Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1897)
- Date
- 1897-03-26
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228216--53580-3267511- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Reb Bär war wohl tief verstimmt über diesen Empfang, den er nach dem salomonischen Sprache von dem Knechte, der Könitz wird, und von der Weisheit des Armen, die verachtet ist, sich erklärte, aber die anderen Mitglieder des Chewra-Vorstandes waren einer milderen Auffaffung zugeneigt. „Etwas geht vor," sagten sie, „die Frau Fürstin Scholettopf" — so wurde Leonore in der jüdischen Gemeinde wegen ihrer aristokratischen Exklusivität genannt — „ist schon seit zwei Wochen in Wien', wie es heißt, unter ärztlicher Behandlung, obwohl sie anssieht wie das Leben, und in der Fabrik mnß auch nicht alles zugehen, wie es soll." „Er fährt alle Tage nach der Stadt," sagte Ignaz Siofenfelb' „das hat etwas zu bedeuten. Wenn Einer Geld abzuliefern hat, läßt er sich Zeit, wenn er borgen muß, hat er's eilig. Ihr werdet noch auf meine Reden kommen," sagte er, mit weit aufgerissenen Augen, den Kopf feierlich auf und ab bewegend, „ein Mensch kann Glück Haben, aber kaufmännische Bildung muß in der Schule erworben werden." ' „Thu' nicht so groß mit beiner Bildung." sagte Scholem Hirsch zu allgemeiner Belustigung, an welcher sogar der ernste Reb Bär theilnahm, „es sind schon gescheitere Leute wie Du in der dritten Nealschulklasie durchgefallen." „Sie gehören allerdings nicht dazu, Reb Scholem," sagte Rosenfeld Pikirt. r „Nein," erwiederte der Angeredete mit trockenem Humor, „Awrom und ich haben unsere Unwissenheit viel billiger erworben, deswegen glaube ich doch, daß Du ein gutes Geschäft machen würdest,' wenn Du Deine Bildung für sein Verrnögen und ineinen „Sechel"*) eintauschen wolltest." „Das ist noch nicht so ausgemacht, wie Ihr Euch das vorstellt," sagte Ignaz mit einer entschiedenen Rückwärtsbeweglmg seines KopfeL „Laß Dich nicht auslachen, Ignaz," fiel hier Leopold Spielmann ein, „er hat einen gesunden Reichthum, aber der Schuh drückt ihn anderswo. Meine Frau sitzt neben der Fürstin Scholettopf in Schul. Am letzten Tage Pessach zu „Maskir"^) kommt sie in Schul, sonst ist es ihr nicht nobel genug. Sagt meine Frau zu ihr: „Frau Bürgermeisterin, ich muß Ihnen noch gratnliren." Sie aber, wie wenn sie wäre eine richtige Fürstin, verneigt sich gnädig, sagt kein Wort und giebt ihr nicht die Hand. Wie meine Frau nach Hanse kommt, erzählte sie mir das unb ist ganz außer sich. Unser Dienstmädchen hört das und sagt: „Die Frau Bürgermeisterin ist mit Jedem so; sie hat schon eine ganze Woche mit ihrem Manne nicht gesprochen; sie essen nicht einmal bei Tische zusammen. Mir hat es die Marie erst gestern gesagt, als ich sie beim Röhrbrunnen getroffen habe"; das liegt ihm auf dem Herzen. Es ist kein Wunder, wenn er nicht gestimmt ist, Festlichkeiten mitzumachen." - „Unfrieden im Hause ist schlimmer als der Krieg von Gog und Magog," citirte Reb Bär nach dem Talmud. „Ich könnte mir sein Betragen sonst nicht erklären." „Und ich will keine Kassandra sein," rief Nienfeld dazwischen, „aber ich fürchte, die Ereignisie werden mir Recht geben." „Ka-Sandra? Ja-Sandra bist Du," bemerkte Scholem Hirsch, der in seiner klassischen Naivetät das Wort Kassandra sich aus Kein- Sandra erklärte und ans dein Zusammenhänge schloß, daß Sandra einen Narren ^bedeuten müsse. Die Anwesenden lachten, lind für geraume Zeit behielt Ignaz Rosenfeld den Namen Sandte, der sogar über die jüdische Gesellschaft hinaus sich verbreitete. *) Verstand. 2) Gedächlnißseier. Während an dem festgesetzten Tage die Chewra-Mitglieder nach dem Morgengottesdienste auf dem Friedhofe hinauswallten, um auf der schön gelegenen Anhöhe, die einen herrlichen Ausblick auf das im schönsten Blüthenschmucke prangende Thal eröffnete, ihr Gebet zu sprechen, sah .man Awrom eiligen Schrittes von der Fabrik nach dem Rathhause und von dort nach kurzem Aufenthalte auf das Telegraphenamt gehen, wo er persönlich einige Depeschen aufgab. Nach einer kurzen Unterredung mit dem Beamten verließ er das Telegrapheuamt, um sich raschen Schrittes nach der Fabrik zurück zu begeben. Wie er .über den Platz schritt, kamen die Chewra-'Mitglieder gruppenweise aus einer Seitengasse, so daß er sie nicht gut vermeiden konnte. Sein alter Vater war unter ihnen. Schon wollte er mit einem raschen Gruße vorbeieilen, als Reb Bär mit einem „Guten Morgen, Herr Bürgermeister!" ihm die Hand reichte. Er blieb stehen. Sein Gesicht war auffällig fahl, seine Haltung eingefallen, mit nervösem Zittern griff ec nach dem Taschentuche, um sich dm Schweiß von der Stirne zu trocknen; seine Stimme klang gepreßt, als er sagte: „Wo kommen die Herren her?" - „Wir waren auf dem Friedhofe," antwortete Reb Bär. „Ach, ja, das ist der.Jahrestag," bemerkte der Bürgermeister, indem er die Lippen zum Abschiedsgruße öffnete. „Vielleicht haben wir doch das Vergnügen, den'Herrn Bürgermeister heute Abend bei uns zu sehen," sagte Reb Bär, indem er Awroms Hand sesthielt. lieber das Gesicht des Angeredeten zuckte es schmerzlich. '„Es war wie eine Ahnung in'mir," sagte er, „als ich Ihre Einladung ablehnte. Ich habe buchstäblich nicht die Zeit. Unser Beamtenstaud ist reduzirt, und" — hier stockte er — „ich muß jetzt auch den Kassirer vertreten, der-verreist ist. Es geht wahrhaftig nicht. Vater," fügte er hinzu, sich an Mordche wendend, „wenn ich dieser Tage nicht zu Dir komme, nimm' mir es nicht übel. Ich habe zu viel zu thnn." „Geschäft geht vor allem," sagte der Alte, gut gelaunt, „mach' Dir darum keine Sorget:. Wann Du kontmst, bist Du gerne gesehen." „Adieu, meine Herrenunterhalten Sie sich gut," sagte Awrom, tmd scholl war er um die nächste Ecke verschwunden. Die Chewra tafelte wie gewöhnlich. Herr Dr. Kriegsfelder, der trotz seiner großen Verdienste und trotz der großen Meinung, welche seine Frau voll ihm hatte, schon seit mehr als zwanzig Jahren den geistlichen Interessen der kleiilen Gemeinde Vorstand; sprach über Unsterblichkeit, die er aus seinem beliebten „Eklektiker" Koheleth bewies, und von dem Unterschiede zwischen Geist und Seele, er legte die Gründe dar, warum es in der Bibel von der Seele heißt, sie sündigt, und von dem Geiste, er kehrt zu Gott zurück. Was er sagte, hat keiner der Anwesenden verstanden. Dr. Kriegsfelder war einer jener Unglücklichen, die wenigstens in ihrer eigenen Meinung, für ihre Zeitgenossen zu erhaben sind. Nach ihm sprach Reb Bär in traditioneller Weise über die Pflichten der Chewra. „Im Talmud," begann er, „finden wir folgende Geschichte: König David fragte Gott den Herrn: Wie lange werde ich leben? Gott antwortete: Kein Mensch darf sein Ende kennen. Darauf bat König David: Laß mich wenigstens den Tag wissen, an den: ich sterben werde, und Gott sagte zu ihm: An einem Sabbüth wirst Du sterben. An einem Sabbath nun, als König David eifrig der Lehre oblag, versuchte der Todesengel vergeblich, ihm zu nahen. Da schüttelte er endlich die Bännie im Garten, und der König erhob sich, um nachzusehen, was die Ursache sei. Dabei stürzte er über eine Treppe, fiel zu Bodell und war todt. König Salomo schickte zu den: Synhedrin, um zu fragen, ob man die Leiche von dort,, wo sie lagentfernen dürfe."