Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1897)
- Date
- 1897-03-19
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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141 Platze erstrahlte der Triumphbogen in vollem Lichtglanze. Vor dem Rathhausportale erglänzten das städtische und das Neichswappen, aus Hunderten von Gasflammen gebildet; vor dem Hause des Bürgermeisters sah mau die Initialen des Kaisers in Flammenschrift erstrahlen; vor beut Bahnhofe war ein Portal aus geflügelten Rädern gebildet; eine wahre Feenpracht für alle Diejenigen, die sich erinnerten, welch' großes Aussehen es erregt hatte, als das Städtchen Straßenbeleuchtung mit Oellaterueu angeführt hatte. Vor dem Hause des Bürgermeisters trafen sich Mordche und Reb Bär; der Elftere in strammer Haltung, welche nur durch eine leichte Vorwärtsneigung des Kopfes beeinträchtigt wurde, die den schwachen Augen nachhelfen wollte, der Letztere ein gebrochener Greis, der sich mühsant, ans seinen Stock gestützt, vorwärts bewegte. Reb Bär war ein blutarmer Mann, der ein freudloses Dasein führte. Seit mehreren Jahren verwittwet, wohnte er bei einer älteren, ebenfalls verwittweten, grämlichen Schwester, und Schmalhans war bei Beiden Küchenmeister. Zum Bettler war er wohl nicht herabgesunken; Verwandte bedachten ihn hier und da, auch die wohlhabenden auswärts lebenden Mitglieder der Genieinde ließen ihm in diskreter Weise Gaben znkommen; daneben hatte die alte Gemeinde eine Anzahl von mildthätigen Stiftungen, die ihm ein kleines Einkommen abtvarfett. Alles zusantmettgettommen gewährte nur eiti sehr dürftiges Lebetl. Die größte Hoffnung seines Lebens war zu Wasser geworden. Sein einziger Sohn war, wie so viele Kinder armer Leute, in der Hofmeisterei stecken geblieben, hatte seine Studien nicht vollenden können und war endlich in einem kleinen Städtchen als Lehrer, Vorbeter tmd Prediger untergekommen, hatte bald darauf geheirathet und mußte alle Kunst aufwenden; um feine zahlreiche Familie zu sättigen. Das war Reb Bärs schwerstes Leid; er hätte Armuth tntb Entbehrung gern ertragen, er hätte es sogar verwinden können, wenn Frau Rosenbaum, vom Grabe ihres Vaters zuriickgekehrt, bei ihm eintrat, um ihm mit einem diskret sein sollenden Händedrucke eine Banknote zuzustecken, er hätte es auch ertragen, wenn die Kinder von Leuten, die einst tief unter ihm im Range gestanden, ihni einige Silbermünzen auf den Tisch legten und meldeten: „Der Vater läßt sagen, Sie sollen so gut sein und am Jahrzeitstage des Großvaters „lernen". Das war ja alles schlimm genug, aber Reb Bär hätte es ertragen, wenn nur sein einziges Kind gewordeit wäre, was er sich von ihm versprochen hatte. In diesem Kinde hatte er gehofft, sein Ideal verwirklicht zu sehen. Die Vereinigung von Bildung und Frömmigkeit, die Vereinigung jenes mächtigen sittlichen Einflusses, den die alten Rabbinen besessen hatten, mit jener Welterfahrung, welche den modernen Menschen auszeichnet. Das war zu Wasser gewordeit, und die gescheiterten. Hoffnuttgen hatten feilte Gesundheit utttergraben.?: £. Trotzdem war Reb Bärs Seele frei von jedetn Neide, und mit aufrichtiger Herzlichkeit reichte er Mordche die Hand und sagte: „Ihr habt auf Eure alten Tage ein großes Glück erlebt, Mordche. Gott soll es Euch lange lassen." „Amen!" rief Mordche bon ganzem Herzett. „Gott soll Dich an Deinen Kittdern und Enkeln Freude erleben lassen." Reb Bür seufzte. „Ihr wißt, was geschrieben steht: „Das Erbe Gottes sind Kinder." Was aus Kindern wird, steht in Gottes Hand. Wir können nichts dazu thun und nichts hinwegnehmen." Mordche wußte, was beu Anderen bedrückte. „Du hast Dich nicht zu beklagen," sagte er. „Dein Kiitd ist brav und srontm und kann „lernen". Ich will auf nteinen Atvrom nichts reden. Er thut an mir, was er kamt, er möchte mir die Hände unterlegen, daß ich darauf gehen soll. Gewiß, ich würde mich gegen Gott versündigett, wollte ich etwas gegen ihn sagen, aber es ist mir manchesmal weh' ums Herz, wenn ich daran denke, wie er heute am Pessach ißt und trinkt mit „ihnen", als hätte er es nie attders-vor sich gesehen. Meinst Du, Reb Bär, es ist mir gleichgiltig, wenn ich bei meinem Kinde nicht einen Teller Suppe effen kann? Ich möchte es von ihr gar nicht nehmen, wetut sie mir es geben wollte; ich weiß, sie schämt sich meiner; ich bin ihr ein Dorn im Auge. Blind,, wie ich bin, sehe ich doch, wie tneinem Atvrom das Blut zu Gesichte steigt, wenn sie sagt: „Den Vater kamt ich nicht einladen; dem schmeckt meine Küche nicht." Ich bete nur imtner, Gott soll es ihm verzeihen, wenn er nicht ist, wie ein Jüd' sein soll, und ein sündiger Mensch, wie ich bin, denke ich mir manchesmal: Gott läßt mich deswegen so alt tverdeti, damit mein Awrom an mir Mizweß thun^) kaittt. Reb Bär war vott diesem Gestättdniß tief ergriffen. Schweigettd schritt er an der Seite des älteren Genosseit eine geraume Weile hin, bis er das Wort wieder fand. „Wir siltd in einer anbereit Welt, lieber Mordche," sagte er endlich. „Gott hat uns die Thora gegeben, und wir haben sie viele Jahrhuttderte gehaltert unter schweren Leiden und Gefahren, unb jetzt, seit die Freiheit ist, thut Jeder, was er will. Vielleicht soll es so sein. Wer kann wissen, was Gott mit uns vor hat? .Der Prophet Elijah hat auch gebetet: „Dil bist Gott und Du hast ihr Herz umgekehrt." Wettn ich heute um dreißig Jahre jünger wäre, und ich stünde da ohne Geschäft — Gott soll uns vor Versuchmig bewahret!—, was sollte ich aufangen? Wenn mich mein eigenes Kind um Rath fragen sollte, ich würde nicht sagen: Arbeite am Schabbes, aber nein könnte ich auch nicht sagen, wenn ich weiß, er hat Weib tmd Kind zu ernähren." Mordche blieb stehen. „Reb Bär," sagte er, „glaube mir aufrichtig. — Mein Awrom hat ein großes Vermögen, mehr wie ich mir jemals habe träumen lassen, und er hat große Ehre. Der Kaiser hat ihm einen Orden geschickt und das und jenes, aber wenn er sollte heute sich kümmerlich mit Hausiren ernähren und ein jüdisches Haus haben, ich wollte Gott danken, und ich glaube, ihm wäre auch wohler." . Inzwischen waren die Beiden an Mordches Häuschen angekommen, und Reb Bär nahm mit einem kurzen „Gute Nacht" Abschied. Während Hunderte zu dem Hanse des Bürgermeisters aufschauten und die strahlende Beleuchtung bewunderten und wohl Alle den Besitzer dieses Hauses für den Glücklichsten der Sterblichen hielten, saß das Ehepaar in dem kleinen Boudoir, das sich an den großen Empfangssalon anschloß, eine geraume Zeit einattder schweigettd gegeuüber. Der Festesjtibel hatte mit einer Disharmonie abgeschlossen. Auf Beiden lastete das drückende Gefühl, daß ein freies Anssprechen zwischen ihnen tticht vermieden werden könne, und doch ängstigten sich Beide vor dessen Folgen. Die schwerste Fessel unseres Lebens, die Furcht vor dem, was die Welt sagen wird, drückte sie nieder. Leonore saß noch in ihrent Gesellschaftskleide auf einem Schaukelstuhle, scheinbar zerstreut in einem Albuin blätternd, Awrom saß ihr gegenüber auf einem rothsammetenen Polsterstuhle, die Augen auf den Porzellanofen gerichtet, in dem ein leichtes Feuer brannte. Vott Zeit zu Zeit warf er Blicke ttach seiner Gattin, welche dieselben nicht zu bemerken schien. „Lori!" sagte er endlich. Sie blickte wie zerstreut nach ihm. „Lori!" wiederholte er, seine Blicke nach dem Ofen gerichtet. „Ich hoffe,-daß Du nach beu Vorfällen bei der heutigen Festtafel den Herrn von Aspernfeld Dir vom Leibe halten wirst. Offen gestanden, mir ist er schon längst unausstehlich." J) Pflichterfüllung üben.