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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-19 · Heft 12 (19.3.1897) · p. Seite 136

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 12 (19.3.1897)
Date
1897-03-19
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
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folgung anzuschließen? Sie Haben selbst sehr viel von der Unduldsamkeit der Männer, welche seit 1878 am Ruder sind, zu leiden gehabt, und wenn auch die schlimmste Zeit der religiösen Bekämpfung vorüber ist, so fühlen wir den Einfluß des Geistes der Intoleranz noch immer in Unterrichtsgesetzen, in dem Militärgesetz und in einigen Finanzgesetzerw Das Bestreben oer Katholiken muß zunächst darauf gerichtet sein, diese Gesetze vorerst zu ändern und später ganz aufzuheben. Würden wir/ frage ich, -in diesen Bestrebungen irgend welche Aussicht haben, wenn wir jeden Tag in unseren Zeitschriften und Konferenzen die Aus-;. Plünderung und Vertreibung der Juden verlangen, und so, ohne daß wir wirklich wollen, daß man die Juden lebendig verbrennt, die Zeiten der Inquisition und der Autodafes verherrlichen, wie Sie es in Ihrer. Nummer vom letzten Freitag gethan. Zu welcher Zeit ich auch immer gelebt hätte, ich wäre ein Feind der. Politik der Verfolgung und der Intoleranz, welche nach meinem Dafürhalten dem Geiste des Evangeliums und der Lehre der Kirche zuwider 'sind. Ich bin umsomehr dieser. Strömung abhold, als ich die feste" Ueberzeugung habe, daß bei irgend welchen ihrer Erfolge keine Konfession mehr Schaden erlitte als die unsrige, und daß die katholische Religion ihr erstes Opfer wäre. Lassen wir demnach die Vergangenheit ruhen, fachen wir die Leidenschaften nicht an, die wir ja nur gegen uns selbst entzünden. Bleiben wir auf der Höhe der Zeit, wenn wir in Frieden mit ihr leben und besonders, wenn wir Einfluß auf sie haben wollen. Achten wir die Rechte Anderer, damit man die unseren achtet. Der einzige Schutz der Kirche ist die allgemeine Freiheit. Das, mein Herr, sind die Prinzipien, die ich durch eine autoritative: Stimme der Jugend mitgetheilt wünsche, es find dieselben, die ich selbst/ so oft sich mir Gelegenheit dazu bietet, seit einem Vierteljahrhundert ihr, laut verkünde, und die ich, so lange ich Einfluß auf sie habe, stets wiederhole.. Aus dem heiligen Rußland kommen.wieder Hiobsposten übed Aufstände gegen die Juden. Vor allem aus dem Gouvernement' Kiew, wo diese Unruhen sich schon oft wiederholt haben. Im Spola wurde am Dienstag und Mittwoch der vergangenen Woche' eine ganze Anzahl jüdischer Läden und Geschäfte geplündert und einbedeutender Schaden, wie es heißt, von mehreren Millionen-, ungerichtet. Der Pöbel erstürmte das Haus des Bankiers Brodsky, und" da er den Kaffenschrank nicht öffnen konnte, wurden aus Wuth darüber die Pferde abgestochen und die Wagen vernichtet; ebenso wurden ein Tuchladen und ein Kolonialwaarengeschäft vollständig' ansgeplünderü Eine Menge Maaren wurde direkt auf die Straße' hinansgeworfen. Auch in dem benachbarten Smerlo werden ltn=’ ruhen befürchtet. Aus diesem Anlaß hat sich eine jüdische Deputation' nach Kiew begeben. Der fanatifirte Pöbel beschränkte seine Zer-' störungswuth nicht nur auf jüdische Gebäude," sondern ließ sich im- Eifer des Gefechts auch Hinreißen, das seitens der Spiritusmonopol-' Verwaltung hergerichtete staatliche Gebäude zu zerstören. Die feuersichere Kassette eines anderen jüdischen Einlvohners von Spola, Raffalowitsch, wurde mit Gewalt erbrochen, das Laare Geld in Höhe^ von 1000 Rubel geraubt und Werthpapiere im Werthe von 7000 Rubel" in Stücke zerrissen. Die Juden konnten sich gegen den .Ausbruch des Pöbels nicht schützen. Eine große Anzahl von ihnen hat mit. Weib und kleinen Kindern über 48 Stunden im Keller zugebracht, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, und sie wären verhungert, wenn! nicht am Mittwoch Abend ein Trupp Kosaken mit dem Gouverneurs an der Spitze in die Stadt eingerückt wäre und die Ruhe theilweise' wieder hergestellt hätte. Jeder, der nachweislich an dem Tumults theilgenommen hatte, erhielt eine provisorische Strafe von 25 Hieben. ‘ . Der „Nya Pressen" in Helsingfors entnehmen wir folgenden' Beitrag zur Frage der Judenverfolgung in Finnland: Seit vierzig Jahren wohnt in Tavastehns ein 63 Jahre alter Mann, on Profession Schlächter, Namens Kropivitzki. Seine Arbeit schaffte' ihm und seiner Familie den Unterhalt. K. und seine Familie waren mosaischer Konfession und stammten vermuthlich aus Rußland. Im Jahre 1893 wurde einer seiner Söhne behufs Ableistung der Militärpflicht nach Rußland berufen, aber nicht angenommen. Nach Verlauf einiger Zeit kehrte K. mit einer Jüdin, mit welcher er sich inzwischen verehelicht hatte, nnch Tavastehus zurück. Da den Juden, welche geheirathet haben, die Niederlassung daselbst verboten ist, war es K. jun. nicht möglich, für sich und seine Frau den nöthigen Unterhalt zu finden. K. entschloß sich endlich, eine kleine Delikateßwaarenhandlung unter der Firma „Grönholm" zu eröffnen und schlug sich auf diese Weise recht gut durch. Jetzt erwachte aber der Brodneid seiner Konkurrenten. Die Stadtbehörden wurden von anonymen und Unterzeichneten Briefen überfluthet, welche alle darüber Beschwerde führten, daß ein Jude in der Stadt sein Unterkommen gefunden. Da formell aber nicht ein Jude K., sondern „Grönholm" der eigentliche Geschäftsinhaber hieß, hantirte K. einige Zeit noch unbehelligt weiter. Doch die Feinde ruhten nicht und entdeckten als gewünschtes Mittel das im Jahre 1889 am 29. März erlassene berüchtigte Kanzleidekret, daß ein Jude, sobald er heirathet, des Landes verwiesen werden soll. Das war den Feinden Wasser auf die Mühle, konnten sie ja jetzt den Juden loswerden. Von Neuem flutheten die Beschwerden in die Stadtverwaltung. Eines schönen Tages' im verstrichenen Sommer wurde K. vor den Magistrat geladen, wo ihm der Bescheid wurde, daß er binnen 14 Tagen das Land verlassen solle. Es geschah jedoch, daß die besseren Menschlichkeitsgefühle an maßgebender Stelle diesen Befehl in Vergessenheit gerathen ließen. Die Angeber ruhten jedoch nicht und setzten ihre Bemühungen um Entfernung des Juden auf das Eifrigste fort. Die Bosheit gegen K. ging so weit, daß bei seinen Kreditoren Mißtrauen erregt und sein ehrlicher Name untergraben wurde. Die Folge hiervon war, daß ein großer Theil der Kreditoren ihm den weiteren kündigte. Man kann sich leicht denken, daß die Lage des anspruchslosen, stilllebenden. Mannes eine^ überaus peinliche wurde, und am 10. d. M. füllte sich endlich sein Leidensbecher bis an den Rand. Der Magistrat schrieb an den Gouverneur und bestand auf der Ausweisung des Juden K. juu., und der Gouverneur billigte dieses Verlangen. K. wurde vor den Gouverneur gerufen und erhielt den Befehl, binnen einer Woche das Land mit seinem Weibe zu verlassen. Der Stadtfiskal erhielt die Ordre, darauf Acht zu geben, daß diesem Befehle seitens K. strikt Folge geleistet werde, widrigenfalls K. bis auf Weiteres dem Gefängniß überliefert werden soll. Der Stadtfiskal machte K. hiervon mündlich Anzeige. In Verzweiflung über eine solche Behandlung, welche nicht einmal Verbrechern zu Theil wird, verschwand K. plötzlich am 12. d. M. mit seiner Frau aus der Stadt, sein Hab und Gut sowie die Geschäfte dem Schicksal preisgebend. Die Kreditoren sahen sich gezwungen, K. unter Konkurs zu stellen und gaben sein Lokal nebst Maaren dem Stadtfiskal in Verwahrung. Der Magistrat, welcher soeben erst K. ausgewiesen, gab nun dem Fiskal Kontre-Ordre, nach K. zu forschen und ihn zurückzurusen, damit er seine Geschäfte erledigen solle. So lautet die wahre Geschichte! Es thut Noth, schließt „Nya Pressen" ihren Bericht, die Judmfrage zur Ehre Finnlands durch gründliche Gesetze zu regeln! Das Malmduch und die Hohenzollernfnrsten. Von Dr. S. Kayserling. ' piu hervorstechender Zug iiilbent Charakterbilde des Kaisers Wilhelm des Großen war seine tief innerliche Frömmigkeit, die ihm gleichsam als Vermächtnis;' von 'seinen königlichen Eltern überkommen war. Gläubigkeit und Religiosität ohne Kenntniß der Blbel. ohne Wurzelung in der Bibel ist auch in den höchsten Kreisen niemals echt und wahr, und es darf uns daher nicht überraschen, wenn .wir.in einem vor nicht langer Zeit erschienenen Buche des verstorbenen Oberhofpredigers Kögel: „Deine Rechte sind mein

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