Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1897)
- Date
- 1897-03-26
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
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Deutschlands, nur in umgekehrter Weise: wir-in Böhmen sind Diejenigen/? von denen die deutschen KoHegen/ lernen könnten. ^Habem-sie denn nichts)? davon gehört/ daßes7 als Warnung "ihnenMtte dienen können? Als'' die k. k: Statthalterei die Bestimmungtraf, es werden in Böhmen- 197 Gemeindenerrichtet, und jede. /Gemeinde müsse einen; Rabbiner haben, war sie gezwungen, eine Rabbinerfabrik zu-errichten. Das geschah« auch. Dem Gesetze gemäß soll in Böhmen jeder Rabbiner zum mindesten? das Abiturientenexamen abgelegt haben und von einem Rabbinerseminar.; die rabbinische Autorisation besitzen. Dies Gesetz'wurde.vorläufig süs->; pendirt,^und die Regierung gab die Erklärung ab : Demjenigen, der von, seiner,Gemeinde würdig.befunden wird, Rabbiner zu sein, ertheile. die k. k. Statthalterei Dispens vom weltlichen Wissen. — Diese Degradi- ' rung, Entwürdigung des Rabbineramtes war der Anstoß zur Gründung - des Rabbinerverbandes in Böhmen.- In dem Wahne, als ein? Ganzes,? imponirend auf die Regierung wirken zu können, eine Zurücknahme des > Gesetzes zu erzwingengingen wir Freisinnigen mit Vergnügen auf den. Wunsch der Orthodoxen ein und verschlossen jeder Besprechung religiöser Fragen den Eingang: Die Folgen zeigten sich bald. Unsere Idee,. Statthalterei und Ministerium für uns zu gewinnen, war undurchführbar, man nahm unser Memorandum gar nicht zur Kenntniß, würdigte es? keiner Antwort. Der erste, vornehmste Zweck des Verbandes war hinfällig geworden, die Hebung der Machtstellung der Rabbiner war ihm nicht gelungen. Was sollte ernun weiter? -Begetiren! Religiöse; Fragen behandeln durfte er ja nicht, nicht einmal' einen gemeinsamen? Lehrplan für den Religionsunterricht brachte er ordentlich zu Stande. Und so fristet er sein Dasein wie ein. altes Rennpferd, das, untauglich geworden, das Gnadenheu frißt. Rabbi Simeon lehrt: „Wenn Drei an einem Tische essen) ohne; von Gottes Wort zu reden, dann ist es, als ob sie an einem Todtenmahle^ theilnehmen". Wie haben wir Rabbiner diesen Lehrsatz unserer Weisen^ so außer Acht lassen können! Es war ja früher unser Stolz, daßhie Thora und nichts Anderes unser Tischgespräch' sei. Stießen vielleicht früher die Köpfe nicht hart an einander, gab es keine Gegensätze? Wenm man aber den Rabhinen des Mittelalters gesagt hätte: Kommet zusammen, jedoch über Thora zu reden, zu streiten, sei euch versagt, sie hätten hell aufgelacht über diesen Unsinn. Man sage nicht: Ueber einen' „hckrben" Rambam eine Wortfehde führen, sei etwas anderes,- als die . Giltigkeit der Speisegesetze zur Diskussion zu bringen. Das ist falsch. Jeder Zeit ist ihr geistiges Gut das Wichtigste: vor hundert Jahren. eine schwere Talmudstelle, heute das Judenthum selbst. Ist etwa die Frage: wie das Judenthum zu erhalten, zu retten, nicht wichtig genug-' daß die Orthodoxie ein wenig Streit darüber vertragen könnte? — Die Gründung von Rabbinerverbänden ist das einzige Mittel, der religiösen Anarchie im Judenthum ein Ende zu bereiten. Ein Rabbinerverband , soll das höchste Forum werden für alle religiösen Fragen. Regierung , und Gemeinde sollen an ihn um Entscheidung sich wenden. Zu einer solchen Instanz habe sich jeder Rabbinerverband langsam herauszukrystallistren. Zu dem Zwecke muß er an erste Stelle die Besprechungreligiöser Fragen, ohne jede Einschränkung, setzen. Es wäre ja für unser Judenthum zu traurig, wenn seine geistlichen Führer niemals zu einer Verständigung es bringen könnten; die Fanatiker von rechts und links werden auch Belehrung annehmen, und ein Ausgleich kommt mit der Zeit zu Stande, auf dessen Grundlage der Verband religiöse Bestimmungen treffen wird. — Ohne dieses Ziel hat ein Rabbinerverband, keine Existenzberechtigung, die Frage der Machtstellung wird er niemals! lösen, und will er sie lösen, wird er, wie der kleine Gernegroß, eine Zielscheibe des Hohnes und des Spottes den Laien. Den Rabbinerngehört die Religion, da sollen sie wirken und schaffen, da sollen sie Autorität werden. Weil wir es in Böhmen nicht gethan, genießt unser Verband keinerlei Ansehen und siecht dahin. Mögen die deutschen Kollegen durch unseren Schaden klug werden und den Beschluß, religiöse Fragen nicht zu besprechen, so rasch als nur möglich zurückziehen, dann blüht und gedeiht ihr Verband! ' Karlsbad. Dr. I. Ziegler. Air Woche. .... . die Berliner Stadtverordneteuversamnisung Ijatte letzthin ihre AntisemitisinA-.Debatte. ohne die es . (j nun einmal nicht abgeht. Der Verlaus derselben/ und der Eindruck, den die dabei gehaltenen Reden auf 'weitere Kreise machen, / ist aber durchaus kein ungünstiger- und man kamt im Hinblick zumal auf die Vorgänge im Wiener Gemeinderath — nur lebhaft wünschen,'.daß der Geist der Humanität und der- Achtung vor Gesetz und Verfassung bei den Berliner Stadtbehörden immer der gleiche bleiben möge wie bisher. Die Debatte entspann sich beim Schnletat. Der Stadtverordnete Dr. Preuß nahm dabei das Wort zu folgenden Ausführungen: Wie er sich am'Sonnabend habe überzeugen können, fei an der Turnhalle der 99. Gemeindeschule in der Steinmetz-. straße ein Plakat des deutschen Turnerbundes angeschlagen, auf, welchem u. a. der Vermerk zu lesen sei: „Gäste (Christen) willkommen^. Ob. ähnliche Plakate auch an anderen Gemeindeschulem?MGchracht/ seien, wisse er^ nicht, glaube es aber annehmen zu dürfen:- Es; fei selbstverständlich jedem Verein unbenommen, Gäste begrüßen? zu. wollen, welche er Lust habe; aber die städtischen Gemeindeschulen seien nicht dazu da. Len Kindern bei jedem Schulgang den Glaubens- und Rassenhaß vor Augen zu führen. Die Stadt habe die Pflicht, darauf/-zu achten,^daß ihre Grundstücke nicht mißbraucht würden. Er hoffe, daß dieser Hinweis zur Beseitigung dieses und etwaiger ähnlicher Plakate genügen werde. Aber wie solle man. die unteren Organe loben, komme das Aergerniß doch von oben! Es sei jetzt-ein Jahr her, seit die Versammlung über das Reskript des. Kultusministers betreffend die' Beschäftigung jüdischer Lehrkräfte an den städtischen Gemeindeschulen verhandelt und der Magistrat eine entsprechende Eingabe an das Ministerium gerichtet habe. Vor Kurzem sei darauf nun eine Antwort eingegangen, aber nicht direkt vom Ministerium, sondern durch Vermittelung des; Provinzialschulkollegiums- und zwar 'des. Inhalts, daß es - dem Kultusministerium nicht angezeigt erscheine, dem^Magistrat noch eine besondere Antwort zu ertheilen. Daß es dem Herrn Minister nicht gefallen habe, selber dem Magistrat Bescheid zutheil werden zu. lassen, sei aus äußeren und inneren Gründen durchaus bedauerlich. Wenn die städtischen Behörden auch die jetzigen Tendenzen der preußischen Unterrichtsverwaltung mit den ihrigen nicht vereinbaren könnten, so seien sie bisher doch gewohnt gewesen» daß--der Herr Minister im Verkehr mit ihnen mindestens die äußere Form zu wahren gewußt und in höflicher Weise mit ihnen verhandelt habe. Aus diesem Schreiben des Provinzialschulkollegiums, dessen Dazwischentreten noch niemals versöhnend, wohl aber häufig trennend gewirkt habe, spreche dagegen der furor teutonicus, und es scheine, als wenn dasselbe das Sprichwort für richtig halte: „Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist." Er fragtden Magistrat, wie derselbe künftig zu verfahren gedenke. Es handle sich darumob die. Gleichberechtigung der verschiedenen Konfessionen seitens. der städtischen Verwaltung gewahrt werden solle. Leider habe der Magistrat nicht die letzte Entscheidung. Es sei behauptet worden, daß die Regierung gar nicht so, schlimm vorgehen wolle, als es den Anschein habe; wenn nur der Magistrat aus seinem Standpunkt verharre, werde er keinen ernstlichen Widerstand bei der Regierung finden. Er bezweifle dies zwar; aber es möchte sich doch nicht verlohnen, die Probe darauf zu machen: der Magistrat solle stets nach bestem Wissen und Gewissen Vorschläge für die Besetzung der Lehrstellen machen, ohne alle konfessionelle Verklausulirung, und es dem Provinzialschulkollegium überlassen, eventuell die Bestätigung zu versagen. Dann aber solle der Magistrat alljährlich eine Liste seiner Vorschläge und der Entscheidungen der Regierung der Stadtverordnetenverjammlung und damit der Oeffentlichkeit unterbreiten. Denn es gäbe an hochmögenden Stellen doch eine gewisse Scheu vor der öffentlichen Meinung, und es sei möglich, daß das, was heute unter dem Geheimniß der Akten, vorgehe, sich unter dem Scheine der Oeffentlichkeit doch nicht hervorwagen werde. , Bürgermeister Kirschner: Bon dem Plakat, das der Vorredner gerügt, ist dem Magistrat und der Schuldeputation bisher nichts bekannt gewesen, sonst wäre sofort Remedur eingetreten. Wenn das Plakat