Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1897)
- Date
- 1897-04-02
- Page
- Seite 159 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Antisemitismus an deutschen Universitäten. Von Jsrnar Freund in Breslau. l^^^erschiedene Vorkommnisse an der Breslauer Universität machten in letzter Zeit nicht nur in akademischen Kreisen viel von sich reden. So wurde besonders ein Fall auch im der Presse lebhaft erörtert.' Durch Anschlag am „schwarzen Brett" erklären nämlich Rektor und Senat die „Freie Vereinigung Studirender an der Un iversität Breslau" dauernd für verboten. Diese Maßregelung besagter— jüdischer — Verbindung hat ihre Vorgeschichte. Als vor einigen Monaten eine allgemeine Studentenversammlung stattfand, -um über die Stellungnahme der Studirenden zur Centenarfeier am 22. März schlüssig zu werden, erklärten vor Eintritt-inHe eigentliche Verhandlung die anwesenden Vertreter der meisten Korporationen, sich von jeder feierlichen Veranstaltung von vornherein auszuschließen, an der die „Freie Vereinigung Studirender" theilnehme. Im Zusammenhang mit diesem Beschluß erfolgte kurz darauf, ein Anschlag der betheiligten Korporationen am „schwarzen Brett", in welchem die Unterzeichneten erklärten, daß, entgegen einer weitverbreiteten Ansicht, nicht antisemitische Bestrebungen die Schuld an dem Vorgehen der Korporationen trügen, sondern einzig und allein das Verhalten der „Freien Vereinigung", und daß gegen jede andere Verbindung ohne Rücksicht auf ihre konfessionelle oder sonstige Zusammensetzung bei -gleichem Verhalten gleiche Schritte unternommen worden wären. Wenig später erfolgte sodann eine Verfügung des akademischen 'Senats, durch welche die „Freie Vereinigung" für vorläufig suspendirt wurde, und nun Prangt am „schtvarzen Brett" der bereits Eingangs erwähnte Erlaß der Universitätsbehörde, welcher die „Freie Vereinigung" dauernd verbietet, ein Schicksal, das übrigens besagte Vereinigung, als sie noch den Namen „Viadrina" führte, bereits vor einigen Jahren schon einmal ereilte. Dieser Vorfall gewinnt noch ein erhöhtes Juteresse, wenn man ihn von einem erhöhten Gesichtspunkt aus betrachtet. Es ist leider eine nicht zu leugnende und darum desto betrübendere und Besorguiß erregendere Lhatsache, über die aller Optimismus einer bei Manchen beliebten Vogel Strauß-Politik nicht hinwegzutäuschen vermag: Die Seuche der antisemitischen Bewegung hat auch die akademischen Kreise erfaßt und greift immer mehr um sich. Diese Lhatsache ist betrübend, weil sie zeigt, daß die natürlichsten Feinde alles Glaubensnnd Gewissenszwanges, wissenschaftliche Bildung und die vielgepriesene, den Zwang hassende akademische Freiheit, Immunität gegen die Pestkrankheit des Antisemitismus nicht gewähren, und sie ist gefährlich und im höchsten Maße Besorguiß erregend, wenn man in Erwägung zieht, daß es sich hier gerade um jene Kreise handelt, welche in späteren Jahren zu hervorragenden Aemtern und siihreuden Stellungen und demgemäß zu weitgehendem Einfluß auf große Schichten des Volkes berufen sind. Man denke sich all die jungen Studenten in Amt unb Würden als Geistliche, Lehrer, Justiz- und Staatsbeamte rc., erfüllt von dein Geiste religiöser Intoleranz, und eine erschreckende, trostlose Perspektive thut sich vor unseren Blicken auf. — Man täusche sich nicht über den Ernst und die Größe dieser Gefahr, glaube auch nicht, daß die Verhältnisse zu schwarz geschildert oder künstlich auf* gebauscht und übertrieben dargestellt seien. Antisemitische Renkontres, die — wie jeder mit ben Verhältnissen Vertraute weiß — besonders in den kleineren Universitätsstädten nicht zu den Seltenheiten gehören, das offen ausgesprochene oder wenigstens in der Praxis zum Ausdruck gelangende Bestreben der meisten Korporationen, jüdische Elemente von sich fernzuhalten, und besonders die auf dem jüngsten Bundestag von dem burschenschaftlichen A. D. C. gefaßten antisemitischen Beschlüsse, laut welchen Juden prinzipiell aus den Burschenschaften ausgeschlossen werden sollen, beweisen zur Genüge das thatsächliche Vorhandensein einer starken antisemitischen Strömung innerhalb der akademischen Kreise. Und diese Lhatsache wird leider auch nicht aus der Welt geschafft durch die treffliche, männliche Resolution der „Alten Herren" gegen die Beschlüsse der A. D. C. und die unter dem Zwang derselben erfolgte Erklärung einzelner Burschenschaften, sich durch jene Beschlüsse nicht für gebunden zu erachten, vielmehr nach wie vor nach freiem Ermesien über die Aufnahme ihrer Mitglieder zu entscheiden; an der Lhatsache ändert auch nichts die anstandshalber erfolgte, bereits oben erwähnte Erklärung der Korporationen in Bezug auf ihr Vorgehen gegen die „Freie Vereinigung", denn wenn auch nach dem Urtheil jedes Unparteiischen die „Freie Vereinigung" ihr Schicksal voll und ganz verdient hat, so würden andererseits die Korporationen einer anderen' Verbindung gegenüber sich schwerlich zu einem gleich schroffen-Verfahren entschlossen haben. . Also, die Lhatsache besteht; nun zu der Frage: Wie haben sich die betheiligten Kreise zu dieser Bewegung gestellt, was ist von Seiten der jüdischen Studenten gegenüber der immer weiter um sich greifenden antisemitischen Gefahr geschehen? Haben sie der ganzen. Entwickelung dieser antisemitischen Bewegung müßig zugeschaut? O nein! wird Einer antworten, im Gegentheil! sie haben gehandeltt Sie haben das Jndenthum zuvörderst über Bord geworfen: Ein moderner eivrs academicus, der an denn Zauberborn akademischer Wissenschaft gesogen, braucht solche unmoderne Ammenmärchen nicht; ein moderner, echter, rechter Sohin der alma mater ist über die kindliche Naivetät vergangener Zeiten hinaus, in deyen mansich für Ideen und Ideale begeistern und ihnen Opfer bringen konnte, wie sie das Jndenthum mm einmal von seinen Söhnen verlangt. Vielmehr sucht er sich zu „assimiliren" in der Art, daß er die Sitten, viel mehr aber noch die Unsitten der christlichen Kommilitonen nachahmt, daß er die eigene Individualität ’ aufgiebt nnd gelegentlich einen Fußtritt mit in Kauf nimmt, um in Kreise sich einzudrängen, die ihn doch als minderwerthig, nicht als gleichberechtigt betrachten. Kein Wunder fürwahr, daß Achtung und Anerkennung von Seiten Anderer Dem versagt bleiben, dem es an Mannesstolz, an Selbstach tnng gebricht! Das sind die Einen! — Betrachten wir Andere! Auch für sie ist -das praktische Jndenthum ein überwundener Standpunkt, aber nach außen hin, durch das Verhalten ihrer Feinde daran erinnert, fühlen sie sich als Juden, schließen sich zu exklusiv jüdischen Verbindungen zusammen und schreiben die Vertheidigung und Vertretung des Judeuthums auf ihre Fahne. Sie zeigen, daß auch der jüdische Student seiner „Standesehre" sich voll und ganz bewußt ist, daß er sich nicht ungestraft — „fixiren" oder sonst beleidigen läßt, daß er, lvie irgend Einer, es versteht, dein besondern Ritter- und Ehrenkodex des -akademischen Bürgers mit der Waffe in der Hand Geltung zu verschaffen. Ja. noch mehr! Sie zeigen, daß unter Umstünden der Jude sich sogar zu dem Niveau des sogenannten „akademischen Nowdythnms" aufzuschwingen vermag, gehen aus der Defensive zur Offensive über, provoziren Renkontres durch Rempeleien von Korpsstudenten, wohl auch von Offizieren, überschwemmen sodann die Korps mit Massenforderungen — und der Erfolg einer solchen problematischen Vertretung des Judenthums? — Das Schicksal der „Freien Vereinigung" bietet ein lehrreiches, beherzigenswerthes Beispiel! Ob der Antisemitismus auf solche Weise wirksam bekämpft wird? Nun, etwa ebenso, wie ein Feuer gelöscht wird, wenn man Oel hineingießt. Solche Vertretung nützt dem' Judenthum nicht, sie kompromittirt daffelbe vielmehr! Und nun zu einer dritten Gruppe! *