Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-04-02 · Heft 14 (2.4.1897) · p. Seite 162

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 14 (2.4.1897)
Date
1897-04-02
Page
Seite 162 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228217--53593-3267525
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

-vor die „heilige Synode"- in Sofia gehöre, und rieth, dieser ihr Ansuchen, vorzutragen. Der -Vorschlag des Oberhauptes .der bulgarischen Kirche wurde acceptirt; die Repräsentanten verstärkten sich durch einige hiesige Gemeindemitglieder und erhielten auch den gewünschten Vorlaß. Die heilige Synode bedauerte durch den Mund ihres Sprechers diese lügenhaften Ausstreuungen, wies darauf hin, daß es den Porawoslawny vor Jahrhunderten so erging, daß auch diese von der Blutlüge und ähnlichen Denunziationen zu leiden hatten und erklärte, sie werde in einer Kurrende an die ihr unterstehende Geistlichkeit diese Verleumdung brandmarken und es nicht zugeben, daß der Friede seitens ihrer religiösen Vertreter gefährdet werden solle.. Ermuthigt durch diesen Trost, begaben sich die Herren der Deputation in die diversen Ministerien. Der Ministerpräsident Stoilow entschuldigte sich, die Deputation nicht schon früher wegen Geschäftsüberhäufung empfangen zu haben; er meinte, daß die Bulgaren an derlei Märchen nicht glauben, und daß die Juden ganz ruhig und vertrauensvoll in die Zukunft blicken dürfen; darauf entließ er sie in wohlwollendster Weise. Allein dem Herrn Ministerpräsidenten Dr. Stoilow möchten wir darauf repliziren, daß wir Inden wohl in Hinsicht der Blutbeschuldigung ein ganz ruhiges Gewissen haben, allein unsere Nachbarn, die Bulgaren, haben es leider nicht, und es hält auch schwer, dieselben vom Gegentheile zu überzeugen. Besonders Peinlich wird es einem jüdischen Hauswesen, das christliche - Dienstboten in Lohn nehmen muß, die kaum, daß dieselben den Schochet erblicken, bei seinem rituellen Schächtakte sofort verschwinden. Alle diese schönen-, beruhigenden Versicherungen zweier so maßgebender Instanzen haben nur dann einen bleibenden Werth, wenn der Sobranje ein Gesetzentwurf vorgelegt wird, welcher alle Blutbeschuldigungen als lügenhaft erklärt, so daß kein Jude mehr deshalb vor Gericht gestellt werden darf. Bis zur Stunde wurde noch keine solche Vorlage gemacht, obschott ja die Kammer keine Lueger, Schneider, Gregorig, German et tutti quanti unter ihren Mitgliedern besitzt, um die österreichischen Parlamentsskandale zu provoziren oder blos nachzuahmen. Weil wir schon nolens volens auf den Antisemitismus zu sprechen gekommen, mag hier noch mitgetheilt werden, daß Fürst Ferdinand den zu'4jährigem Gefängniß verurtheilten Strohmann und Antisemiten Mitakow nach Verbüßung eines Theiles seiner Strafzeit begnadigt hat. Hoffentlich kehrt der genannte Antisemit nicht mehr zum Redaktionstisch, eher aber zu seiner bürgerlichen Beschäftigung zurück. Dieser wird demgemäß nicht mehr auf die Juden, sondern auf die Steine seines geduldigen Straßenpflasters nach Herzenslust loshämmern können. Die besondere Sorgfalt, welche die Alliance Israelite Universelle feer Sofiaer Gemeinde der Sephardim zuwendet, nimmt geradezu einen rührenden Charakter an. Sie versieht die Schule mit einem „Directeur" wie mit einem Lehrer für die französische Sprache; eine gleiche Fürsorge läßt sie auch der Mädchenschule angedeihen. Die Allianz hat zum Neubau der Mädchenschule über 10 000 Frcs. in Gold, also den vierten Theil der effektiven Baukosten, der Knabenschule 15 000 fl. beigesteuert, also in runder Summe 25 000 Frcs. in dem verhältnißmäßig kurzen Zeiträume von 3—4 Jahren* Eine weitere Großthat erweist die Allianz durch Hersendung einer Lehrerin für Frauenschneiderei aus Paris, ^wodurch die jüdischen Schülerinnen in den Stand gesetzt sein werden, durch diesen Erwerb ihr Brod zu verdienen, mindestens die sonst trägen Hände zu ^nützlicher haus-, hälterischer Thätigkeit zu gebrauchen. Gestützt auf all das, stellte Ihr Berichterstatter den Mitgliedern des Comite scolaire wie denen des synagogal den Antrag, diesen neuen Schulen die Namen unserer größten Wohlthäter beizulegen : Moses und Judith Montefiore, eventuell Baron Moritz und Clara Hirsch, — was. aber aus nichtigen Gründen abgelehnt wurde. Nimmt man den Umstand in Betracht, daß die Bulgaren ihren Schulen Namen ihrer Patrioten beilegen, so würde die Regierung gewiß nichts dagegen einzuwenden haben , wenn eine hebräische Schule die Namen hochverdienter jüdischer Männer und Frauen tragen würde. Der Einwand, die Regierung würde, dieses mit scheelen Augen ansehen.'ist somit nur dem Gehirn von einfältigen Menschen entsprungen. Uebrigens hat ja die bulgarische Regierung in die Verwaltung der jüdischen Schulen, außer der Einsicht in den Lehrplan gar nichts hineinzureden, da sie denselben keine Dotation, wie zu Zeiten Stambulows, zukommen läßt. Der geehrte Leserkreis wird nun gewiß auch fragen: Giebt es denn keine aschkenasischen oder deutschen Kinder in Sofia, und mit welcher Summe werden ihre Schulen seitens der Alliance Israelite Universelle unterstützt? Wir müssen darauf leider mit einem unzweidentign Nein antworten. Die 200 delltschsprechenden (id est Jargon) Kinder haben an diesen Wohlthaten gar keinen Antheil, und alle Vorstellungen, die von den Eltern an die-Alliance Israelite Universelle sowie an die hochherzige Baronin Hirsch gerichtet wurden, fanden keine Würdigung. Man fragt hier mit Recht: Giebt es wirklich einen Unterschied zwischen deutsch- und spagnolischsprechenden Juden, und welches sind ihre naturhistorischen Merkmale? Oder aber bilden die deutschen Juden eine Art Stiefkinder, die einer geringeren Berücksichtigung sich zu erfreuen haben. Sollen die 200 Kinder armer jüdischer Eltern in einer europäischen Stadt ohne jeden Unterricht anfwachsen? . Zum letzten Hofballe wurden auch einige jüdische Familien geladen. .Diese Berücksichtigung des jüdischen Elementes nahm schon mit dem Regierungsantritt des ersten bulgarischen Fürsten, Prinzen Battenberg, seinen Anfang, und ist es auch unter dem zweiten ' Fürsten, Prinzen Ferdinand, in gleicher Weise Usus. R. B. ■:ä£ Aas Audrmthmn im Aienste -es Cinheits- und Gleichlieitsprirrzips. Von Dr. Bernhard Münz. den eigenthümlichen Grundzügen, welche das Menschengeschlecht als solches kennzeichnen, ist keiner so tief gewurzelt, keiner so. unwiderstehlich als das Bedürfniß nach Einheit und Gleichheit. Was wir Kostbares für Zeit und Ewigkeit besitzen, vor allem die Freiheit, ist unmittelbar ans dieser Quelle geflossen. Ja, die Behauptung ist gewiß nicht gewagt, daß sich der große Entwickelungsgang der menschlichen Kultur von ihrem Beginne bis zum heutigen Tage in seinen entscheidenden Wendepunkten immer der Schwungkraft und dem Flügelschlage der erwähnten Genien angepaßt hat. Die ganze Weltgeschichte legt davon das unzweideutigste Zeugniß ab. Die Einheit ist der Odem, welcher sie belebt, die Macht, welche alle ihre Verwickelungen zur Lösung führt. Die Folgerung liegt demnach auf der Hand, daß das Gesetz der Einheit das höchste ist, welchem unser Geschlecht inmitten aller möglichen Schwankungen, Abweichungen, Erschütterungen und Umwälzungen mit stets zunehmendem Bewußtsein gehorcht. Die Verwirklichung der Einheit als des allumfaffenden Prinzips durch Mittel, welche theoretisch und praktisch immer mehr und mehr den höchsten Anforderungen Genüge thun, ist demgemäß die Aufgabe, welcher es seine besten und edelsten Kräfte widmet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.