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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-04-02 · Heft 14 (2.4.1897) · p. Seite 158

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 14 (2.4.1897)
Date
1897-04-02
Page
Seite 158 (sequence 2)
Language
German
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mit diesem stehenden Süddeutschland und von da auch wieder nach alten Seuchenherden des Nordens übergreifen? Die Gefahr ist ernster> als man auf den-ersten Blick glauben könnte. Wir haben ja glücklicherweise unseren heimischen Antisemitismus abwirthschaften gesehen, 'aber .seien wir nichtallzu sorglos. Noch mag es Funken geben, die unter der Asche glimmen. Daß sie nur, der so herbstlich rauh geartete Lenzsturm aus Oesterreich nicht von Neuem anfache! Mit dieser Sorge Und mit dem Kummer um unsere Glaubensbrüder im Nachbarreiche gehen wir diesmal dem Freiheits- und Frühlingsfeste Pefsach entgegen, an dem wir uns allein von der Geschichte Israels trösten lassen wollen. Etil kleines Blättchen aus einem großen Blatte für die unverbesserlichen Optti m i st e n in jüdischen Kreisen: - - ■■ „Wer daher meint, daß die Juden in Deutschland die antisemitische Strömung überwunden hätten, daß sie von einer antisemitischen „Re-. aktion" verschont werden würdender setzt sich über offenbare Tatsachen hinweg. Der Antisemitismus hat auch in Deutschland fortwährend zugenommen, er ertzreift allmälig alle Schichten der Bevölkerung bis in die liberalen und freisinnigen Kreise hinein, ihm fügen sich nicht nur die konservativen, sondern vielfach auch schon, die freikonservattven und nationalliberalen Kreise. Bei den nächsten Wahlen wird sich zeigen, daß die Kraft des Antisemitismus in entschiedenem Zunehmen ist, daß die-Zahl der antisemitisch gesinnten Abgeordneten innerhalb wie außerhalb der engeren Fraktion in erheblicher Weise größer werden wird." Me Woche. . . Berlin, 20. März. Belehrung für Diejenigen, die noch immer von einer gewiffen Verbindung von Jndenthum und Sozialdemokratie faseln, diene der folgende Passus aus einer Rede des Herrn Liebermann von- Sonnenberg, -der, nebenbei bemerkt, letzthin einfach die „Aufhebung der Jttdenemancipatiou" als nächste Wahlparole im Reichstag forderte, in ^der - Mittwochssitzung des Reichstags: ' < „Sie (zu den Sozialdemokraten) rühmen sich, den Muth zu haben, Ihre Ueberzeugung frei zu äußern. Haben Sie denn wirklich diesen Muth? Ich meine wenigstens, es bedeutet keinen Muth, daß Sie sich heimlich unter vier Augen als Antisemiten aufspielen. (Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Sie werden es nicht leugnen können, daß einzelne von Ihnen die Aeußerung gethan haben, in keiner Partei gebe es mehr Antisemiten als bei Ihnen." Trotzdem wird Herr Liebermann von Sonnenberg selbst, wo es ihm-nur paßt, auch ferner von dem „Bund der rothen und goldenen Internationale" sprechen. . * Die jüdischen Studenten Verbindungen an den deutschen Universitäten haben einen Kartell-Konvent mit dem Prinzip „unbedingter Satisfaktion"'gegründet. Dem Konvent ist u. a. auch die Berliner Verbindung „Sprevia" beigetreten. — Dazu bemerkt die „Volkszeitung": ‘ „Mit der Schaffung jüdischer Studentenverbindungen thun die Herren natürlich dem Antisemitismus den größten Gefallen, gerade wie ihre Glaubensgenossen, die so inbrünstig nach konfessionellem Religionsunterricht in den Schulen schreien. Älle diese Herrschaften helfen nämlich eifrig an der Schranke bauen, die der Antisemitismus zwischen den jüdischen Volksgenossen und dem übrigen Volk zu errichten sich bemüht. Und dazu noch die „unbedingte Satisfaktion", der Grundsatz der jüdischen Kartellbrüder, sich mit jedem antisemitischen Rowdy zu raufen, dem es einfällt, sie anzurempeln! Spotten ihrer selbst und wissen nicht wie!" Das klingt ja, wenn man es liest, sehr plausibel, es steht aber „doch wohl schief darum", denn nicht die jüdischen Studenten haben jene Schranken aufgerichtet, sondern die nichtjndischen, und wenn man die ersteren heute aus allen Verbindungen, Burschenschaften und Vereinen ausschließt, so ist es sehr begreiflich, daß sie dazu gelangen, eigene Verbindungen und Vereine zu begründet!. Das ist ja allerdings nicht gerade erfreulich, aber es ist mehr als erklärlich. Wir verweisen übrigens auf den Artikel über den Antisemitismus an den , Universitäten in unserer heutigen Nummer. Die Bettelbriefe aus Galizien haben in letzter Zeit wieder zugenommen. Jetzt handelt es sich um die Renovirung einer alten Synagoge und dergl. Da dürfte denn der folgende Bericht der „Frankfurter Zeitung" aufklärend wirken: „Wir haben dieser Tage davor gewarnt, den aus Kudrynce in Galizien kommenden Bettelbriefen und Aufrufen, in denen für einen angeblich 110 Jahre alten Mann Unterstützungen verlangt werden, Folge zu geben. Auf Grund weiterer Informationen aus zuverlässigster Quelle können wir in dieser Sache noch Folgendes mittheilen: Deutschland wird mit Bettelbriefen aus Galizien überschwemmt. In früheren Jahren kamen diese besonders aus Skala für einen angeblich ans Rußland vertriebenen Rabbiner Namens Osias Krön und für einen angeblich hundertjährigen Greis in Borczow. Das Charakteristische bei allen diesen Zuschriften war, daß die Richtigkeit der in den Briefen enthaltenen Angaben von den Kultusvorstehern, theilweise auch von den Bürgermeistern bescheinigt wurde, und daß, wenn nicht in einigen Tagen Geld einlief, der Empfänger der Briese durch Postkarten gemahnt wurde. Zu einem förmlichen Skandal führte die Angelegenheit bei der Begründung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, wo die Unterzeichner des Aufrufs, etwa 600 Personen, im Laufe weniger Tage die entsprechenden Bettelbriefe erhielten. Nachdem die Wiederholungen der Briefe aus Skala und Borczow das Geschäft verdorben haben, ist augenscheinlich der Betrieb jetzt nach Kudrynce verlegt worden. Alle diese Orte: Skala, Kudrynce und Borczow liegen an der russischen Grenze,- wenige Meilen von einander entfernt, was auf einen Zusammenhang der verschiedenen Unternehmungen deutet. Ob es einen Greis Rheinstein giebt oder nicht, daraus kommt es allein nicht an. Sicher dürfte sein, daß das Betriebsunteruehmen, das unter der Firma Rheinstein sammelt, für Schreibkräfte, Porti und Inserate jährlich etwa 10 000 Mark ausgiebt. Sollte also der Rheinstein das Geld bekommen, das eingeh't, und sollte er in der That ein so alter Greis sein (was bei der früheren, d. h. vor 1866 sehr unordentlichen Matrikelführung schwer festzustellen ist), so wäre er jedenfalls nicht im üblichen Sinne des Wortes bedürftig zu nennen, und es läge insofern ein Schwindel vor. Entscheidend ist, daß man es bei dem Greis mit einem Betriebsunternehmen zu thun hat, das voraussichtlich das bedeutendste Unternehmen der Gegend ist und mit erheblicher Aufwendung für Porti und Inserate unter genauer Personeukenntniß der deutschen Plätze arbeitet. Neuerdings wird von Kudrynce aus eine neue Bettelei geübt zur Errichtung einer Synagoge in jenem Orte. Wahrscheinlich ist in Berlin und Norddeutschland der „alte Greis" zu bekannt geworden: man sammelt daher, weil man auf das einträgliche Geschäft nicht verzichten will, dort für einen anderen Zweck und verlegte die Bettelei für den Greis nach Süddeutschland." Es ist eine rechte Schande, daß seitens der maßgebenden Kreise in Galizien selbst nichts gegen diese Ausbeutung der jüdischen Wohlthätigkeit geschieht, obwohl schon oft darauf hingewiesen wurde. Ein nicht weniger gefährlicher Ausbentungsherd für den unerschöpflichen Wohlthätigkeiissinn unserer Glaubensgenossen in ganz Europa sind die Bettelbriefe aus Jerusalem, die in neuester Zeit auch wieder sehr überhandnehmen. *

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