Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1897)
- Date
- 1897-03-19
- Page
- Seite 143 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228215--53564-3267494- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
143 Zur Feier des hundertjährigen Geburtstages Kaiser Wilhelms I. inst, wenn die ersten Knospen sich erschlossen Dem warmen Hauch des Lenzes wunderbar. Wenn vor dem Frühlings sonnenstrahl zerflossen Das Eis, der letzte Schnee zerronnen war. Da ging ein Freuen durch die deutschen Lande, Da kleideten voll Frohgesühles ganz Sich Dorf und Stadt in festliche Gewände, Und jedes Auge strahlte Hellern Glanz. Denn mit dem Frühling war der Tag gekommen. Der der Geburtstag uns'res Kaisers war, Des großen Kaisers, der hinweggenommen Die deutsche Ohnmacht hat auf immerdar. Vor dessen Dräu'n die Raben sind zerstoben. Die um den Berg gekreis't so lange Zeit, Auf dessen Ruf von Neuem sich erhoben Ein deutsches Reich voll Macht und Herrlichkeit. Und als nach langem Harren eingetroffen Der Traum, den deutsche Jünglinge geträumt — Die Alten wagten schon nicht mehr zu hoffen, Weil die Erfüllung, ach, so lang gesäumt — Als Eintracht nach gemeinsam heißem Ringen Die deutschen Stämme brüderlich verband, Da zog der Friede auf des Sieges Schwingen In unser liebes deutsches Vaterland. Von Gustav Jacobsohn. Und wie des frischen Lorbeerzweiges Hülle Jetzt das erhab'ne Haupt des Kaisers schmückt. Verheißt die Palme Segnungen in Fülle, Womit der Friede gern ein Volk beglückt. Mit ihm erneuen sich die hohen Werke, Die scheu sich bargen vor des Krieges Droh'n; Sie schützt des großen Kaisers Huld und Stärke, Und Volkes Liebe ist sein schönster Lohn. Es kam der Tag. da er von uns geschieden. Es trauerte an seiner Todtenbahr' Ein ganzes Volk um ihn, der nun in Frieden Zu seinen Vätern heimgegangen war. Und als zum Abschiedsgruß die Glocken klangen Dem Herrscher, der sein Tagewerk gethan. Da waren es Millionen, die mit Bangen Dem Lenz, dem kommenden, entgegen sah'n. Doch ob durch eines strengen Schicksals Wallen Es auch versagt dem hohen Sohne blieb. Am Werk des Vaters weiter zu gestalten, Wie ihn das Herz und ernster Wille trieb. Bald flattern wieder stolz gesenkte Fahnen, Des Kaisers Schöpfung ist doch nicht verwaist. Es tritt der Enkel in die Spur des Ahnen Mit jugendlicher Kraft und raschem Geist. Nun glänzt der Tag, der uns vor hundert Jahren Des deutschen Reiches ersten Kaiser gab, Verkündet's, Jahnen, meldet's, ihr Fanfaren, Von Thürmen ruft, ihr Glocken, es herab. Daß wiederum sich freu'n die deutschen Lande Und Dorf und Stadt voll Frohgefühles ganz Sich kleiden wiederum in Festgewande Und jedes Auge strahle Hellern Glanz. Wenn heut' dem Heldengreis die Herzen schlagen In dankbarem Gedenken, ernst und mild. Wie wir ihn schauten in vergaug'nen Tagen, Vor uns're Seele tritt des Kaisers Bild, Wenn seinen Ruhm verkünden uns're Lieder Und jede Lippe seine Thaten preist. Gewiß, dann lächelt segnend auf uns nieder Aus lichten Höhen sein verklärter Geist. Nun wird ein Denkmal in die Lüfte ragen. Von Stein und Erz ein Bildniß, hoch und hehr. Das soll den künftigen Geschlechtern sagen Vom großen Kaiser Wilhelm frohe Mär'; Doch stärker als Granit und Erz und Mauern Ist Liebe, die ein Volk im Busen trägt; Sie wahrt sein Angedenken und wird dauern. So lange noch ein deutsches Herz sich regt. Herr Zebaoth! Du lenkest die Geschicke Der Völker alle mit allmächt'ger Hand, O sieh' herab mit gnadenreichem Blicke Auf unser theures deutsches Vaterland; Erhalt' ihm Frieden, Einigkeit und Stärke. Herr, segne unfern Kaiser und sein Thun! Behüt' ihn, und auf jedem seiner Werke, Herr, unser Gott, laß deinen Segen ruh'n. Fitterarische Mittheilungen. M Branu, Geschichte der Juden in Schlesien II. Von 1835—1400. Breslau, 1897. Th. Schatzky. Den ersten Ansiedelungen der Juden in Schlesien hatte Brann im vorigen Jahresberichte des Breslauer jüd.-theologischen Seminars eine eingehende Schilderung gewidmet, die sich, wie s. Z. in diesem Blatte erwähnt wurde,,durch Beherrschung des gesammten Materials und durch Wärme der Darstellung auszeichnete. Die gleichen Vorzüge zeigt die Forsetzung der Geschichte der Juden in dieser Provinz, welche der gelehrte Verfasser dem diesjährigen Bericht des Seminars vorausschickt. Die verhältnißmäßig günstige Lage, in der sich die 18 Judengemeinden Schlesiens im 13. Jahrhundert befanden, sollte leider, wie wir erfahren, nicht lange andauern. Schwäche und Geldbedürftigkeit veranlaßten die Landesherren, das Schutzrecht, das sie bisher über die Juden ausübten, und das diesen Sicherheit gegen Gewaltthätigkeiten der Bürger bot, zum Verderben der Judenschaft den Stadtgemeinden zu übertragen; von dieser Zeit an beginnt für die armen Unglücklichen ein unsägliches Elend: die ihnen heiligen Steine des Friedhofs sehen sie zum Schimpf und Hohn auf die Gassen geworfen, sie selbst sind fortdauernden Erpressungen ausgesetzt, und als gar der schwarze Tod seine grausige Ernte in Europa hält, als zu gleicher Zeit in Schlesien zur Seuche noch eine außergewöhnliche Theuerung tritt — da beginnen auch hier furchtbare Szenen. Die Juden, denen die fanatisch erregte Masse die Schuld an diesen Plagen giebt, werden fast sämmtlich getödtet, nur wenige retten.Hr Leben durch eilige Flucht. Späterhin wird eine Ansiedelung der. Juden von den Magistraten nur auf gemessene Frist gestattet; die Unglücklichen, die durch diese grausame Maßregel andauernd heimathlos bleiben, suchen für die ungewisse Zukunft Vorsorge zu treffen durch möglichst ertragreiche Geldgeschäfte, die aber wiederum zur Quelle des Hasses uud der Erbitterung gegen sie werden. Den einzigen Lichtblick in diesem trüben Bilde bietet die Judeugemeinde zu Schweidnitz: Herzog Bolko II. bewährt sich in seiner 42 jährigen Regierung als treuer Schützer der Juden, und auch seine Gemahlin und Nachfolgerin zeigt sich ihnen, wenn auch nicht mehr in gleichem Maße, freundlich gesinnt. Bei der milden Regierung des Herzogs findet unter Leitung des „Judenbischofs" Oser und des gelehrten N. David ben R. Falk rabbinische Wissenschaft eine ausgiebige Pflege, und das Gemeindelebeu erstarkt kräftig. Leider bleibt dieser günstige Zustand ein vereinzelter; die Ansiedelung der Juden in dem benachbarten Görlitz, die sich hoffnungsvoll zu entwickeln schien, findet bald durch die Jntriguen des Raths beim böhmischen Herrscher, dem die Oberlausitz unterthan war, ein jähes Ende. Wenn der Verfasser sein Vorhaben, ein Gesammtbild der Geschichte der Juden in Schlesien zu entwerfen, erst verwirklicht haben wird, werden die anderen deutschen Landschaften Schlesien darum beneiden dürfen. Dr. S. Adler. — L. Horwitz. Die Emanzipation der Juden in Anhalt- Dessau. Selbstverlag. Wir haben in diesen Blättern vor einiger Zeit auf die fleißige Arbeit des Herrn Kantor Horwitz: „Geschichte der Herzoglichen Franzschule" hingewiesen; als eine Fortsetzung seiner archivalischen Studien kann obiges Schriftchen gelten. Aus dieser aktenmäßig dargestellten Geschichte der Emanzipation der Juden in Anhalt- Dessau erfahren wir, daß die erste Niederlassung von Juden im Dessauischen 1621 stattfand, daß 1804 der von den „Schutzjuden" zu entrichtende Leibzoll in ganz Anhalt aufgehoben, 1818 den jüdischen Einwohnern das Bürgerrecht zuerkannt wurde. Wir empfehlen das Schriftchen zur weiteren Beachtung. Dr. M. Sp.