Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1897)
- Date
- 1897-04-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Kerlin, 2. April 1897. 61. Jahrgang. Ur. 14. Gin unparteiisches Organ für alles Mische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements - Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustcro Karpeles. Begründet von Nalibiner 0r* Ludwig Philippson-Äonn Verlags-Grpeöitwn: GerUn, Jerufalemerftr. 48/49 Alle Zusendungen fllr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung deS ZudenthumS', Berlin SW., Jerusalemer Straße 18/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Inhttik. Leitartikel: Die österreichischen Wahlen. — Die Woche. — Antisemitismus an deutschen Universitäten. Von Jsmar Freund. — Aus der Bukowina. Von Heinrich M. Schwarz. — Briefe aus England. Von Rev. Dr. Chotzner. — Briefe aus Bulgarien. — Das Judenthum im Dienste des Einheits- und Gleichheitsprinzips. Von Dr. Bernhard Münz.— Feuilleton: Heiz' den Ofen. Von Dr. Loevh. — Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch (Fortsetzung). — Litterarifche Mittheiluugen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Rawitsch, Kattowitz, Breslau, Hannover, Westfalen, Steele a. Ruhr, Homburg v. d. H., Wien, Budapest, Petersburg, New-York. — Von Nah und Fern. Die österreichischen Wahlen. Berlin, 30. März, kill Oesterreich sollte uns nach allem, was sich dort seit Jahren in den verschiedenen Vertretungskörpern, bei den Wahlen und in Handel und Wandel abspielt, nichts mehr überraschen. Und doch sind die Resultate der nun beinahe beendeten allgemeinen Reichsrathswahlen noch schlimmer, als die verbissensten Schwarzseher'ahnen konnten. Sie enthüllen uns so unerhörte Fortschritte der antisemitischen Bewegung in Oesterreich, daß wir wegen des Schicksalsunserer dortigen Glaubensbrüder ernstlich besorgt zu sein allen Grund haben. Da sind zunächst die Wahlen in der durch die Badenische Wählreform neugeschaffenen fünften Kurie des allgemeinen Stimmrechtes. Welche Hoffnungen sind nicht darauf gesetzt worden! Und wie sehr sind sie leider enttäuscht worden! Nicht viel mehr als ein Fünftel der Mandate sind Männern zugefallen, für die die Gleichberechtigung der Staatsbürger ohne Unterschied der Abstammung und des Glaubens Prinzip ist. Alle anderen Mandate fielen den Klerikalen, die in Oesterreich die Gönner und Protektoren des Antisemitismus sind, und eben ihren Schützlingen, der christlich-sozialen Garde des famosen Dr. Lueger, zu. Im schwärzesten Lichte zeigte sich das Kronland Niederösterreich, und speziell die Residenzstadt Wien.' Ihre Gegner, hier die Sozialdemokraten, unterlagen durchwegs. Freilich sind bei diesem antisemitischen Siege Wahlschwiudeleien und Wahlerpresslmgen in unerhörter Anzahl und von unerhörtem Kaliber mit im Spiele gewesen. Doch die Wahlen in der fünften Kurie waren nur so eine Art Vorbereitung auf die Ergebnisse in den.alten, ländlichen uitb städtischen Wahlbezirken. Das Land wählte in den deutschen Gegenden eine große Mehrzahl rückschrittlicher Kandidaten, als da sind: mit den Christlich-Sozialen eng verbündete Klerikale, direkte Christlich- Soziale und Mitglieder der deutschen Volkspartei, — letztere ein Bastard von Klerikalismns und Nationalismus, jedenfalls reaktionär bis in die Knochen. In den slavischen Gegenden siegte zwar mit den Jungtschechen ein liberales Element und wurde der Wall der feudalen und unoffiziell-antisemitischen polnischen Adelspärtei durchbrochen, aber die Jungtschechen verirren sich in ihrem Chauvinismus immer häufiger und immer tiefer auf antisemitisches Gebiet, und die polnische Opposition ist ja ausgesprochen antisemitisch. Die Städtewahlen haben das Gepräge der Wahlkampagne nicht geändert. Klerikal,, christlich-sozial, deutsche Volkspartei, Jungtschechen, polnische Adels- und polnische Volksautisemiten sind die Hauptmaste der Gewählten. Und wieder marschirt Niederösterreich und Wien an der Spitze der „Kultur"; durchaus christlich-sozial bis auf zwei Wiener Wahlbezirke, die Innere Stadt und die Leopoldstadt, welche von den Fortschrittlichen mit ungeheuren Anstrengungen und ersten der'Stichwahl behauptet wurden. . Diese zwei liberalen Siege, wie überhaupt die kleine Schaar der Liberalen, können über das niederschmetternde Gesammtergebniß nicht hinwegtäuschen. Seine Folgen für unsere Glaubensgenossen in Oesterreich sind unabsehbar. Wie weit wird die Regierung nun .gehen? — Sie, die ja ohnehin seit der berüchtigten Audienz des ,.Dr. Lueger beim Kaiser ihre Konnivenz gegen die Christlich-Sozialen von Tag zu Tag steigerte? Jedenfalls wird demnächst Lueger erster Bürgermeister von Wien werden. Aber wird sie dabei stehen bleiben? Schon diskutirt mau ganz munter die Möglichkeit der Uebertragung des Justizportefeuilles an einen christlich-sozialen Antisemiten. Was für Gerechtigkeit dann in Oesterreich walten wird! Nun, es mag ja sein, daß es soweit vor der Hand nicht kommen dürfte, aber die Thatsache, daß man derlei ohne Schamgefühl überhaupt schon diskutiren kann, ist bezeichnend und drohend genug. Und am Ende, in Wien scheint jetzt wirklich schon alles möglich zu sein. Und wie schlecht geschützt gegen alle diese Gefahren ist die österreichische Judenheit! Uneinig, in religiöser wie in politischer Hinsicht gespalten, ein Spielball der verschiedenen Parteien, ohne Führer, ohne irgend einen Zusammenhang, so sehen sie den Gefahren entgegen, die sich über ihren Häuptern seit Jahren zusammenziehen. Nirgend ist von einer energischen Abwehr, nirgend von entschiedenen Maßregeln, nirgend auch nur von Versuchen, eine innere Einheit zum mindesten in der Abwehr zu begründen, auch nur die Rede! Ueberall Rathlosigkeit oder Jndifferentismus öder Abfall. . Und von den in das Parlament gewählten zehn oder zwölf jüdischen Abgeordneten sind kaum zwei, die sich ernsthaft und energisch, mit Geschick und Fachkenntniß ihrer Glaubensgenossen annehnien werden. Die letzte Hoffnung gründete sich noch auf den Wahlausfall, der vielleicht endlich die maßgebenden Kreise zur Besinnung bringen und ihnen den Weg zeigen werde, den sie einzuschlagen haben. Uebrigens birgt der Fortschritt des Antisemitismus in Oesterreich auch manche Gefahren für uns deutsche Juden. Wie leicht kann - diese unselige Seuche von Oesterreich nach dem in so innigem Verkehr