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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-19 · Heft 12 (19.3.1897) · p. Seite 142

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 12 (19.3.1897)
Date
1897-03-19
Page
Seite 142 (sequence 10)
Language
German
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142 In Leonores Gesicht zeigte sich die Röthe des Zornes. ‘ „Bist Du eifersüchtig?" sagte sie mit erzwungenem Hnmor. „Keineswegs," war die ruhige Antwort. „Ich lese keine Romane und kenne die Theaterleidenschaften nicht, aber ich setze voraus, das; man einer verheirateten Frau gegenübersich ebenso wenig Anspielungen ans ihre häusliche Ehre gestatten darf, als man einem Kaufmanne gegenüber sich einen Scherz auf seine kaufmännische Ehre gestattet. Wenigstens weiß ich, daß Niemand so etwas meiner Mutter gegenüber gewagt hatte." Leonore lächelte oder bemühte sich, zu lächeln. „Was ein guter Pfarrer ist." sagt Shakespeare, „befolgt seine eigenen Predigten." Wenn Dich Jemand auf dem Bahnhofe sieht und dich fragt: Sind Sie im Begriffe durchznbrennen, dann hast Du ein-Recht, ihn auszupeitschen oder todtzuschießen, wie es einem Ritter ziemt. Ich bin von einer milderen Denkart. Ich vergebe meinen Beleidigern, wie ich will, daß man mir vergebe. Du thue, wie Shakespeare sagt, Du hast doch wohl keine so geringe Meinung von Shakespeare, wie Du sie vor unserer Berheirathuug hattest?" setzte sie boshaft lächelnd hinzu. . „Wenn es Dir Freude macht," sagte Awrom ernst, seiner Frau ruhig ins Gesicht sehend, „mich daran zu erinnern, das; Du Dich Herabgelaffen hast, einen Mann zu heirathen, der nicht wußte, daß Shakespeare ein englischer Dichter war, der vor dreihundert Jahren lebte, so darfst Du Dir dieses Vergnügen alle Tage gönnen. Ich bin nicht empfindlich; ich weiß wohl, das; ich wenig gelernt habe, und wenn es mir heute auch leid thut, ich schälue mich dessen nicht. Mein Vater konnte gerade zur Roth etwas jüdisch schreiben und lesen, meine Mutter nicht einmal das, und ich wußte nur zu wohl, daß mir mit dreizehn Jahren der Beruf eines Hausirers winkte. Unter solchen Umständen gereicht es mir eher zur Ehre, daß ich das Wenige gelernt habe, das ich in meinem Geschäfte brauche. Ich muß aber wiederholen, daß iiicine gute Mutter, wenn sie auch ihren Namen nicht schreiben konnte, als Weib und als Mutter keiner Anderen nachstand."' Awrom nahm nach diesen Worten die blanke messingene Feuerzange, die au einem ebenso blanken Gestell lehnte, öffnete die Ofenthüre und schürte das Feuer. Eleonore schwieg; in ihr kämpften Verdruß und Demüihigung. Ihr Gatte nahm nach einer Weile wieder das Wort. „Kannst Du Dir vorstelleu," sagte er, „daß irgend Jemand Deiner Mutter im Beisein anderer Leute Anzüglichkeiten gesagt hätte?" „Allerdings nicht," erwiederte Leonore betroffen, „aber sie lebten in engeren Verhältuiffen, sie hatten nicht unsere gesellschaftlichen Pflichten." „Wohl wahr," entgegnete Awrom, „aber innerhalb unseres häuslichen Kreises sollten gesellschaftliche Pflichten keinen Ilnterschied machen. Ich wollte zum uündesten ineine gesellschaftliche Stellung für den Preis meiner Selbstachtung nicht erkaufen. Ich verspüre wenigstens nicht das Verlangen, mit diesen adeligen Herren, den Söhnen verdienter Offiziere, zu tauscheu. Dieser Aspernfeld ist mir aufgedrungen worden. Da er Schulden halber den Militärdienst quittiren umßte, nachdem Deine Verwandten sich glücklicherweise eines Besseren besonnen hatten nnd ihm den Laufpaß gaben, wollte ihn Burgheim, der unter Asperiifelds Vater, dem General, gedient hatte, versorgen und schlug ihn für die Kassirstelle .au unserer Fabrik vor. Burgheims Agitation imb Bemühungen hochgestellter Kreise gaben den Ausschlag. Ich mußte uachgeben, doch im Hause will ich ihn nicht haben," setzte er mit Heftigkeit hinzu, „wenn ich ihn auch tut Geschäfte ertragen muß." „Du wirst doch wohl einseheu," erwiederte Leonore gereizt, „daß' ich einem Manne nicht sagen kann: Mein Herr, ich habe vernommen, daß Sie Ihren Posten als Kassirer nicht gut aus füllen, und darum sehe ich mich genöthigt, Ihnen die Thür zu weisen." „Das war weder meine Absicht, noch der Grund ureines Wunsches," erwiederte Awrom ruhig. „Eine Dame von Deiner Welterfahrung hat gelindere und doch wirksame Mittel, sich mnvillkommcne Besucher feruzuhalten. Aspernfelds geschäftliche Unfähigkeit ist eine Folge seiner Lebensauffassung. Ich habe oft genug Gelegenheit, ihn und Seinesgleichen im Kasino zu beobachten, wenn sie über Frauen ihrer Bekanntschaft sprechen, und ich habe ein Recht, zu verlangen, daß meine Frau den Anlaß vermeiden soll, Gesprächsstoff für diese Zirkel, zu sein. Ich weiß, daß eine jüdische Frau das für ihre Pflicht ansehen sollte." In Leonores Wangen stieg wieder Zornesröthe auf. „Das soll wohl heißen," rief sie mit erhobener Stimme, „'daß die selige Jentel dem Ideale einer jüdischen Frau mehr entsprach als ich. Im Gänsestopfen, ich muß es gestehen, bin ich sehr schwach, und das Jüdischfein halte ich, aufrichtig gesagt, nicht für eine so große Ehre." Mit diesen Worten erhob sich Leonore, um vor den Spiegel zu treten, und begann ihre Haarnadeln zu entfernen. „Die Todten soll man ruhen lassen, sagt ein jüdisches Sprichwort," begann Awron ernst. „Sie hat von Shakespeare noch weniger gewußt als ich, aber ihre höchste Lebensaufgabe war es, ihren Mann glücklich 31t machen." Awrom sprach diese Worte im ruhigsten Tone, obwohl ein leises Beben seiner Stimme seine Erregung verrieth. „Du willst sagen, daß ich Dich unglücklich gemacht habe," erwiederte Leonore mit heftiger Stimme, während, ihre Augen sich mit Thränm füllten. Awrom schwieg und sah unverwandt nach dem Feuer. Leonore zog die Klingelschnur. Ein Stubenmädchen erschien. „Marie," sagte sie in gleichgiltigem Tone, „bringen Sie das Gastzimmer in Ordnung, nnd bereiten Sie mir kalte Umschläge vor. Ich muß mich zu Bette begeben. Der Lärm des heutigen Tages hat meine Migräne wieder geweckt." Das Mädchen verschwand mit einem „Sofort, gnädige Frau." und Leonore verließ, ohne ein Wort zu sprechen, das Zimmer. Awrom sah ihr mit traurigem Blicke nach, bis ihr wallendes Haar hinter der Portiere verschwand. In dem Gastzimmer.setzte sich Leonore sofort an den Tisch, um mit fliegender Hast einige Zeilen aufs Papier zu werfen. Sie schrieb: „Lieber Aspernfeld! Ich will morgen Mittag in Geschäften nach der Stadt fahren und hoffe, Sie Abends im Qpernhaufe 311 sehen, da ich Wichtiges mit Ihnen zu besprechen habe." Eleonore Schwarzmann. Hastig schloß sie das Billet in ein Kuvert und übergab es dem Stubenmädchen, das auf ihr Klingeln erschienen war. „Geben Sie das Billet," sagte sie im gleichgiltigen Tone, „Johann zur Besorgung." Dann setzte sie sich tu einen Lehnstuhl und blätterte zerstreut in einem Journal, wahrend ihr Gatte, in dem Glauben, sie auf dem Wege der Bekehrung zu wissen, sich ruhig zu Bette begab. (Fortsetzung folgt.)

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