Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1897)
- Date
- 1897-03-26
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228216--53579-3267510- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
153 Und mm bedenken wir, was die riesige Verbreitung der mobcruen symbolistischen Bilder ans die nachkommende Generation, ans einen in seinem Urtheil noch unreifen Knaben ansüben. Die Wahrheiten lassen sich sehr schwer verbreiten, weil sie sehr einfach sind. Die Errungenschaften unserer Religion sind in der Welt noch nicht so befestigt, das; man selbst die Kunst nicht einer strengen Prüfung unterziehen sollte. Wir werden und wollen mit der Kunst nicht auch die Irrlehren der Kunst aniiehmen. Ich glaube also, wenn man über die Ursache des Verbotes nachdenkt, ist es klar, daß dies hauptsächlich wegen der heidnischen Gedanken existire, welche sich auch in der Knust einschleichen. Schließlich kann ja alles Gute und Schöne mißbraucht werden, je uach dem, für welche Zwecke man es erlernt. Ich glaube, das Zehngebot bezieht sich sogar direkt auf die Idee. Denn nach der heiligen Schrift ist das Wesen Gottes überall hin denkbar. Wie es heißt: „Kol lioorez kewaudau.“ „Die ganze Erde ist voll von seiner Herrlichkeit." Die Herrlichkeit Gottes läßt sich aber nur mittelst des Utenschlichen Geistes geistig ansfassen, nie aber sinnbildlich, indem wir uns sichtbare Vorstellungen machen von der unsichtbaren Herrlichkeit Gottes. Wenn also das Zehugebot die Abbildung der Gegenstände, die über oder unter der Erde sich befinden, verbietet, so ist damit, ich glaube, das Wesen, die Ursache, der Schöpfer gemeint, da er nur geistig und unsichtbar anfgefaßt werden kann. Ein nnermeßbarer Raum liegt aber der Knust da, indem wir Ereignisse aus der jüdischen Geschichte oder ans dem jüdischen Leben darstellen wollen. Hier lvürde der Künstler nicht so leicht abirren können, da seine Gedanken fortwährend sozusagen positivisirt sind auf gewisse sichtbare oder früher sichtbar gewesene Ereignisse. Nur wenn der Künstler, der, nebenbei gesagt, immer figürlich nachdenkt, seine Gedanken nicht auf gewisse sichtbare Dinge oder Ereignisse konzentrirt, sondern mittelst seiner Kunst philosaphiren will und seine an Figuren gebundene Denkungsart frei über Welt und Schöpfer hernmschweifen läßt, und wenn er dann in solchem Nachdenken eine Idee bekommt, nur dann muß er notwendigerweise zu dem Jrrthnm gelangen, Symbolist zu werden und seine Gedanken symbolistisch wiederzugeben. Was das figürliche Nachdenken anbelangt, so ist das ungefähr so etwas, als wenn der Musiker in Ton oder Noten denkt und komponirt. Beim Künstler entstehen die Gedanken sozusagen zugleich mit der Form, mit den Figuren und sogar mit den Bewegungen und Situationen der Figuren. Wenn er also über Dinge komponirt und nachdenkt, die im Leben auch sichtbar sind oder waren, dann kann er das Zehngebot nicht übertreten. Wenn man also das Prinzip ausspricht, die Kunst ist nicht im Widerspruch mit der Religion und dem Gottesbegriff, dann sollte man eigentlich diesen Spruch so konzipiren: „im Falle sie kein Unsichtbares darstellt". Denn auch in der Kunst ist nur der Gedanke dasjenige, was schädlich oder gut ist. Es wäre gewiß ein Aufschwung des religiösen Bewußtseins von der Kunst zu erwarten. Bilder führen eine mächtige Sprache. Wenn das nicht wahr wäre, dann Hütte die Religion die falschen Bilder nicht mit solcher Entschiedenheit verboten. Das bildlich dargestellte Ereigniß prägt sich sehr scharf dem Geiste ein. Es ist das Geheimnis; des Zeitgewinnens. Um eine Geschichte zll lesen, muß man lliehrere Seiten durchlesen. Das dauert wohl länger. Ans einem Bilde erzählt sich die Geschichte in einigen Minuten, und die Kinder können die Bilder länger in Erinnerrmg behalten, als das schriftlich Erzählte. Das sehen wir z. B. bei den Illustrationen der. Hagadali, wo die Kinder sich nach dem Passahfcste von der ganzen Hagadali hauptsächlich nur der Bilder erinnern, welche, nebenbei gesagt, sehr primitiv sind. Aber ein besseres Beispiel zeigen uns die genialen Illustrationen zllm Pentateuch von Dora. Ich glaube, das; die Zeit nicht mehr fern ist, wo die jüdischen Gemeinden zum Bewußtsein gelangen, das; es ein großer Fehler sei. die unzähligen jüdischen Künstler für die religiöse Sache zu ignoriren, von denen vielleicht viele sehr gern ihre Fähigkeiten dem Dienste des Jndenthnms widmen möchten, Zedoch wegen Mangel an Interesse genöthigt sind, ihnen meistens fremde, ja sehr oft widerliche Gedanken darzustelleu. A. L. mmEM ■IlfliUüilmlligfa 2 1 FEUILLETON ü 1 1 gggiiiunianiinn, EäS9flmt2üW --f 1—l —1 WnwmmtzS};!-—i Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. Neunnndzwanzigstes Kapitel. Die Jahresfeier der Brüderschaft. t ier Wochen waren vergangen, und das Städtchen schickte sich beinahe an, von anderen Dingen als dem Besuche des Statthalters zu sprechen, als unheimliche Gerüchte die Lust durch- »schwirrten.. Was eigentlich vorging, wußte Niemand, aber Jedermann hatte die Empfindung, daß sich trübe Ereignisse vorbereiteten. Friedrich Wahlert, ein begüterter Gerber, war ans der Stadt znrückgekommen und hatte erzählte, das; ein Großhandlungshans, mit dem. schon sein .Vater seit Jahren in Geschäftsverbindung gestanden hatte, zrnn ersten Male ihn bei der Emkassirnng einer Forderung ans einige Wochen vertröstet hatte; kleine Kaufleute, die sonst von ihren Geschäftsfreunden in der Stadt jederzeit ein Darlehen auf einige -Wochen erhalten konnten, wurden mit höflichem Bedauern abgewiesen, während man sie andererseits mit Zahlungen drängte; Joachim Heller, der im Städtchen ein Wechslergefchäst betrieb, erzählte von Schwierigkeiten und Bankerotten an der Börse; die Brauerei in dem benachbarten Mosberg hatte den Betrieb eingestellt, und die Zuckerfabrik hatte, was bis dahin, noch nie geschehen war, ihren Chemiker und einige Komtorbeamte für die Dauer der „tobten Saison" entlassen. Awrom ging zerstreut und mit ernstem Gesicht umher, ec kam gegen seine Gewohnheit nur selten in die Bürgermeisterkanzlei; eine Kommissionssitzung, welche die Wasserversorgung des Städtchens berathen sollte, wurde auf unbestimmte Zeit verschoben; die Gründung eines Gymnasiums, welche ans die Tagesordnung der nächsten Gemeinderathssitzung gesetzt worden war, wurde von der Tagesordnung abgesetzt, und Reb Bär, der den Bürgermeister zu dem Jahresbanket der Chewra, das am Abende vor dem Lag b'Omer statlfinden sollte, einlnd. erfuhr zmn ersten Male eine schroffe Abweisung. Im Gegensätze zu bem achtungsvollen Tone, mit welchem der Herr Bürgermeister sonst den alten Mann behandelte, sagte er diesmal mit verdrießlicher Stimme, ohne von sein.en Geschäftsbüchern aüfzublicken lind den Besucher zum Sitzen einznlad.en: „Ach. Gott, ich habe zu solchen Geschäften weder Lust noch Zeit."