ist. (Schluß folgt.) - .—II— IL WlllWWM MMnm W 1 1 FEUILLETON i 1 -1 1—I 1----—J- — —-—Hl i—i mrnmim i—^ Keif den Ofen. Als Beitrag zur Geschichte der Blutlüge nach einer alten Familientradition erzählt von Landrabbiner Dr. Loevy in Birkenfeld. I. war um die Frühlingszeit des Jahres 1574. Wenige Wochen zuvor hatte nach längerem Interregnum, während ein Gewebe von Ränken und Jntriguen sich nbspann, Herzog Heinrich von Anjou den polnischen Königsthron bestiegen. Da seine Wahl nicht zum geringsten Theile durch den am türkischen Hofe mächtigen Einfluß Salomo Aschkenasis durchgesetzt war. — eines jüdischen Staatsmannes, der vorher Leibarzt des verstorbenen Königs Sigismund August von Polen gewesen, — so schien fürs Erste die Hoffnung der polnischen Juden berechtigt, sie würden unter dem neuen Herrscher genügenden Schlltz vor dem sich immer stärker regenden Fanatismus der katholischen Geistlichkeit und dem über ihre Privilegien wachgewordenen Neide des Pöbels finden. Allein die Einsichtigen und -Erfahrenen unter ihnen konnten dennoch die Furcht nicht unterdrücken, daß der Sohn einer Katharina v. Medici und Bruder eines Karl IX., welche einst gemeinschaftlich die furchtbaren Greuel einer Bartholomäusnacht an andersgläubigen Christen anszuüben vermochten, auch mit den Inden gewiß nicht schonungsvoll Verfahren würde. Diese Befürchtung sollte sich nur zu bald erfüllen. Unbestinunte Gerüchte durchschwirrten die Luft. Bald hieß es, der König wolle den Juden ihre Privilegien nehmen, bald sogar, er wolle sie gänzlich vertreiben. Eine drückende Schwüle lastete auf allen jüdischen Gemüthern, so daß sie von dem -befreienden Hauche des herannahenden Erlösungsfestes nicht viel verspürten. Nichtsdestoweniger ging man mit dem gewohnten Eifer au die mannigfachen Vorbereitungen zu den festlichen Tagen und selbst der Hunior, mit welchem inan einzelne trockene Bräuche zu würzen pflegte, fehlte, besonders bei der Jugend, auch in dieser trüben Zeit nicht völlig. Auch in der Jndengaffe des polnischen Städtchens X. tummelte sich Nachmittags am Rüsttage des Peßachfestes eine Schaar meist dürftig gekleideter Kinder in lustigen Sprüngen und mit übermüthigem Geschrei um einen hochaufflammenden Holzstoß, welchem die ganze Nachbarschaft die letzten, sorgsam zusammengesuchten Reste des Gesäuerten zur Vernichtung übergeben hatte. Sie hatten nach ihrer Meinung Grund genug, lustig zu sein, diese Buben und Mädchen. Denn erstens hatten sie noch den süßen Geschmack von dem Kuchen des Sijun^) im Munde, dann winkten ihnen am heutigen Abend die üblichen unvergleichlichen Mazzo-Knödel, und schließlich — was auch nicht ganz zu verachten war — gingen, heute ihre neuntägigen Ferien an. Welches ahnungslose Kinderherz, und schlüge es unter einem noch so ärmlichen Kittel, niußte da nicht voll Lust und Jubel aufjauchzen. *) Ein im Anschluß an die beendete Durchnahme eines Talmudtraktates am Rüsttage zum Pessachfeste stattfindendes Freudenmahl, an welchem die Erstgeborenen, die an diesem Tage sonst fasten müssen, theilhmen dürfen.