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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-26 · Heft 13 (26.3.1897) · p. Seite 147

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 13 (26.3.1897)
Date
1897-03-26
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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vorhanden ist, was die Schuldeputation sofort feststellen lasten wird, so wird seine Beseitigung , veranlaßt werden. Es wird selbstverständlich grundsätzlich daran festgehalten, daß die städtischen Behörden sich weder ^um die religiöse noch die politische Richtung der Vereine bekümmern, denen sie Räume zur 'Verfügung stellen, sondern daß sie nur darauf achten, daß keine Ausschreitungen Vorkommen. Im vorliegenden Falle erachte ich persönlich eine solche Ausschreitung für vorliegend. Redner verliest hierauf das Reskript des Provinzialschulkollegiums vom 7. Januar 1897) betreffend die Anstellung jüdischer Lehrkräfte, im Wortlaut und fährt dann fort: Sie werden nicht erwarten, daß ich mich an dieser Stelle über den Ton des Reskriptes ausspreche. Nur die eine Bemerkung möchte ich machen, daß es nicht der Ton ist, der sonst von Behörden gegen uns angeschlagen wird (sehr richtig!), insbesondere nicht der Ton, den wir gewohnt sind, von der dem Provinzialschulkollegium Vorgesetzten Behörde uns gegenüber angeschlagen zu sehen (sehr richtig!). Ich meine auch, daß der Ton nicht den trifft, gegen den er gerichtet ist, sondern auf den zurückfällt, von dem er ausgeht. (Lebhafter Beifall.) Auf die Einzelheiten der Sache selbst einzugehen, hatte ich nicht für zweckmäßig. Nur die Bemerkung sei mir gestattet, daß das frühere .Reskript voll aufrecht erhalten wird mit einigen Modifikationen, die allerdings nicht hoch anzuschlagende Erleichterungen darstellen. Ueber den weiteren modus vivendi haben sich Schuldeputation und Magistrat noch nicht schlüssig gemacht. Ob es angemeffen und zweckmäßig. ist, den vom Vorredner gewünschten Weg zu beschreiten, muß ich für meine Person bezweifeln. Ebenso unzweifelhaft wie das Wahlrecht des Magistrats, ist auch das Bestätigungsrecht der königlichen Behörden, und es kann doch kaum zu einem Resultat führen, wenn der eine Theil fortdauernd von seinem Recht Gebrauch macht, während der andere Theil sich, ihm stets ebenso schroff gegenüberstellt. Der Zweck, zu konstatiren, daß die städtischen Behörden an ihrer Auffassung festhalten, läßt sich auch dadurch erreichen, daß diese Frage periodisch in der Stadtverordnetenversammlung und damit in der Oeffetttlichkeit zur Diskussion gestellt wird. Wenn auch ein Beschluß des Magistrats und der Schuldeputation über das Reskript des Provinzialschulkollegiums noch nicht vorliegt, da derselbe bei sich bietender Gelegenheit erfolgen wird, so glaube ich doch sagen zu können, daß dieselben an dem-Standpunkt festhalten werden, den sie bisher hr Uebereinstimmung mit der Stadtverordnetenversammlung vertreten haben. (B.rcwo!) ' *; Ueber die neueste russische JudenverfolgunMpKd uns von dort aus authentischer Quelle Folgendes berichtet: Sie haben bereits kurz über das traurige Ereigniß berichtet, das sich am 2. und 3. d. M. im Städtchen Spola (Gouv. Kiew) abgespielt'. Als Einleitung dient eine mehrwöchentliche Vorbereitung der Volksmasse durch unbekannte. Gesellen, sagen wir, durch unbekannte Mächte, welche durch ihre Kraft überraschen, noch mehr dadurch, daß sie niemals ermittelt werden, Verbreitung des Gerichtes, daß die Juden überfallen werden dürfen, ohne daß eine Ahndung durch das Gesetz erfolgen werde, und schließlich das Ausbrechen dieser Stimmung bei einer zufälligen Gelegenheit, bei einer unwichtigen Schlägerei. Dann beginnt das wirkliche Trauerspiel — das Zertrümmern der Fensterdas Demoliren der Wohnungseinrichtungen, manchmal auch der Häuser, das Bewerfen mit Steinen, Plünderung der Magazine, die Mißhandlung der sich Widersetzenden oder sonst in den Weg Laufenden, darauf das Zusammenströmen entfesselter Bolkshaufen aus den entferntesten Orten, um noch etwas zu erwischen.'— Nach langer, langer Zeit, wenn alles zu Ende, wenn Hab und Gut der jüdischen Bevölkerung vernichtet oder ausgeraubt wordendie Anzahl der Verstümmelten bereits beträchtlich, zuweilen Grausamkeiten noch ganz anderer Art begangen worden, die Panik den höchsten Grad erreicht, da erscheinen von Staatswegen die Soldaten, gewöhnlich Kosaken, und treiben die letzten Plünderer, meist die unschuldigsten Kerle von der Welt, auseinander und nehmen Verhaftungen vor. So pflegte es im Jahre 1881 zu geschehen, so war es auch diesmal. In dem nachher auch von der „Now. Wremja" abgedruckten Berichte der als halboffiziös geltenden ,-Petersburgskja Wiedomosti" heißt es: Ich schreibe Ihnen unter dem frischen Eindrücke der von uns erlebten Minuten. Am 18. Februar (alten Stils) um 3 Uhr Nachmittags stürzte sich eine ungeheure Menge von Bauern auf unser Städtchenunb verwändelte Läden, Häuser und Maarenniederlagen, ausschließlich solche, die Juden gehören, in einen Trümmerhaufen. Eine -Menge reicher Magazine, 'kleiner' Kramläden und Hunderte von Häusern sind im. Laufe von kaum vier Stunden von der Masse verwüstet worden, wobei dieselbe mit - einer Art Elementargewalt arbeitete, alles, was in den Weg kam, der Zerstörung anheimgebend.■ Spola, das sich seines blühenden Handels und einer verhältnißmäßigen Wohlhabenheit rühmt, bietet jetzt das Bild einer vom Feinde verheerten Stadt." Aus den langen Ausführungen dieses Blattes und den gleichartigen, theilweise ergänzenden Mittheilungen des„Woschod" mögen nur folgende Einzelheiten entnommen werden: Spola ist zwar offiziell ein Städtchen, gemäß dem thatsächlichen Verhältnissen jedoch eine Stadt. Abgesehen von der christlichen Bevölkerung, beträgt die Zahl der jüdischen Familien 400; der Manufaktur-, Eisen-, Kolonialwaarenhandel rc. befindet sich dort auf einer hohen Stufe der Entwickelung. Bei der Plünderung würden aus den zerstörten Läden die theueren Maaren auf die Straße hinausgeworfen und mit Petroleum begossen; Seide, Sammet und Pelzwaaren wurden in Oelfässer hineingeworfen; die Weinfässer wurden aus die Straße hinausgewälzt und zerbrochen. Während ein Theil der Volksmafse mit der Aufräumung der Läden sich beschäftigte, wandte sich ein anderer Theil den Häusern zu, in denen die Möbel, Spiegel zertrümmert, die Vorgefundenen Geldsummen geraubt wurden (so bei Einem 6000, bei einem Anderen 7000 Rubel), die Kiffen herausgeschleppt und zerpflückt. ' Reiche Läden und atme Buden wurden gleichmäßig geplündert, so daß noch am dritten Tage auf den Straßen ein buntes Gemisch von Zucker, Petroleum, Wein, theuren Geweben, Oet, Federn rc. umherlag. Ein vollkommenes Bild der Verwüstung bilden die reichen Häuser von S. Raffalovich, P. Brodsky, Theonsbylsky u. s. w. Die Fenster und Thüren sind eingeschlagen, die Trottoire sind mit zersplitterten Möbelstücken, Klaviertheilen, Spiegelglas, Büchern, Journalen rc. übersät, während dazwischen Brecheisen, Beile und sonstige Zerstörungsmittel zerstreut liegen. Nicht einmal die Synagogen wurden.verschont, sondern vollständig verwüstet. - Das Wüthen dauerte von 3 Uhr Nachmittags des 2. März bis zum Mittag des nächsten Tages fast'ohne Unterbrechung. Als am Morgen des 3. Marz ein Theil der Plünderer nicht mehr zu arbeiten vermochte, kamen frische Kräfte hinzu, lösten jene ab und beendigten das Werk der Zerstörung. Um 12 Uhr gab es nichts mehr zu zerstören. Da kam die telegraphische Nachricht ans Kiew, daß der Gouverneur mit 300 Uralkofaken und Polizeibeamten abgereist sei. Unterdeß begann das Volk aus den benachbarten Dörfern mit Säcken, Körben und Stricken herbeizuströmen, um die Straßen völlig zu reinigen. Diese Art der Plünderung lockte noch am 4. März eine Masse von Bauern aus den entfernten Orten herbei, doch wurde ihnen der Beuteantheil von Seiten der Kosaken in handgreiflicher Weise versagt. Ein großer Theil der Juden, besonders Frauen und Kinder, suchte sich den etwaigen Mißhandlungen-durch die Flucht zu entziehen. Die beiden Bahnhöfe waren von Hunderten von Frauen mit Säuglingen in den Händen, überfüllt, von Kindern und Halbwüchslingen umringt. Auf dem Boden kauernd, jammerten und klagten sie furchtbar, von fortwährenden Ohnmachtsanfällen erfaßt. Eine schwangere Frau, welche / ob der eben erlebten Schreckensfzenen in ungeheure Angst gerathen war, kam vor den Augen der tausendköpfigen Menge mit einem todtgeborenen Kinde nieder. Währenddessen hatte die künstlich erweckte Rohheit den Gipfelpunkt erreicht; mit den sonstigen Leistungen sich noch nicht zufriedengebend, bildeten die Bauern längs des nach den Bahnhöfen führenden Weges Spalier und überschütteten alle vorüberfahrenden Juden mit einem.Steinhagel. A. ' Kurz nach der Hetze fanden sich der Gouverneur, ein Staatsanwalt und ein Rechtsanwalt — als Vertreter der Civilklage seitens der Spolaer Juden — am Thatorte ein. Nun kam die Knute in Anwendungeinige Schuldige wurden, verhaftet u. s. w. Alle diese Mittheilungen sind in russischen Blättern der Oeffentlichkeit übergeben worden. Die Wirklichkeit dürfte ein weit schlimmeres Bildals geschildert wurde, liefern. So heißt es in Privatbriefen, deren Richtigkeit indeß nochi nicht zu kontroliren istdaß eine große Anzahl von Verstümmelten aus der Schlacht hervorgegangen sein soll. Als die ersten Nahrungsmittel von den benachbarten Städten zugeschickt worden waren, so heißt es weiter, hätten die reichen

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