Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1897)
- Date
- 1897-03-26
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Wort —, die ackerbautreibende Bevölkerung anderen Berufen zuzuführen? Freilich wird diese kühn-phantastische Idee schon deshalb sich nicht vollziehen, weil eine wirthschaftliche Umwälzung, wie die angedeutete, bei einem so. überwältigenden Theit des Volkes sich nicht durch Kommando kurzer Hand erledigen läßt. Aber ebenso wenig wird es entwickelungsmäßig der Fall sein. Die berufensten volks- und landwirthschaftlichen Schriftsteller sprechen sich für das Gegentheil aus. Sie sagen, der deutsche Landbau muß und kann erhalten werden. Auf den bäuerlichen Besitz stützt sich die Hoffnung,- daß wir auch bei wachsender Bevölkerung die Möglichkeit gewinnen, die Befriedigung des Bedarfs an täglichem-Brod auf eigenem Grund Und Boden zu erzeugen, und daß wir somit durch denselben eine der wichtigsten Grundlagen der Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Vaterlandes zu bewahren vermögen. Sie weisen die Lebensfähigkeit der deutschen Landwirthschaft überzeugend nach und führen dann aus, der landwirthschaftliche Betrieb muß auch darum fortgesetzt werden, weil die Nichtbenutzung der Bodenkräfte eine Verschwendung wäre, zu welcher bisher noch kein Volk reich genug war. Die Bodenkraft ist das Pfund, das die Natur dem Menschen Jahr für Jahr darbietet. Benutzung der von der Chemie und Physik dargebotenen Kenntnisse, genossenschaftliche Organisation, rationelle Kapitalverweudung und gute Kreditverhältnisse sind die unterstützenden. Mittel, womit wir zu den besten Ergebnissen vorzudringen hoffen dürfen. — So lauten die beruhigenden Erwägungen allgemeiner Natur. Wie liegt nun aber die Sache im Hinblick auf unsere Stammesgenossen?. Wir brauchen, um diese Frage zu beantworten, natürlich sie nur auf den Mittelstand und die kleinen Leute zu beziehen; die Reichen werden ihre materiellen Interessen schon selbst zu schützen wissen. — Nun denn, geht es vielleicht den deutschen Juden in den von ihnen betriebenen Berufen so gut, daß sie auf diejenige Arbeitsleistung verzichten könnten, die wir aus geschichtlichen, sittlichen imb sozialen Gründen am meisten für sie erwünschen möchten? Das wird man verneinen.müssen. Bald mit Fug und Recht, bald mit weniger haltbaren Gründen wird gar mancher Ernährungszweig ihnen entrissen. Aus rein wirthschaftlichem Urtheil läßt sich also nichts gegen Land- und Gurtenbau-Wirthschaft Vorbringen. Die Sache der inneren Kolonisation ist keine, ausschließlich jüdische. Man wendet ihr von Regierungen und Nationalökonomen die einem großen patriotischen Unternehmen gebührende Beachtung zu. Mit verhültnißmäßig nicht gar bedeutenden Kosten lassen sich Moorgegenden Oldenburgs und Lüneburger Haideland der deutschen Volkswirthschaft erschließen, genau so, wie ein großer Theil des holländischen Reichthums aus der Bearbeitungder Veen - Kolonien herrührt. Richtet man einen Blick auf die. gewaltige Aufgabe, die in Palästina mit der Austrocknung der Sümpfe' unternommen wurde, so schwindet völlig der Ein wand, daß deutsche Israeliten als inländische Siedler ihren Arbeitszielen sich nicht gewachsen zeigen sollten. Jndeß, wenn alles nicht verfangen will, so wird ein alter landläufiger Vorwand herhalten müssen. Man wird wieder behaupten. die Beobachtung des Sabbaths würde Schwierigkeiten bereiten. Wir finden aber, daß diese nicht größer als in irgend einem anderen Arbeitszweige sein würden, ja, in geschloffenen Kolonien wären sie möglicherweise geringer. Das ist aus der Betriebsart jüdischer Landbauer in anderen Säubern zu entnehmen. Mehr als das! Herr Dr. H. Hildesheimer hat mir zwei deutsche Großgrundbesitzer namhaft gemacht, die unter strenger Beobachtung der Ritualvorschriften ihre sehr ausgedehnten Betriebe bewirthschasten. In Berlin, in Breslau und Köln sind die Leistungen der palästinensischen Dörfer dem öffentlichen Urtheil unterbreitet. Im vergrößerten Maßstabe und völlig gesondert von jedem wirthschaftlichen Beiwerk wird dies auf der diesjährigen Gartenbau-Ausstellung in Hamburg geschehen.- Es muß das Herz eines jeden Inden höher schwellen machen, wenn gegen die Niedertracht durch den Augellschein, durch die Thätsachen der Beweis geführt wird, daß auch in der Landarbeit die Juden nach den höchsten Erfolgen zu ringen wissen werden. Aber gerade dieses Gefühl und diese Erkenntniß muß uns das Gewissen schärfen, daß wir nicht nur der Bodenbewirthschaftung im Lande der Väter, sondern auch derjenigen im Vaterlande uns anzunehmen haben. Wir haben die Pflicht, die Seßhaftmachung deutsch - israelitischer Siedler in der Heimath in systematischer Weise zur Durchführung zu bringen. In der durch die Initiative des Konsuls Simon erstandenen Israelitischen Erziehungsanstalt Ahlem besitzen wir bereits die Grundlegung zu solchem Werke. Die Anstalt verschließt sich nicht der Einsicht, daß in dem Wirken für innere Kolonisation ihre Lebensaufgabe beruht. Wohl dient diese Schule auch als Vorstufe für die Versendung von Knaben nach Palästina und Argentinien. Ihren hohen sittlichen Zweck erfüllt sie indeß erst .dann, worin sie übrigens ihre schönste Aufgabe erblickt: wenn sie unseren inneren Siedelungsbestrebungen die Pioniere und Wegweiser zuführt. Soziale Gesetzgebung und ruhmvolle Geschichte hatten einst Israel mit dem Lande, mit Bodenbesitz und Bodenbearbeitung aufs Engste verknüpft. Es muß wie ein Ruf der Erlösung durch unsere Seelen klingen, daß überall auf dem Erdboden die-Zeit heranreift, wo israelitische Bauern auf der Scholle sitzen und das Land bebaueil werden. Dies wird ein Ergebniß sein, daß wir höher noch anschlageu müssen, als die Emanzipation, als die Ertheilung der politischen Rechte. Es wird die Gleichheit vor dem Gesetz erst mit ihrem vollen Inhalt versehen. Denn was aus endlicher Anerkennung Unserer unveräußerlichen Menschenrechte uns gewährt wurde, das werden unsere Staminesgenossen dann aus eigner Thatkraft krönen durch Zertrümmerung der Vorurtheile, durch Beseitigung der Schranken, die durch ihre Fernhaltung von der Landarbeit verhängnißvoll zwischen Mensch und Mensch sich aufthürmen. Wenn wir unsererseits das Wort: „Deutschland .für die Deutschen" nicht berechtigter in die Praxis, übertragen können, als in der Anwendung: „Deutsches Land für jüdische Deutsche", so wollen wir auch des Spruches eingedenk sein, mit dem ein Verfasser seine landwirthschaftlichen und sozialen Vorschläge einleitet: „Der Wohlhabende wird reich, indem er dem Armen zur Wohlhabenheit verhilft. — Reichthum und irdische Wohlfahrt, erstrebt in menschenbeglückendem Wirken, adelt das Schaffen des Menschen und wandelt den selbstsüchtigen Kampf ums Dasein, den selbstsüchtigen Kampf Aller gegen Alle in ritterliches Streiten Aller für Alle." Das ist die Gesinnung, aus der heraus wir wünschen, daß mit Versuchen innerer Kolonisation jüdischerseits nicht länger gezögert werde. Möge es baldigst gelingen, auf eine beginnende Organisation in Sachen der Landseßhaftmachung israelitischer Deutscher Hinweisen zu können l Kunst und Religion. Von einem jüdischen Maler. ^^>s ist aktuell geworden, das Problem zu erwägen, ob die bildenden Künste für die Religion einen Werth haben oder nicht. Ich war noch ein kleiner Knabe, als ich mich während des Zeichnens und Malens plötzlich des Gesetzes unserer Religion erinnerte, welches uns verbietet, „Bilder zu machen von dem, was auf Erden oder im Himmel oder tief unten im Wasser liegt, um sie anzubeten."