Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1897)
- Date
- 1897-04-02
- Page
- Seite 163 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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—- 163 - — Unter den Völkern,, welche im Laufe der Jahrhunderte das Ihrige zur Erreichung dieses hohen Zieles beigetragen haben, stehen die Israeliten in erster Reihe. Durch sie erhielt das große Prinzip der Einheit und Gleichheit zu allererst, wenn auch in beschränktem Kreise, eine' mächtige religiös-sittliche Grundlage, welche durch keine Spaltung oder Trennung je untergraben werden konnte. Trotz aller Zerstreuung war und blieb für jeden Israeliten, wo immer er sich auf der weiten Welt befinden mochte, der Tempel .in Jerusalem das einzig wahre, über alles theure Heiligthum. Dorthin strömten dreimal im Jahre Wallfahrer von nah und fern zur Feier der großen Jahresfeste zusammen. Die Tempelsteller wurde aus allen Ländern gewissenhafter als später der Peterspfenuig eingebracht. Auf der Insel Kos erbeutete einstmals nach der Angabe des . Flavins Josephus (Antiq. Jud. XIV, 12) der politische König Mithradates eine zu diesem Zwecke bestimmte Summe von 800 Talenten. Ohne Uebertreibung konnte daher Philon (ad. Gai. p. 587) rühmend sagen: „Jerusalem ist nicht die Hauptstadt Jildäas allein, sondern fast der ganzen Welt", oder (de mon. p. 821) „es giebt nur einen Gott und deshalb auch nur einen Tempel". Als später dieser Mittelpunkt zerfiel, nachdem Jerusalem durch Titus zerstört, durch Hadrian in eine römische Militärkolonie umgewandelt, durch Konstantin endlich zur heiligen Stadt der Christenheit erhoben, worden war, vereinigten sich die Israeliten in dem Glauben an den Gott der Gnade und des Erbarmens, in der Hoffnung auf die zukünftige Eillheit des Menschengeschlechtes in der Gotteserkenntniß, welche Jesaias so idyllisch ausgemalt hat, in der Hingabe an die Bibel, welche das Buch der Bücher, das Buch der ganzen Welt, der Geistes- und Sittlichkeitsquell der gesummten civilisirten Menschheit geworden ist, und in den von einem entschiedenen Altruismus getragenen, lediglich von der Rücksicht auf das Gemeinwohl eingegebenen Gebeten, welche durchwegs auf den Akkord: „Herr, erhöre unsere Stimme, sei schonend, milde und barmherzig gegen uns" gestimmt sind. Sie fanden überdies ein neues Einigungsband in dem Talmud, welcher die genaueste Erläuterung des Gesetzes für alle @tn3eIX)eUcn öon Se^re, Leben und Glauben in sich faßt. Der felsenfeste Glaube blieb der Rettungsanker für den im Schiffbruche der Zeiten zerschlagenen Rächen des Volkes Israel; er hat das erstaunliche Wunder gewirkt, daß es den Verlust seiner nationalen Selbständigkeit Jahrtausende überdauert hat, daß es, obgleich zertrümmert und zersplittert, doch ein Ganzes darstetlt und allein unter allen Völkern dem Triebwerke der Weltbegebenheiten unentwegt Trotz bietet. Mitten unter den Völkern steht unerschütterlich ein altes Volk, aufgelöst und in alle Windrichtungen zerstreut und doch eine Einheit bildend, ein unzerstörbares Gebäude des grauen Alterthums. Wie kleinlich und dürftig nehmen sich neben der-in Israel waltenden und von innen heraus sprossenden Solidarität die von den militärischen Weltreichen dem Einheits- und Gleichheitsprinzipe geleisteten Dienste aus! In Asien erreichte das System der Weltherrschaft seine-Mittagshöhe durch Persien, das seine Arme über drei Welttheile ausbreitete. Aber ebenso wenig als Aegypten,Babylonien- Assyrien und Medien gelang es Persien, die innere Kraft mit der äußeren Macht ins Gleichgewicht zu bringen; es verstand meisterhaft die große Kunst des Siegens und'des Eroberns, nicht die noch größere des Regierens und Organisirens. Der Militärdespotismus suchte zu ausschließlich sein höchstes Ziel in physischer und numerischer Ueberlegenheit und unterlag daher einem einzigen wohlgeführten Stoße. Unter den Flügeln Macedoniens wurde in noch größerem Umfange und mit noch dauerhafteren Folgen der Orient und Occident zu einem Ganzen verbunden, durch den belebenden Einfluß der griechischen Staatsprinzipien, der griechischen Kunst und Wissenschaft die Kluft zwischen den. Nationen der . damaligen Welt ausgefüllt. Von weit größerer Bedeutung, als das griechisch-macedonische Reich für den Orient gewesen war, wurde für den Occident das römische; in .dem das System der Weltherrschaft sich zum höchsten Gipfel der Vollkommenheit, deren es fähig war, emporrang. Das römische Reich ruhte auf der Grundlage tief durchdachter Politik, daher sein Umfang, seine Kraftfülle und Dauer, welche ihresgleichen nicht haben; es "gelang ihm unübertrefflich, die unterjochten Völker als Glieder eines fest abgeschloffenen Staatsorganismus zu vereinigen, sie zu derselben Kulturstufe zu erheben, in ein befreundetes Verhältniß zu einander zu bringen, durch das Band gleicher Sprache, gleichen Rechtes und Gesetzes zu umspannen und zugleich die allerorten zerstreuten Elemente menschlicher Geistesentwickelung in seinem Schooße zu sammeln und zu einem unvergänglichen Erbtheil für die nachfolgenden Geschlechter zu verarbeiten. Das war. eine-Einheit, eine Gleichheit, eine Gemeinschaft, wie sie die Welt nie zuvor in solchem Maße und in solcher Ausdehnung gesehen hatte. Sie führte von. selbst zu der von Cicero gar oft beredt ausgesprochenen Ueberzeugung, daß alle Völker von einem Geschlechte abstammen, alle Menschen. Naturgenossen und deshalb auf die Verbrüderung angewiesen seien. Allein das stolze Gebäude, welches nach Jahrhunderten und abermals Jahrhunderten harter Arbeit bis zur Zinne vollendet war, zerfiel in Trümmer und mußte mit Notwendigkeit in Trümmer zerfallen. An der politischen Einheit und Gleichheit haftete nämlich von Anfang an ein organisches Gebrechen; sie vernichtete unwiderruflich das theuere Kleinod der politischen und nationalen Freiheit. Nachdem sie ihre Aufgabe rühmlich gelöst und sich selber demzufolge überlebt hatte, räumte sie das Feld, um einer Einheit von höherem Werthe Platz zu machen, welche ihrem Wesen nach der Nationalität ihr volles Recht widerfahren läßt und von Haus aus auf rein sittlicher Grundlage fußt. Den neuen Bedürfnissen entsprechend, trat das Christenthnm auf die Weltbühne, um ein internationales Band um die verschiedenartigsten Völker zu schlingen, wie sehr sie auch sonst einander widerstreben mochten. Ist die Urgeschichte des Christenthums aber im Grunde genommen etwas anderes als wesentlich die Geschichte des Judenthums? Liegt das Geheimniß seines Werdens nicht in den heiligen Büchern enthüllt vor uns? Ist die Welt nicht jüdisch geworden, indem sie sich zu den Grundsätzen der Demuth, Milde und Menschlichkeit bekehrte, welche von Jesus und seinen Jüngern gepredigt wurden? Lehrt Jesus etwas anderes als die mit Moses, dem größten Lehrer der Menschheit, eröffnete stattliche Reihe der Gottesmänner, welche in schön gestimmter, harmonischer Menschlichkeit eine im Geiste und^ Gemüthe lebendige Religion verkündeten, deren Leitmotiv sich in den zwei Versen des Olympiers Goethe: „Es reget sich die Menschenliebe, Die Liebe Gottes regt sich nun" klar spiegelt? Es sei mir gestattet, als klassischer: Zeugen hierfür Lessing anzuführen, welcher dem Klosterbruder die Worte in den Mund legt: „Nathan! Nathan! Bei Gott, Ihr seid ein Christ! Ein bess'rer Christ war nie!" und den. Angesprochenen hierauf antworten läßt : „ . . . Wohl uns! Denn was Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir Zum Juden!" Der gegen das Ende des babylonischen Exils von Jesaias (49.1,6) ausgesprochene Gedanke, der jüdische Gott sei kein nationaler, sondern ein internationaler Gott, Israel solle nicht allein zur Errichtung des