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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-19 · Heft 12 (19.3.1897) · p. Seite 138

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 12 (19.3.1897)
Date
1897-03-19
Page
Seite 138 (sequence 6)
Language
German
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in einzelnen Momenten ein Erwachen eintrat/ da, in einem dieser Momente, hatte die Königin, die unausgesetzt an seinem Lager weilte, den Muth — und wohl gehörte den Befürchtungen einer bedenklichen Aufregung gegenüber Math dazu — ihm den Anfang des 116. Psalms laut vorzulesen: „Das ist mir lieb, daß der Herr meine Stimme und Flehen hört. . . Stricke des Todes hatten mich umfangen, und Angst der Tiefe hatte mich betroffen. Ich kam in Angst, ich kam in Jammer und Noth; aber ich rief an den Namen des Herrn: 0 Herr! errette'meine Seele!" Der König richtete sich auf und hörte aufmerksam zu. Als sie den Psalm zu Ende gelesen, da sagte er: „Es ist genug, ich habe verstanden, ich danke Dir." Von nun an las ihm die Königin täglich kurze Gebete aus den Psalmen vor, solche, die. wie sie wußte, der König auch früher vorzugsweise geliebt hatte?) Er war in dem Psalter so bewandert, daß er mit großer Genauigkeit wußte, was jeder Psalm enthielt?) Es entspricht dem allgemein bekannten frommen Denken und Empfinden des Heldenkaisers Wilhelm I., daß bei der Kaiserproklamation zu Versailles am 18. Januar 1871 auf seinen besonderen Befehl der wie für das große Ereigniß des Tages gedichtete 21. Psalm: „Herr, der König freuet sich an Deiner Kraft und über Deine Hilfe, wie sehr jubelt er. Du giebst ihm seines Herzens Wunsch und weigerst nicht, was sein Mund bittet. Dil überschüttest ihn mit gutem Segen, Du setzest eine goldene Krone auf sein Haupt", in der Liturgie verlesen wurde. Von den letzten Tagen des leidenden Kaisers erzählt der Oberhofprediger, daß, als er am Donnerstag, den 6. März 1888 am Krankenbette erschien, das erste Bibelwort, das er vorsagte, Psalm 23 V. 4 war: „Ob ich schon wunderte im finstern Thale, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir, Dein Stecken und Stab trösten mich."«) Und in der verhängnißvollen Nacht zum Freitag, als er mit dem erstell Verse, des 27. Psalms begann: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil, Mt wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebeils Kraft, vor wem sollte mir grauen?" dazu alls Psalm 136 den Vers 5: „Ich harre des Herrn, meine Seele harret, Ulld ich hoffe auf sein Wort", richtete die Frau Großherzogin voll Baden an den Kaiser die Frage: „Papa, hast Du es verstanden?" Er gab zur Antwort: „Es war schön." Es waren die letzten Bibelworte, die dem Dahiilscheidenden zugerilfen werden konntell! t. Briefe aus Rußland. ^MVllmälig wird in Rußland eine Regierungsmaßregel verxÄllD wirklicht, die das gesammte wirthschaftliche Leben eines u großen Bruchtheiles der .russischen Juden umwälzeil, meist auch voll Grund aus vernichten wird. Ich spreche vollder Einführung des Spiritusmonopols. das sich bald über das ganze Ansiedelungsrayoli ausdehnen wird. Still, denl westeuropäischell Juden kaum merkbar, geht dieser Vernichtungsprozeß vor sich, ohne viel Lärm werden unzählige Familien aus ihrer bisherigen, wie znzugeben, nicht allzlr schönen Beschäftigung herausgerissen ltnb erbarmungslos auf die Straße geworfen. Nach einer in den achtziger Jahren vorgenommenen Zählung sollen 38 000 jüdische Familien, etwa 200000 Seelen, vom Schnapsbetrieb und -Veckallf ihr Sieben gefristet haben, häufig allerdings nur künnnerlich, aber doch mehr oder minder gesichert. Die furchtbare Frage tritt jetzt an die Kögel, S. 291. 2) Kögel, S. 163. 3) Kögel, S. 65. russische Juden heit heran, was ans allen diesen Menschen werdem soll, wie der schrecklichen Noth, die über Zehntausende hineinbricht und noch Hineinbrechen wird, gesteuert werden kann. Es ist klar, daß der Kampf Aller gegen Alle, der, durch die bis zum Aeußersteu getriebene Einschränkung der den Juden zugänglichen Bernfszweige veranlaßt, solche Verheerungen unter den Juden Rußlands verursacht, an Kraft und Schärfe noch zunehmen wird, wenn nicht in der nächsten Zukunft gesetzliche Erleichterungen in anderer Hinsicht eintreten werden. Am schwersten wird jetzt von den russischen Juden ihre Ausgeschlossenheit vom Ackerbau, dem Hauptnahrungsziveige des Zarenreiches, empfunden. Darum hoffen sie, daß die russische Regierung dem Plaue, vermittelst eines Theiles der Baron Hirsch'schen Erbschaft größere Kolonien in Rußland anzulegeu, ihre Genehmigung nicht versagen wird. Angenommen selbst, daß dies gelingen wird, so wird es nur eine kleine Minderheit der Betroffenen vor ökonomischem Untergang erretten, während der größte Theil in Proletarier verwandelt werden und die bisherigen Proletarier auf ein noch niedrigeres Niveau Herabdrücken wird. Als der jetzige russische Finanzminister das Spiritusmonopol vorschlug. tauchte diese Frage allgegemein in Bezug auf die Gesammtbevölkerung^Rnßlands auf: „Was soll aus allen im Schankgewerbe Beschäftigten werden?" Die darauf ertheilte Antwort, daß dieselben in den Staatsschänken Anstellungen, oder sonstigen Gewerbezweigen sich zuweuden würden, ist bei den Juden völlig unangebracht, da sie von jeglicher Arbeit beim Betrieb oder Verkauf des Schnapses ausgeschlossen sind, während andererseits unter sonstigen Gewerbezweigen, die noch Konkurrenz ertragen können, solche gemeint, die auf den Osten Bezug haben, also auf dasjenige Gebiet, in welchem nur privilegirte Juden wohnen dürfet!. Hierbei wird so streng vorgegangen, daß an einzelnen Orten, z. B. in Mohilew-Podolsk, selbst jüdische Tagelöhner an den Schnapsreinigungsarbeiten nur wegen ihrer Abstammung keine Beschäftigung erhielten. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die jüdischen Besitzer von Schanüvirthschaften sowie von Schnapsbrennereien, ebensowenig wie die christlichen, für ihre Umgebung eine Wohlthat gewesen, daß sie in ihrem Existenzkampf häufig in sittlicher Beziehung eine der niedrigsten Stufen eingenonnnen und dem jüdischen Namen keine sonderlichen Ehren eingebracht, aber man möge doch bedenken, .welchen Kampf der russische Jude durchzumachen hat, um das einfache Brod zu erwerben. Etwas Derartiges mag wohl auch der Fiiianzminister gefühlt haben, als er in seinem vorbereitenden Berichte, die Juden speziell berührend, meinte, „in der Angelegenheit der Lösung der Judenfrage dürfe nicht so sehr Beschränkungs- und Ausschließungsmaßnahmen die erste Stelle angewiesen werden, als vielmehr organischen Maßregeln, die das sittliche Niveau der Juden heben und ihren Separatismus schwächen sollen". Eine ganze Reihe von Maßregeln war in dieser Beziehung geplant, jedoch nichts verwirklicht. Wie man übrigens durch „Schwächung des Separatismus" den Hungernde!! helfen kann, ist natürlich unklar. Sicher ist nur .eines, daß in allen solchen Füllen die Judenfrage stets von der einen Seite, von derjenigen, welche die Nichtjuden angeht, aufgesaßt wird. Daß die Jndenfrage solch schreckliche Folgen für die Juden hat, kümmert den Gesetzgeber sehr wenig. Mit Recht ruft darmn der „Woschod" in unserem Falle aus: „Unbestreitbar ist es, daß die ohne Beschäftigung Gebliebenen nichts von außen zu erwarten haben; in diesem Falle thut uns mehr als irgendwann Selbsthilfe noth". Seit Wochen beschäftigen sich darum die russisch-jüdischen Blätter, vornehmlich das in hebräischer Sprache zu Warschau erscheinende Tageblatt „Hazesirah", mit der Frage, durch welche Mittel das Handwerk ökonomisch und kulturell gehoben werden kann. Handelt es sich doch

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