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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-26 · Heft 13 (26.3.1897) · p. Seite 152

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 13 (26.3.1897)
Date
1897-03-26
Page
Seite 152 (sequence 8)
Language
German
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152 Ich hatte in solchen Momenten sogar Gewissensbisse. Da ersuchte ich einmal meinen seligen Vater, er möge unsern Rabbiner fragen, ob meine Thätigkeit nicht im Widerspruche mit der Religion wäre. Der Rabbiner war ein streng orthodoxer Mann und, wie ich vor zwei Jahren bei seinem Sterbefalle in verschiedenen Zeitungen las, eine große Autorität in talmudischen Wissenschaften. Höchst ungeduldig wartete ich auf die Antwort. Es sollte ein Richtersprnch sein über meine Zukunft. Und es sollte auch eine Verurtheilnng sein über meine bisherige Thätigkeit — im Falle Zeichnen und Malen Sünde wäre. Endlich kam mein Vater nach Hanse. Ich wurde freigesprochen. Man darf also zeichnen und malen. Die Antwort ist mir jedoch damals sehr ausgefallen. Ich selbst habe die Frage aufgeworfen, trotzdem daß ich, den präzisen strengkonservativen Charakter unseres Rabbiners kennend, eine ganz entgegengesetzte Antwort erwartete. Ja, wie ich mich meines damaligen Gemüthszustaudes erinnere, war ich bereit, im Falle einer verneinenden Antwort meine künstlerischen Träumereien aufzngeben und nie wieder Kohle und Pinsel in die Hand zu nehmen. Ich war noch unfähig damals, über die Ursachen des Bilderverbotes nachzudenken. Unsere Religion lehrt aber, in den Erscheinungen immer die Ursache zu suchen und zu erkennen. Man soll mit den Erscheinungen nicht die Ursache selbst verwechseln. Die Erscheinungen der Welt sind für das geistige Auge des Menschen da, um daraus die zugleich schöne und logische, wahre Ursache der Welt zu folgern. Wenn der Betrachtende als Naturforscher die Natur betrachtet, muß er. wenn er seinen eigenen Geist nicht verfälscht, unbedingt zur Anerkennung des göttlichen Gesetzes gelangen. Wenn der Theologe über die Geschichte des Menschen, also über die Weltgeschichte oder, sagen wir, über die geistige Evolution der menschlichen Vervollkommnung nachdenkt, so kommt er ebenfalls zum selben Schlüsse. Und wenn der Künstler beim Komponiren über die nur in ihren Erscheinungen sichtbare, jedoch ihrem Wesen nach unsichtbare Einheit der Komposition nachdenkt, wenn er auch diese Einheit „Schönheit" nennt, kann er sich trotzdem keinen sinnlichen Begriff von der unsichtbaren Einheit bilden. Auf allen drei Wegen, nämlich durch Naturkunde, Philosophie und Kunst, kann man zum Gottesbegriff gelangen. Wir sehen also, daß die Komposition selbst nicht die Ursache des Verbots sein kann. ES bleibt uns nur noch die Idee, d. h. der Zweck übrig, weshalb das Bild verfertigt wird. Der Künstler veröffentlicht seine Idee ebenso wie der Dichter für einen gewissen Zweck. In die Landschaft kann er eine gewisse lyrische Stimmung hineiubringen. Er zeigt uns, mit welchem Auge er die Natur schaut, ob ihn die fröhlichen oder düsteren Stimmungen ergreifen. Die Landschaftsmalerei ist also nichts wie eine Lyrik, sie ist unschuldig für die Religion. Die Landschaft auf einem Bilde sixirt, kann uns nie zur Naturanbetung leiten, denn eine Landschaft, da sie nur einen kleinen Theil der sichtbaren Welt darstellt, kann kein Vertreter der Natur genannt werden. Und die ganze Natur läßt sich schon aus physischen Gründen nicht malen. Das Verbot bezieht sich also unbedingt auf den figürlichen Theil der Kunst. Und auch hier nur auf die Idee und den Zweck. Jedoch die. Symbolik! Wo man unsichtbare Kräfte in sichtbaren Gestalten personifizirt! Das ist die Dekadenz der menschlichen Vernunft. Und das ist die Beleidigung des Unsichtbaren. Es ist in Knnstlerkreiseu eine höchst antilogische Meinung verbreitet. Allerdings .wiffen wir, daß die Personifikation des Unsichtbaren in die Sichtbarkeit heutzutage für einen gewissen Kreis der Aufgeklärten keine Konsequenzen hat. Allein ich frage, waren denn die Aufgeklärten im antiken Griechenland nicht im Reinen damit, daß hinter ihren Kunstschöpfungen eine große Lüge sich offenbare?! Ich bin überzeugt, der Bildhauer, der für die heidnischen Griechen verschiedene Figuren verfertigte, der den Gott des Krieges oder Friedens, oder Himmel oder Hölle, der Kunst oder der Schönheit, der Wissenschaft oder der Wahrheit darstellte, dieser Künstler selbst war darüber im Klaren, daß er eine Lüge verfertige. Er hat sein Werk gewiß nicht aus religiösen Gesichtspunkten mit solcher bewundernswertheu Ambition geschaffen, sondern wegen einer auch heutzutage herrschenden Meinung. Dieser Künstler war unbedingt ein A nbeter der Form, der Aeußerlichkeiten, selbst wenn, hinter diesen Formen nicht Wahres ist. Diese Meinung ist diejenige, die auch noch heute stark verbreitet ist, die noch heute existirt, und der noch heute unsere Künstler ihre von Gott geschaffenen Fähigkeiten opfern. Es heißt: L’art pour l’art! Das ist aber ein schwerer Jrrthum selbst wenn es ein geistreicher Franzose gesprochen hat. Das würde gerade so viel bedeuten, als wenn man sagen würde, das Mittel dient dem Mittel und nicht dem Zweck, oder die Sonne existirt für die Sonne, der Regen für den Regen, die Kartoffel für die Kartoffel, die Politik für die Politik n. s. w. Und wir sehen, wie dieser Jrrthum sich Siege verschafft. Es sind in. letzterer Zeit zwei extreme Richtungen entstanden; Der Ultrarealismus und der Symbolismus. Die elftere will die Idee vollständig ignoriren; — wenn der Künstler zufällig eine Idee hat, ist's gut, wenn er keine hat, ist's auch gut. Die Hauptsache ist das gute Aeußere,^ das heißt, daß cs gut gezeichnet und gemalt ist. Die zweite, der sogenannte Symbolismus, will hingegen alles, was körperlich oder in Ereignissen existirt, personifiziren. Wir sehen hier den Geist der Welt, den Geist des Lichts, der Erde, der Sünde, des Krieges, des Windes u. si w. personifizirt. Es ist ihrem Wesen nach gar kein Unterschied zwischen dem griechischen Künstler und dem modernen Symbolisten oderdem ägyptischen Sphynxdarsteller. Der Eine nennt seine Vorstellungen vom Unsichtbaren Götter, der andere Geister. Ihrem Wesen nach ist aber ihre Vorstellung nichts als sichtbar gewordene Vielgötterei. Und diese Erscheinungen, die zur Zeit Mose's gerade so existirten, wie sie noch heute, zwar im „Jntereffe" der Kunst und nicht der Religion, existiren, waren und sind die Ursache des göttlichen Verbotes. Diese Auffassung ist jedoch glücklicherweise — nach meinen Erfahrungen — dein jüdischen Geiste ganz freilw. Es ist die höchste Seltenheit, daß ein jüdischer Künstler Symbolist wird. Tie meisten sind sogenannte Realisten der Formen und der Komposition, sie ignoriren aber nicht den Gedanken. Sie malen das Bild wegen einer Idee und nicht nur wegen der Kunst. Was den Symbolismus anbelangt, so sehen wir, daß ein jeder Gedanke, auch wenn er nur wegeu der Knust und nicht wegen des Zweckes existirt, Schule macht. Wir sehen, daß der Symbolismus; die mystischen Unwahrheiten, in der Gesellschaft Anhänger haben, die Leute, die ein symbolistisches Bild betrachten, das Publikum, werden von einem solchen Bilde nicht wegen der meisterhaften Formen und Aeußerlichkeiten ergriffen, sondern wegen der Idee. Formen und Farben zu würdigen, ist meistens nur dem Künstler gegeben. Das Publikum wird sehr oft auch von einem schlecht gemalten Bilde, wenn es „nur" eine originelle Idee darstellt, beeinflußt.

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