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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-04-02 · Heft 14 (2.4.1897) · p. Seite 161

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 14 (2.4.1897)
Date
1897-04-02
Page
Seite 161 (sequence 5)
Language
German
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161 jüdische Advokat Dr.- Denn o Strauch er von den christlichen Mitbürgern weit mehr Stimmen auf sich vereinigt als der sonst sehr beliebte Gegenkandidat Bürgermeister Kochanowski (Christ), und sogar die bäuerliche Bevölkerung der Vorstädte ist geradezu mit Leidenschaft für ihn eingetreten. Hingegen haben die drei Städte Sereth, Radautz, Suczawa mit ausschlaggebender jüdischer Bevölkerung einen christlichen Kandidaten gewählt. Freilich hat dieser vorher die Verdächtigung, als wenn er antisemitisch angehaucht wäre, mit Entschiedenheit von sich gewiesen. Briefe aus England. Von Rev. Dr. CH otzner in Belfast. «ev. Mr. Singer von der Londoner New West End-Synagoge, der einer der besten Kanzelredner unter den englischjüdischen Geistlichen ist, hielt vor Kurzem eine Predigt, die mehr als ein bloßes lokales Interesse hat. Er sprach nämlich über die Stellung der jüdischen Gemeinden ihren Geistlichen gegenüber und vice versa, und bediente.sich dabei eines recht paffenden, obschon nur aus zwei Worten bestehenden Textes, nämlich: „Wie die Gemeinde, so ihr Priester" (Hoseah 4, 9). Jede jüdische. Gemeinde, sagte Mr. Singer, habe meistens denjenigen Geistlichen, den sie Verdient. Ist sie selber intelligent und sozial einigermaßen gut gestellt, so wähle sie in der Regel zu ihrem Seelsorger einen Manri, der sie in jeder Beziehung würdig Vertritt. Ist dies aber nicht der Fäll, so begnüge sie sich mit einem religiösen Leiter, dessen religiöse Ansichten mit den ihrigen Vollkommen überein- ^siimmen. Aber in welcher Gemeinde immer der jüdische Geistliche in seinem heiligen Berufe wirkt, sei es feine Pflicht, dem Wohle und den Interessen derselben seine ganze Energie und feilte besten Kräfte zu widmen. Andererseits sei die Gemeinde wiederum moralisch verpflichtet, ihrem Seelsorger mit Liebe, Sanftmuth und Aufmerksamkeit entgegen zu kommen, um ihn dadurch zu weiterer segensreicher Thätigkeit zu ermuntern. Soll der moderne religiöse Vortrag von eingreifender Wirkung sein, meint Mr. Singer, so müsse der Vortragende hauptsächlich solche Punkte berühren, die für sein Auditorium von besonderem Interesse sind. Wie jeder Uernünftige Arzt in seiner Alltagspraxis sich erst bei seinen Patienten erkundigt, was ihnen denn eigentlich körperlich fehle, bevor er ihnen ein Heilmittel verschreibt, so sollte der jüdische Seelsorger von den speziellen religiösen - Schwächen seiner Gemeindemitglieder erst unterrichtet sein, bevor er ihnen mit seiner Predigt religiöse Linderung und religiösen Trost angedeihen lassen will. Schließlich wies Mr. Singer auf den frommen Wunsch hin, daß nämlich auch solche Eltern sich dazu entschließen mögen, ihre Söhne zu jüdischen Theologen ausbilden zu lassen, die nicht ausschließlich der ärmeren Klasse angehören. Finde man doch unter den christlichen Geistlichen in England mehrere, die der höchsten englischen Aristokratie angehören, und warum scheuen sich jüdische Magnaten diesem löblichen Beispiele zu folgen, nämlich ihre Söhne dem Dienste der Religion zu widmen, in der sie selber auferzogen sind? Jüdische Geistliche von einigermaßen unabhängiger Stellung, die nicht zu fürchten brauchten, durch eine liberale religiöse Aeußerung innerhalb ihrer Gemeinden ihres Amtes entsetzt und somit brodlos zu werden, könnten so manchen religiösen Auswuchs in ihren verschiedene Wirkungskreisen beseitigeil und das Judenthum in seiner ursprünglichen Reinheit und Schönheit erhalten. Wahrlich, in diesem und in verschiedenen anderen Sinnen könne das Prophetenwört: „Wie die Gemeinde, so ihr Priester", eine Quelle der Belehrung und der nutzreichen Betrachtung werden. — Höchst kuriose Ideen hinsichtlich des Alten Testaments und dessen Inhaltes findet man zuweilen hier und da in manchen in England oder Awerika erschienenen-Büchern. So existirt z. B. im Britischen Museum ein gelehrt sein wollendes Buch, worin der Verfasser mit vollem Ernst behauptet, daß die biblischen Geschichten, die namentlich im ersten Buche Mosis Vorkommen, sich im Lande der uralten Amerikaner abgespielt hätten. Demnach wären Adam, Noah und all die anderen Heroen des Pentateuchs geborene Amerikaner und die gegenwärtigen Geschlechter Abkömmlinge derselben, ebenso wie in manchen anderen englischen und amerikanischen Büchern behauptet . wird, daß die Anglo-Sachsen die Nachkommen der verlorenen zehn jüdischen Stämme seien. Wahrlich, wenn es eine jüdische Pnrim- Litteratur gäbe, könnten Bücher dieser Klasse mit gutem Rechte dazu gezählt werden. — Jüngst erschien in London ein Buch, worin auf den Ursprung der Sage hingewiesen wird, die in England und namentlich in Norwich im Jahre 1144 aufgetaucht ist, daß nämlich die Juden zum Passah-Feste Christenblut brauchen. Wie es aber scheint, war der Erfinder dieser Sage in der fraglichen Stadt ein konvertirter Jude, der, wie die meisten dieser unsauberen Bande von jüdischen Täuflingen, sich bei seinen christlichen Brodgebern mit einer pikanten, obschon malitiösen Erzählung über seine früheren Glaubensgenossen einschmeicheln wollte, welche diese Geschichte als wirkliche Thatsache annahmen. Dies ist also ein neuer Beweis von der Wahrheit der alten Prophetenworte, die da lauten: „Deine Zerstörer und Verwüster (o Israel!) kommen aus deiner eigenen Mitte." — Die Insel Kr e ta, die.während der letzten paar Wochen so sehr 6u eviäenee war, soll in alter Zeit, und namentlich während der Periode , welche die letzten Regierungsjahre Alexanders des Großen umfaßt und sich bis zur Zerstörung Jerusalems durch die Römer erstreckt, von zahlreichen Juden bewohnt gewesen sein. Der Aussage Philos zufolge scheint diese Annahme eine wirkliche Thatsache gewesen zu sein, denn er spricht von einer jüdischen Gesandtschaft, die dem Kaiser Caligula Aehnliches mitgetheilt haben soll. Tacitus verlegt irgendwo in seinen Annalen die Wiege des jüdischen Stammes nach Kreta, während ein moderner Autor, wie oben bereits angedeutet wurde, sie gar nach den Urwäldern Amerikas verlegt. — Das prPWfi ftlvN-Gebet, wie es in seiner jetzigen Form in den englischen Gebetbüchern abgedruckt ist, wurde in letzterer Zeit in den englisch-jüdischen Blättern vielfach kritisirt und für moderne Verhältnisse, in England wenigstens, als unpassend bezeichnet. Natürlich fanden sich auch manche Vertheidiger desselben, die dafür ein raison äötre vorbrachten, weil es nämlich einmal gedruckt dastehl und daher von einem Heiligenschein umglänzt ist, der bis in die Ewigkeit fortleuchten muß. Briefe aus Bulgarien. fie Schritte, welche die Repräsentanz der Juden in Bulgarien zur Verhinderung der antisemitischen Blutverleumdüngen gethan, haben wohl überall freundliche Aufnahme, leider aber keinen sichtlich praktischen Erfolg gefunden. Am 1./13. Januar d. I. sprach die Deputation beim bulgarischen Exarchen Josef vor, welcher dieselbe sehr freundlich empfing und sie anhörte, aber-nach Durchsicht der Bitte ihr bedeutete, daß diese Angelegenheit

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