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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-26 · Heft 13 (26.3.1897) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 13 (26.3.1897)
Date
1897-03-26
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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„In dieser Geschichte," fuhr Reb Bär fort, „sind viele Schwierig-- teilen. Was lag König David daran, zu wissen, an welchem Wochentage er sterben würde, welche Bedeutung hat es, daß er am Sabbath sterben sollte? Warum verursachte der Todesengel das Geräusch mit den Bäumen, und warum mußte Salomo erst bei dem Synhedrin anfragen , was man mit einer Leiche am Sabbath zu thun habe?" - - „Unser Leben wird von dem Gedanken an das Ende beherrscht. Wenn wir immer das Ende vor Augen hätten, dann würde kein Unrecht, keine Gewaltthat, keine Lieblosigkeit, keine Gottlosigkeit existiren. Wenn sie weise wären, sagt Gott, würden sie das beherzigen und würden bedenken das Ende. König David bei aller seiner Frömmigkeit wußte, daß kein Mensch sich füubenfrei erhalten könne. Darum betet er: Gehe nicht ins Gericht mit Deinem Knechte, denn vor Dir kann kein Lebender gerecht sein. Der Talmud sagt: David nannte sich einen Frommen nur insofern, als er sich mit anderen Königen verglich, die ihr Leben mit Schwelgerei und Tyrannei ausfüllten. Da er nun fürchtet, daß er vom Tode überrascht werden könnte, wenn er gerade sich dem Uebermuthe hingegeben hätte, bittet er Gott, ihm wenigstens den Tag seines Todes anzugeben, damit er einen Tag der Woche sich immer würdig auf das Ende vorbereiten könne." r „Gott antwortete ihm, daß er am Sabbath sterben werde, um ihm anzudeuten, daß der Sabbath ein Tag der Vorbereitung auf das Ende ist, und zugleich, daß wir unserem Ende als gute Juden in Ruhe und Ergebenheit entgegensetzen sollen, denn der Sabbath ist für uns ein Vorbild des wahren, ewigen Sabbaths, an welchem die Frommen sitzen mit ihren Kronen auf dem Haupte und sich sonnen im Anblicke der „Schechinah". Wie nun König David gestorben war, traten die jungen Leute ans Ruder, die mit Salomo zusammen Naturgeschichte und Philosophie und fremde Sprachen studirt haben, denn von Naturgeschichte und Weisheit, das ist Philosophie" — der struppige Schnurrbart des Herrn Dr. Kriegsfelder bewegte sich nach den Ohren — „sagt uns die Bibel, daß König Salomo sie besser bemeistert hat als irgend ein Mensch, und fremde Sprachen muß er auch gekannt haben, sonst hätte er mit der Königin von Saba und den anderen Herrschern sich nicht unterhalten können. Diese sinken Leute wollten alle Gebräuche Umstürzen, wollten kostbare Särge und Kränze und so ähnliche Dinge einführen, aber König Salomo wußte, daß es unsere Pflicht ist, die Wünsche der Todten zu ehren, und daß jeder Luxus bei einem Todten eine Sünde ist, darum zeigte er von allem Anfang an seine Gesinnung, indem er wegen einer Kleinigkeit-, die er bei seiner Gelehrsamkeit von selbst hätte wissen können, beim Synhedrin anfragte." Reb Bär machte eine Pause, zog sein großes buntes Taschentuch heraus, fuhr sich damit über das Gesicht und holte tief Athem. „Meine Brüder!" fuhr er fort. „Wir sind alte Leute. Wir wissen nicht,' wann unser Tag kommen wird; wir hoffen zu Gott, da^ es ein Sabbath sein wird, ein Tag des. Eingehens, zur heiligen Ruhe, zum ewigen Sabbath. Ich möchte Euch junge Leute daran erinnern, daß Ihr handeln sollt wie König Salomo, daß Ihr beherzigen sollt, was unsere Weisen lehren wollten, wenn sie unter den verdienstlichen Werken zuerst die Achtung vor den Eltern und dann das Erweisen von Liebesthaten aufzählen. Sie wollen damit sagen, daß wir in den Liebesthaten dem Beispiele und den Lehren unserer Eltern folgen sollen." „Meine Brüder," fuhr der Redner nach einer weiteren Pause fort, „das älteste Mitglied unserer' Bruderschaft ist unser wackerer Reb Mordche. Er hat das Glück, einen seltenen Sohn zu besitzen, der ein gutes Kind geblieben ist und ein gutes jüdisches Herz behalten hat, obwohl er es in der Welt zu Reichthum und großen Ehren gebracht hat. Ich will nicht wieder anfangen. Thora zu sagen; ich will nur bemerken, daß der „Mischneh l'melech"^ sagt: Gute Kinder sind der beste Beweis für eines Menschen Frömmigkeit. Und unser Reb Mordche, das weiß Jeder, ist ein guter frommer Jude. Jhin au wünschen, daß er hundert Jahre alt werden solle, wäre bei seinem hohen Alter eher ein Fluch. Möge er," hier fuhr der Redner in hebräischer Sprache fort, „seine Tage verlängert sehen in Glück und seine Jahre in Wohlgefallen, mögen seine Kinder und Kindeskinder wachsen an Gottesfurcht und Sittenreiuheit, au Reichthum und Ehre und Gnade finden in den Augen von Gott und Menschen. Amen." Die Bewegung, welche diese Rede hervorrief, war eine mächtige. Von Mordches Augen floffeii die Thränen, als er die Glückwünsche der Anwesenden entgegennahm. Am lautesten war Scholem Hirsch, der mit feuchten Augen auf Reb Bär zutrat und ihm kräftig die Hand schüttelte. „Ich möchte mir wünschen, so alt zu werden," sagte er, „damit Sie mir können so eine Rede halten. Hab' ich Recht, Herr Rabbiner?" „Gewiß, Herr Hirsch." brachte Herr Dr. Kriegsfelder unter süßsauerem Lächeln hervor. „Es war sehr hübsch." fügte er, zu Reb Bär gewendet, hinzu, der nur stumm mit dem Kopf nickte. Zu Herrn Rosenfeld, der ihm zunächst saß und mit dem er am besten stand, bemerkte er flüsternd: „Der Mann hat unzweifelhaft Anlagen auch einige Kenntuiste, aber es fehlt ihm an Schulung, au Philosophie." Scholems scharfen! Ohre war die Bemerkung nicht entgangen, und in seiner durch Weiulaune gesteigerten Begeisterung rief er ganz laut: „Viel Sophie, wenig Sophie, meinetwegen gar kein Sophies Ich bin ein „Prostak"?) Ich höre gern etwas, was der gemeine Mann versteht." Der' Zwischenfall verlief bedeutungslos, da Ignaz Rosenfeld sich zu einer Rede erhob. „Ich bin kein jüdischer Gelehrter," begann er. — „Kein christlicher auch nicht," rief der unverbesserliche Scholem Hirsch dazwischen. „Ich bin auch weder ein Demosthenes, noch ein Cicero," fuhr er mit einem verächtlichen Seitenblick auf dm Ruhestörer fort. „Zizeß, sagt er," schrie Scholem wieder, „schwören will ich, er trägt gar keine Arba Kanfoß."^) Unter solchen Unterbrechungen litt leider die trefflich eiustudirte Rede, in welcher der Redner darauf hinwies, daß auch das jüngere Geschlecht seinen Mann stelle, daß es durch die trefflichen Lehren und Predigten des Herrn Dr. Krlegsfelder die Begeisterung für das Judenthum gelernt habe, und daß man darum nicht in Kassandrarufe auszubrechen nöthig habe. „Ka - Sanore; Ja - Sandre, habe ich dir schon einmal gesagt," rief Scholem wieder. Ignaz hatte keine andere Wahl, als seine Rede abzubrechen und Herrn Doktor Kriegsfelder hochleben zu lassen. (Forts, folgt.) U Titel eines Werkes von Jehuda Rosanes, Rabbiner in Konstantinopel (gest. 1728). Der Antor wird meistens noch seinem Hauptwerke genannt. 2) Schlichter Mensch; aus dem Slavischen. b) Das Kleidungsstück, an welchem die Schaufäden angebracht werden.

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