Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1897)
- Date
- 1897-03-26
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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149 Man inüßle füglich, wenn man den Gedanken der Verlegung des Sabbaths logisch entwickelt, in der Türkei den Sabbath am Freitag feiern und überall die Feste und Feiertage des Judenthums auf diejenigen Tage verlegen, an welchen die in dem betreffenden Staate Herrschende Religion ihre Feste feiert. Damit würde aber eine Sprengung des Judenthums, welches eine universelle, an territoriale Grenzen nicht gebundene Religion ist, erfolgen. Der europäische und der orientalische Jude würden nicht mehr der gleichen Religion, deren äußere Gestaltung sich doch im Wesentlichen in ihrem Kultus ausprägt, angehören, es wären dann zwischen den Juden der verschiedenen Länder größere Divergenzen vorhanden, als solche z. B. zwischen Katholizismus und Protestantismus bestehen. Abgesehen davon aber, muß man Folgendes unterscheiden: Unser Sonntag hat eine zweifache Bedeutung, er ist staatlicher Ruhetag und kirchlicher Feiertag. Den staatlichen Ruhetag haben wir als Bürger des Staates Recht und Pflicht mitzufeiern; den kirchlichen Festtag mitzufeiern. haben wir weder unseren christlichen Mitbürgern gegenüber noch unserem Judenthum gegenüber das Recht und die Pflicht. „Dem religiösen Christen kann es nicht sympathisch sein, daß der Jude den christlichen Festtag zu dem seinigen macht, er wird darin etwas Irreligiöses, ihn Verletzendes finden; der Sonntag, den er kirchlich feiert, ist sein kirchlicher Feiertag ausschließlich!" — Dem Iude n thum gegenüber aber wäre ein offizielles Aufgeben des Sabbath von der Gemeinschaft wie ein Treubruch zu betrachten! Man muß sich nur gegenwärtig Halten, daß die Kirche den Sonntag zu ihrem Festtag gewählt hat, mn gerade in Gegensatz zu dem Judenthum zu treten und äußerlich einen vom Judeuthum verschiedenen Festtag zu haben. Für das Jüdenthum war der Sabbath, so lange man historische Kunde hat und so lange Juden den Sabbath gefeiert haben, von Freitag Abend bis Samstag Abend. Dem Jude nt h u m war und blieb stets der Samstag „der siebente Tag"/ und wenn das Judenthnm diesen Tag aufgiebt und denjenigen Tag als Sabbath feiert, den die Kirche im Gegensatz zum Judenthum als Ruhetag geschaffen hat, so scheint mir dies ein Aufgeben eines Stückes der Selbstachtung zu sein, welche das gesammte Judenthum sich selbst und seiner Geschichte schuldig ist. Hat.man je gehört, daß in Staaten, in welchen Christen die Minorität bilden, diese daran gedacht, ihren Sonntag als kirchlichen Feiertag aufzngeben und den Feiertag der im Lande herrschenden Religion anzunehmen. Wir wollen keiner Religionsgemeinschaft in der Selbstachtung unserer eigenen Religion nachstehen! Selbstachtung unserem eigenen Glauben gegenüber, wie auch Achtung gegenüber den religiösen Anschauungen Andersgläubiger scheint mir den Weg vorzuschreiben, den wir in dieser Frage einznschlagen haben. Etwas Anderes ist es, wie sich der Einzelne zu der Frage des Sabbath stellt. Freilich ist es zu beklagen, daß, wie die Verhältnisse liegen, diele religiös empfindende Inden nicht, im Stande sind, am Sabbath das Gotteshaus aufznsnchen, am Kultus theilzunehmen und Sabbathruhe zu pflegen; allein die Anzahl dieser Personen ist im Verhältniß zu derjenigen, welche trotz der Schwierigkeit des heutigen Erwerbslebens dennoch im vollen Sinne des Wortes den Sabbath feiern, verschwindend klein, und die religiösen Institutionen haben zunächst die religiösen Interessen der Gesammtheit, nicht die Interessen einzelner Individuen, ins Auge zu fassen! Vielleicht wird man dazu kommen, den Gottesdienst am Freitag Abend so auszugestalten und an einer solchen Abendzeit abznhalten, daß auch Diejenigen, welche am Vormittag des Sabbath den Gottesdienst nicht besuchen können, den Freitag Abend wenigstens für ihre sabbathliche Feier benutzen können, — vielleicht auch wird der Gottesdienst am Samstag Nachmittag feierlicher abgehallen werden, als es gemeinhin jetzt, erfolgt. In Paris wird beispielsweise das Minchagebet am Sabbath durch Predigt und Gesang im großen Tempel sehr würdig und erbaulich abgehalten, um Denjenigen, die am Vormittag nicht kommen können, den Besuch des Gotteshauses und die religiöse Erhebung zu ermöglichen. : Gewiß wäre nichts dagegen einzuwenden, daß am Sonntag, wenn in weiteren Kreisen ein Bedürfniß danach, sich herausstellt, eine religiös bildende Erbauung, im Anschluß an den Gottesdienst oder außerhalb desselben, innerhalb der Synagogen oder außerhalb derselben stattfinde. Derartige Institutionen würden freudig. zu begrüßen sein. Dies ist ja eigentlich auch der. Grundgedanke des Sonntagsgottesdienstes der Berliner Resormgemeinde. Nur dürfte diese Erbauung nicht der Sabbathgotlesdienst sein, sondern eine unabhängig von demselben erfolgende Belehrung. Vielleicht liegt in dem Ausbauen eines solchen Gedankens der richtige Weg, um Denjenigen, welche das Bedürfniß haben, an dem weltlichen Ruhetag auch religiöse Belehrung zu suchen und ihre Familien derselben znzuführen, Hierzu die Möglichkeit zu eröffnen. ^Das Wesentlichste des Sabbaths ist d ie Sammlung in.dein eignen Haus, die würdige Feier und die Vereinigung der Familienmitglieder am Freitag Abend und am Samstag Mittag^um den elterlichen Tisch, die weihevolle Festesstimmnng, wie sie einstmals von der-Sabbathlampe mild beleuchtet war, und wie. sie auch heute noch aus'den von religiöser Empfindung durchdrungenen Herzen des Vaters unbder Mutter auf die Kinder und Familienmitglieder übergehen konnte, wenn die Eltern den Freitag Abend als einen religiös geweihten Familienabend betrachten und behandeln würden, der ausschließlich der Familie gehört, an welchem nicht Theater, Konzerte, Museumsgesellschaften, Vorträge und dergl. die Familienmitglieder zersprengen dürften. Daß dies aber die Eltern wollen mögen, das wird immer mehr Schule und Religionsunterricht.bewirken und das Beispiel der Gebildeten, welche die Institutionen ihrer Religionsgemeinschaft ehren, ihrem Kultus Achtung entgegen bringen und an seinem würdigen Ausbau- Mitarbeiten sollen. O- Innere Kolonisation. Bon Gustav Tuch in Hamburg. eber die Land - Seßhaftmachung israelitischer Deutscher im Vaterlande hatte ich Gelegenheit, an verschiedenen Orten zu sprechen.. Ich gewann den Eindruck, daß die Anregung überall auf günstigen Boden fiel, daß ihr von vielen Seiten lebhafte Sympathien entgegengetragen werden. Das macht das Pflichtbewnßtsein in mir um so reger, die Angelegenheit energisch zur Erörterung zli dringen, — vorerst durch die folgenden Ausführungen, die sich auf die, wie erwähnt, in manchen Städten gegebenen Darlegungen stützen sollen. Vor allem will ich in den Vordergrund rücken, was die besondere Veranlassung nt Hamburg mit warmer und überzeugter Innigkeit zubetonen , zu meiner Freude nur verstattete. Bei einem am 27. Januar, dem Geburtstage Sr. Majestät..des Kaisers, stattgcfundenen Festakte konnte ich dort erklären, wie wir Juden in besonderer Weise unseren Patriotismus zu bekunden und zu bethätigen haben. Warum als Juden in besonderer Weise? Weil