Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1897)
- Date
- 1897-03-26
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
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' VSji w''e die armen Juden Spolas iit gleicher Weise geradezu um das Brod gekämpft. Daß bereits Hilfsversuche von den umliegenden. Ortschaften' gemacht worden, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Das Ereigniß von Spola ist ein fürchterlicher Schlag, für. die russische Judenheit, geeignet, Schrecken und Verzweiflung.. in fernliegende Kreise hinauszutragen. Aber man denke^an. die Unruhe und' Unsicherheit, die stch sogleich aller Klassen bemächtigt, und sich sogar an verschiedenen Punkten gerade jetzt vor dem Osterfeste, der Zeit der boshaftesten und dümmsten Verleumdungen, zu einer panikartigen Erregung steigern kann! In den letzten Jahren hatten sich die russischen Juden daran gewöhnt zu glauben, daß sie durch die Verordnungen,, welche der Nachfolger des berüchtigten Judenverfolgers Jgnatieff, der langjährige Minister des Inneren Tolstoi,, zu ihrem Schutze getroffen, wenigstens vor derartigen Ueberfällen gesichert seien. Sie hoffen auch, jetzt, daß Spola ein Einzelfall bleiben werde. Aber wenn auch diese Hoffnung sich erfüllen sollte, so bleibt doch noch eine andere Seite der Angelegenheit bestehen. Trotzdem es feststeht/ daß der Ueberfall von Spola nur künstlich hervorgerufen und von langer Hand vorbereitet war, trotzdem es in den „Pet.Wjedom." ausdrücklich heißt, „die allgemeine Ueberzeugung in Bezug auf diese Plünderung sei, daß dieselbe lange vorher ersonnen und vorbereitet sei," trotzdem verschiedene Einzelheiten darauf Hinweisen, so auch der mehrfach gesuchte Anlaß zum Ueberfall, so die naive Versicherung eines Bauern, er habe gehört, daß man die Juden plündern dürfe — trotz alledem werden antisemitische Blätter den Spieß umdrehen und im Ueberfall den . Ausdruck der Bolksfiimmung erblicken, vielmehr erblicken , wollen. Die Beschränkungspolitik sei also vom Volke sanktionirt. Es würde für die russischen Juden tief schmerzlich sein, wenn eine solche Ansicht, daß die Beschränkungen berechtigt seienauch von manchen ihrer westeuropäischen Brüder getheilt werden sollte. Daß diese mit ^em Gefühl und zu Zeiten der Noih auch mit thatkräftigem Handeln auf ihrer Seite sind, wissen sie wohl, was sie aber wünschen, ist mehr, daß das Denken dem Fühlen entsprechen soll. Wenn die Kenntniß der-, russisch-jüdischen Verhältnisse größer werden wird, dürfte dieser Wünsch in Erfüllung gehen. * / .V-." Den neuesten Nachrichten zu Folge haben die Juden in ' Kreta unter den dortigen Verhältnissen doch mehr zu leiden, als man 1 bisher gewußt hat, obwohl sie weder von Muhamedaninn noch Christen bis jetzt belästigt wurden. Gleichwohl mutzte der größte. Lheil von ihnen flüchten Die meisten sind nach Milos, Syra, Samos, Smyrna, Salonichi und Alexandrien geflüchtet. Seit dem 10. Februar sind über 30 Familien aus Kanea nach Smyrna geflohen. Bis jetzt beträgt die Zahl der Flüchtlinge mehr als fünfhundert. Sehr wenige sind zurückgeblieben. Natürlich nur die ärmsten. Es ist erfreulich, daß sich sowohl die englische wie die französische Regierung derselben warm angenommen und ihren .Konsuln ausdrücklich den Auftrag ertheilt hat, den Juden in Kanea und Kandia ihren vollen Schutz angedeihen zu lasten. Obwohl alle' Synagogen in Kanea, Kandia und Retimo geschlossen sind, ist'doch der Rabbiner Eblagon auf feinem Posten in Kanea verblieben. Derselbe hat sich an die Anglo-Jewish-Association mit der Bitte um Unterstützung für die armen Juden in Kreta gewandt und von derselben sofort 50 Pfund Sterling telegraphisch angewiesen erhalten. Die israelitische Gemeinde zu Smyrna hat für die Flüchtlinge aus Kreta, welche ans europäischen Kriegsdampfern oder Handelsschiffen, von allen Mitteln entblötzt, dort angelangt sind, ein Hilfswerk orgcmisirt. Besonders R. Ariö, der Direktor der Knabenschule der Alliance, und Fräulein Jonsseline, die Direktorin der Mädchenschule der Alliance, haben sich der Unglücklichen dort angenommen. Die Alliance selbst hat sofort größere Geldmittel, die ihr die Mumfizenz der Baronin' Hirsch und des Barons Rothschild bewilligte, nach Smyrna geschickt. *• ' Wir habeil bereits, wiederholt darauf hingewiesen, welch eine- . Gefahr für die Einwanderung russischer und polnischer Inden nach Auiertfa tu dem neuen Eiiiwandernngsgesetz besteht, welches jetzt in den beiden Häusern des amerikanischen Parlaments angenommen ist. Nach diesem Gesetz sind von der Einwanderung ausgeschlossen alle erwachsenen Personen über 16 Jahre, welche, weder englisch, noch die Sprache ihres Heimathlandes lesen und schreiben können.- Dieses Gesetz richtet sich deutlich gegen die russischen Juden, welche nicht russisch, und die polnischen Inden, welche nicht polnisch können. Aller Bemühungen, den Jargon und Hebräisch unter die anerkannten Sprachen ausnehmm zu lassen, sind gescheitert. Nun hat auch das Repräsentantenhaus des Kongreffes die von Präsident Cleveland abgelehnte Einwanderungs-Bill mit 193 gegen 37 Stimmen angenommen. Die Bill wurde dann sofort an den Senat gesandt. Dort wurde dieselbe nebst der Veto-Botschaft des Präsidenten, nachdem die letztere verlesen worden war, an den Ausschuß für Einwandernngs- Angelegeilheiten verwiesen. Damit ist die Bill wenigstens für diese Session gefallen. Kabbathfeirr am Sonntag. Von Rechtsanwalt Julius Plotke. (D^i^eilerdiiigs wird mannigfach die Frage erörtert,, ob nicht die Verlegung des Sabbath - Gottesdienstes auf den Sonntag angebracht wäre. . Ans Anlaß einer diesbezüglich an mich gestellten.Frage habe ich brieflich Nachstehendes ausgeführt: Es handelt sich um eines der wichtigsten und schwersten Probleme, desien Lösung Sie versuchen. Allein mir scheint die Frage und die Antwort zu eng begrenzt; warum soll bei dem Sabbath Halt gemacht werden? Warum sollen nicht auch unsere Festtage ans die Festtage der Kirche verlegt werden? Etwa das Pestachfest und das Schewuoßfest auf Ostern und Pfingsten, das Bersöhnungsfest auf den Bet- und Bußtag, das Neujahrsfest auf den 1. Januar! Prinzipielle Differenzen liegen zwischen der Behandlung des jüdischen Sabbaths und der jüdischen Festtage für diese Erwägung nicht vor, — und anderweit wird auch eine ähnliche Konsequenz gezogen, denn ich lese in einer der letzten Nummern der Zeitung des Judenthums. daß ein jüdischer Prediger in Chicago die israelitische Gemeinde zur Feier des Weihnachtsfestes aufgefordert habe! Man würde allerdings auf diesem Wege die vielfach so sehr gewünschte Uniformität hergestellt haben! Ob aber dem Judenthmn damit genützt wird? Ob es nicht vielmehr in seinen Fundauieilten erschüttert würde, wenn man es solchermaßen von seiner historischen Entwickelnng loslösen wollte? Man sollte sich wohl Hilten, die Axt an die Wurzel, eines gesunden, kräftig blühenden Baumes zu legen!. Die Erfahrungen, welche mit der Verlegung des Sabbaths auf den Sonntag bisher gemacht wurden, sind, so viel ich weiß, oft trübselige; zumeist sollen Fremde, die aus Neugier die eigenartigen Einrichtungen ansehen wollen, die Sonntagsgottesdienste besuchen. Und das Judenthum hat keinen Gewinn gezogen aus künstlichen Reformen, welche von außen hereingetragen und aufgezwungen wurden, die nicht von innen heraus sich entwickelten! In Amerika namentlich ist man in einzelnen jüdischen Gemeinden davon znrückgetommen und hat von außen zugebrachte Reformen wieder nach rückwärts revidirt und auch den Sonntag-Sabbath wieder aufgehoben.