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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-26 · Heft 13 (26.3.1897) · p. Seite 150

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 13 (26.3.1897)
Date
1897-03-26
Page
Seite 150 (sequence 6)
Language
German
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das, was uns mit Men eint, die es treu und echt um ihr Vaterland meinen, um seine Größe,'Macht und Herrlichkeit, um die geistige Blüthe und das sittliche Fühlen der Volksseele, um Wohlergehen und Erstarken aller Volkskräfte, nicht eigens von.uns hervorgehoben zu werden braucht. Leider müssen wir sagen, daß uns in heutiger Zeit nicht der? gönnt ist, auf allen Gebieten öffentlicher Bethätigung unser Meinen. Wollen und Arbeiten beizutragen. Vorurthe'ilsvoll begegnet man. uns auf Schritt und Tritt, wie im gesellschaftlichen, so im politischen Leben der Parteien. Da ist sicherlich Zurückhaltung geboten. Wir besäßen kein Selbstvertrauen, keine Selbstachtung, wenn wir im politischen Leben gegenwärtig nach Geltendmachung ringen wollten: Wir würden aufdringlich erscheinen und doch, mit Nichten unseren. Zweck erreichen. So schmerzvoll wir die Zurücksetzung empfinden, so müssen wir doch unsere Ehre wahren, indem wir abwarten, bis bessere Einsicht die Oberhand gewinnt. Aber über der Betheiligung an Partei- und Interessen- Politik steht die Rücksicht auf das Ganze, bleibt unsere Vaterlandsliebe, unser unzerstörbares Zugehörigkeitsgefühl zum deutschen Volke. Und da drängt sich denn der Gedanke mit überwältigender Kraft uns auf, daß wir auf verschiedenen Gebieten der Arbeitsleistung "der Nation noch nicht den gebührenden Platz errungen haben. Es ist eine unumgängliche Forderung, daß ein staatsrechtlich und rechtlich völlig in die Nation aufgenommener Volkstheil auch an allen ihren Arbeiten theil nehme. Fast gänzlich außer Acht gelassen wurde jedoch in dieser Hinsicht der Landbau, der bis aus den heutigen Tag die Hauptbeschäftigung der Deutschen ausmacht und sie auch in Zukunft ausmachen wird. Beinahe die Hälfte der Nation, weit über 20 Millionen, stehen in ländlichen Betrieben und. Beschäftigungen. Die besondere Weise nun, in der wir unser patriotisches Bewußtsein zu bekunden haben, muß darin bestehen, daß wir uns mit ganzer Kraft, mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln der inneren Kolonisation zuwenden. Denn wenn es eine berechtigte Forderung ist, daß wir an den Arbeiten der Nation — und nun gar erst an ihrer Hauptbeschäftigung — theilnehmen, so haben wir auch die Pflicht, an der Herbeiführung dieses Zustandes zu wirken. Diesem nationalen Gesichtspunkt treten indeß bedeutsatne soziale an die Seite. Wenn von jeher die Juden als gegensätzlich zur übrigen Landesbevölkerung betrachtet werden, so lassen sich dafür manche geschichtlichen Gründe anführen. Ich sage aber: Einer der hervorragendsten isß daß sie nicht seßhaft die vaterländische Scholle bearbeiten. Hat man ihnen früher ihr Recht auf Landarbeit verwehrt, so dürfen sie jetzt nicht zögern, es ausgiebig in Anspruch zu nehmen. So lauge nicht die Siedelung deutscher Israeliten auf deutscher Erde energisch angebahnt wird, bleiben — das läßt sich nicht wegdeuteln —.zwei thurmhohe Schranken zwischen Juden und Nichtjuden bestehen. Die eine ist die der Jntereffen-Berschiedenheit. Schwerer als die heftigste Preiskonkurrenz — so lautet das Urtheil der besten, der theoretisch und praktisch gebildetsten Sachkenner — lastet auf der deutschen Bodeubewirthschaftuug die leider bestehende Verschuldung der Landwirthe. Sie ist das Eraebniß einer Reihe von Ursachen, unter denen die verschiedenen Gesetze der Erbfolge und Erbt Heilung keinen kleinen Rang einnehmen. Ursachen, die sich bei Neusiedelungen vermeiden lassen. Aber was auch immer für mannigfache Veranlassungen die Verschuldung herbeigeführt haben, so wird doch der städtische Jude als der Ausbeuter des das Land bearbeitenden Bauern — gleichviel, ob mit Recht oder Unrecht — empfunden. Man werfe nur einen Blick auf die stark angewachsene Litteratur über diesen Gegenstand; dann begreift man rasch, wie politische und kirchliche Gewalten allezeit mit Leichtigkeit die ihren Zwecken dienlichen Zustände ausnutzen konnten, um den Haß zu schüren.- - ‘ , . Neben der Schranke der Jnteressenverschiedenheit. besteht 2. diejenige der Betrachtungs- und Gefühlsw'eise. Der Städter und der Landmann treten. Dingen und Abstraktionen durchaus andersartig näher. Die subjektive Entwickelung gestaltet sich bei Jenem und Diesem unter Einflüffen, die naturgemäß von einander abweichen. Das Endergebnis solcher Entwickelung verschärft sich noch, wenn außerdem die Grundlagen der Erziehung des Herzens ungleichartig waren. An der Hinwegräumung dieser Schranken muß Hand angelegt werden. Wir gehören dem deutschen Volke an. Glühende Vaterlandsliebe hat viele der besten Juden-beseelt. Nichts aber wird unsere Stammesgenoffen mit Land und Leuten inniger, unlöslich verbinden, als die Zugehörigkeit einer bedeutenden Anzahl von ihnen zur Bodenbewirthschaftung. Als die bestialische Verfolgungssucht Rußlands und Rumäniens — der griechische Katholizismus konnte es eben nicht über sich gewinnen, gegen den römisch-katholischen Ferdinands und Jsabellas oder gegen die frommen Kreuzfahrer oder gegen die Zeit der Flagelmsien und andere, ähnliche Widerwärtigkeiten zurückzustehen — als, wie gesägt, Rußlands und Rumäniens Barbarei vor etlichen Jahren einem kleinen Häuflein jüdischer Auswanderer die Veranlaffung gäben, auf dem Boden des Heimathlcmdes der Vorfahren sich anzusiedeln, als andere Emigranten das ferne Argentinien aufsuchten, um dort als Bauern zu wirtschaften, da wurden die Wenigen, die an den Erfolg solcher Unternehmungen zu glauben wagteil, als Träumer, Schwärmer und Phantasten betrachtet. Und in der That, es gehörte die ganze Arbeitswilligkeit, der Fleiß und die Zähigkeit, der Idealismus und der Optimismus dazu, die das Erbtheil unseres Stammes bilden, um das zu erreichen, was erreicht.worden ist. Denn in den wenigen Jahren, wurde unter unsäglichen Schwierigkeiten es dahin gebracht, eine in den verschiedensten Lebenslagen, nur nicht im Landbau auferzogene Bevölkerung in 29 palästinensischen Dörfern zu einer bäuerlichen umzuwandeln. Die 6000 Juden, die die Dörfer bewohnen, haben diesen ehemals nnwirthlichsten zu einem blühenden Fleck Erde umgestaltet, wie er seinesgleichen sucht. Die Zukunft dieser Kolonien stellt sich menschlichem Urtheil als gesichert dar. — So viel, was Palästina anbetrifft! Und Argentinien? Die neuesten Berichte besagen, daß in verhältnißmäßig sehr kurzer Zeit 50.000 Hektar urbar gemacht wurden, daß auf einen hervorragenden Erfolg der Ansiedler hingewiesen werden kann. Die Kolonien, so heißt es in dem Bericht, werden sich langsam zu einem wirklichen Paradies entwickeln. Diese Erfahrungen aus der jüngsten Geschichte jüdischer Siedelungen sind hier in einer Besprechung innerer deutsch-israelitischer Kolonisation angeführt, weil in einem Augenblicke, in dem auch Deutschlands Juden die Nothwendigkeit der Landseßhafimachung auf vaterländischem Boden anerkennen muffen, wir auf das Beispiel der russischen und rumänischen Brüder zu blicken uns nicht scheuen sollen. Was den Eingewanderten im Lande der Vorväter und in fernen Welttheilen gelang, das muß auch von Stammesgenossen deutscher Herkunft auf heimischem Boden sich ausführen lassen. Der Kleinmuth wird uns zwar; , obgleich wir auf die ganz anders gearteten, weit bedeutenderen Schwierigkeiten der palästinensischen und argentinischen Unternehmens hiuzeigen können, mit seinen Einwänden nicht verschonen. Da werden zunächst die Befürchtungen aus der gegenwärtig schwierigen Lage der nationalen Landwirthschaft hergeleitet werden. Sollte man nicht vielmehr versuchen — so lautet ja ein bekanntes

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