Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1897)
- Date
- 1897-04-02
- Page
- Seite 160 (sequence 4)
- Language
- German
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Traten da kürzlich, unmittelbar nach der Suspendirung der „Freien Vereinigung", eine Anzahl Studirender aller Fakultäten zusammen und kamen auf den abenteuerlichen, ganz unzeitgemäßen utopistischen Gedanken, eine „Akademische Gesellschaft für jüdische Geschichte und Litteratur"'zu gründen, geleitet von der gewiß kuriosen Erwägung, daß die Bekanntschaft mit der an Leiden, aber auch an Leistungen für die Kultur der ganzen Menschheit beispiellosen Geschichte des jüdischen Volkes, daß die Beschäftigung mit den Dichtern und Denkern der jüdischen Nation, daß das Bewußtsein, Träger einer 1000 jährigen Kultur, einer großen Vergangenheit zu sein, das beste Mittel sei, dem jüdischen Studenten zunächst das Bewußtsein seines Werthes gerade als Jude, seine Selbstachtung ihm wiederzugeben. Dem Gros der jüdischen Studentenschaft fehlt für derartige Bestrebungen, wie bereits, erwähnt, das Verständniß: Ein Lächeln des Mitleids mit dem armen, in der Kultur um einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte zurückgebliebenen kindischen Schwärmer oder ein Blick des Zornes, weil durch solch partikularistische Sonderbestrebungen dem antisemitischen Brande neue Nahrung zugefiihrt werde, das ist wohl in den meisten Fällen die Antwort auf die Frage, wie der betreffende Jnterpellirte sich zu solchen Bestrebungen stelle. Nun, ich will dem so Jnterpellirten ein Geheimniß verrathen. Auch außerhalb der „Akademischen Gesellschaft für jüdische Geschichte und Litteratur"- giebt es Leute, die blöde und beschränkt genug sind, zu glauben, daß männliches Selbstbewußtsein im Gefühl seines Werthes als Jude ehrenvoller sei, als Selbsterniedrigung durch kriecherisches Buhlen nach der Gunst und Duldung Anderer, daß'es besser sei, mit Wissen prunken zu können als mit Schmissen, und daß das Judenthum nach außen hin würdiger und seinem Geiste entsprechender vertreten werde durch Pflege jüdischer Wissenschaft als durch wüthende Duelle. Unsere jüdischen Studenten aber sollten angesichts des erschreckenden Anwachsens der. antisemitischen Bewegung ernste Selbstkritik üben, anstatt Anderen die Schuld zuzuwälzen, einmal Nachsehen, inwiefern sie vielleicht selbst den Anlaß dazu gegeben. Die Zeiten sind ernst, die Gefahr groß, darum discite, moniti! Airs der Bukowina. Von Heinrich M. Schwarz. Uadautz, im März. n einem andereil, den Jnteresien des Judenthums dienenden Blatte. (Reichsbote, Baden) habe ich vor einigen Jahren auf die gewiß illterestante Erscheinung hingewiesen, daß die Juden der östlichen Lällder Europas, besonders die des ehemaligen Königreiches Polen Ulid Rumäniens, welche einen nicht unwesentlichen Bruchtheil der Bevölkerung dieser Länder bilden, bisher all dem geistigen Leben derselben gar keinen oder nur unwesentlichen Antheil genommen haben. Ich habe auch in jenem Blatte die Ursachen dieser Erscheinung darzuthun versucht und mit Befriedigung konstatirt, daß hier und da eine Aenderung zum Besseren zu verzeichnen wäre. Und da erfüllte es mich, als Bukowinaer, mit besonderer Befriedigung, darauf Hinweisen zu können, daß cs gerade diese kleine Provinz Oesterreichs ist, aus deren Mitte einzelne Juden durch ihre litterarische Thätigkeit, die bisher größere oder geringere Anerkennung gefunden hat, von dem geistigen Leben der sogenannten „polnischen Juden" Zeugniß geben. Der berühmte Romanschriftsteller Karl Emil Franzos und der rasch zur Berühmtheit gelangte Verfasser der „Athenerin", Dr. Leo Ebermann, sind beide — wenn auch nicht geborene Bukowinaer — doch als solche anzusehen, da sie in der Landeshauptstadt Czernowitz ihre' Studien gemacht und lange Zeit in derselben gelebt haben. Ein echter Bukowinaer aber ist der Novellist Leon Rosenzweig, der eine lange Reihe höchst origineller und unterhaltender Erzählungen geschrieben hat. von demn letzthin eine neue Sammlung unter dem Titel „Die Urenkelin und andere Geschichten" erschienen ist. Es ist diese Sammlung, wie eine vorhergegangene : „Um ein Königreich", von der Presse genügend, vielleicht auch ungenügend gewürdigt worden, und eine der größten Autoritäten Deutschlands auf dem Gebiete der Novelle hat diese Erzeugnisse des Bukowinaer Erzählers den besten angereiht, die in den letzten Jahren veröffentlicht worden sind. Nicht jedoch dieser Umstand ist es, der mich veranlaßt, die Aufmerksamkeit Ihrer Leserwelt auf diesen Schriftsteller zu lenken, sondern die ganz eigenartige, ich möchte sagen „treuherzige" Art, mit der derselbe seine Glaubensgenossen schildert. Es. sind keine Jdealgestalten, diese Roseuzweig'schen Juden, nicht Menschen, die nie und nirgends existirten, sondern solche, denen wir täglich, namentlich in den östlichen Ländern Europas, begegnen, von denen Freund und Feind sagen können : Ja, die sind uaturtreu dargestellt. In den beiden erwähnten Movellensammlungen, die zusammen zehn Geschichten enthalten, sind es blos drei, die sich in jüdischen Kreisen abspielen oder deren Hauptpersonen Juden sind. Es sind aber Juden, die Fleisch und Blut haben, die durchgehends, ob sie nun gut oder böse sind, das Merkmal vollständiger Lebeuswahrheit besitzen. In „Der alte Xaver" schildert Rosenzweig die Juden eines kleinen galizischen Städtchens mit viel Laune : der reiche Kultusvorstand Seidenband, der Pelzhändler Fior und vor allem die Krämerin Birnbaum, -welche den Ehrgeiz besitzt, ihren Mann im Direktorium der Genossenschaftsbank zu erblicken,, und die eine rege Thätigkeit zu diesem Zwecke entwickelt. Das religiöse Leben, das in früheren. Judengeschichten eine Hauptrolle spielte, wird hier nur nebenbei gestreift, während die wirthschaftlichen Verhältnisse, der Kampf ums Dasein diese ganze kleine Welt in Bewegung setzen. In „Doktor Landauer" wird, wie eine Zeitung treffend bemerkte, mit feiner Ironie das Bestreben gewisser Kreise, nur recht fette Mitgifteu für ihre Sprößlinge zu erlangen, gegeißelt. Die Palme unter den Erzählungen, in denen Juden die Hauptpersonen sind — beim als Nebenpersonen treten sie auch vereinzelt in anderen Geschichten auf —, gebührt jedoch der Erzählung „Rocca". - Ein wohlhabender jüdischer Kaufmann in einem kleinen Städtchen der Moldau übersieht es. einen jungen Menschen, vor dem alle Welt den Hut zieht, weil es der neue Staatsanwalt ist, zu Mußen und erregt dadurch so sehr den Zorn dieses judeufeindlichen gewaltthätigen Menschen, daß er die erstbeste Gelegenheit wahrnimmt, um dem Kaufmann einen schmählichen Schimpf mizuthun. Weil sich der Jude das aber nicht gefallen läßt, sinnt der Mann auf Rache, und bald kann er diese ausführen, indem er den Kaufmann anläßlich eines vorgefallenen Mordes als Verdächtigten einziehen und im Gefängnisse so lange maltraitiren läßt, bis der schwache Mann den Geist aufgiebt. In seiner Tochter Rocca aber ersteht ihm eine Rächerin. Sowohl der einfache Konflikt als auch die Lösung sind meisterhaft geschildert, und Granen erfaßt den Leser bei den Szenen, die dem Tode des Staatsanwalts vorangehen. Es fei mir noch gestattet — als Bukowinaer thue ich es mit Stolz—, auf die Stellung hinzuweisen, welche die Juden im Kroulande Bukowina eiunehmen. Sie leben hier, wie in keinem Winkel der Erde, in bestem Einvernehmen mit der christlichen Bevölkerung, und Antisemitismus war und ist hier eine unbekannte Sache. Bei den vor Kurzem stattgehabten Reichsrathswahlen hat z. B. der