Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1897)
- Date
- 1897-03-19
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-s. 1■>/"■ «nf. .- -«.»- 135 ■'„vw. * ,v ->j nwdnner Mnssoret. Seine textkritischen Arbeiten an. der Bibel und am Gebetbuch behalten bleibenden Werth. Baers Name war in Forscherkreisen längst vortheilhaft bekannt; gleichwohl blieb er von 1856 ab bis vor drei Jahren Lehrer der kleinen Gemeinde zu Biebrich. Die Anerkennung der hervorragendsten Gelehrten, vor allem die Freundschaft Franz Delitzschs, war sein Lohn; außerdem verlieh ihm Kaiser Wilhelm I. den Kronenorden vierter Klaffe, indem er ihm gleichzeitig ein Jahresgehalt, aussetzte; das auch die beiden Kaiser Friedrich und Wilhelm II. ihm bewilligten. Am 15. November 1876 ernannte ihn die philosophische Fakultät der. Stadt Leipzig zum Ehrendoktor,, die Stadt Biebrich machte ihn zu ihrem Ehrenbürger (Juni 1882). 1894 feierte Baer sein 50 jähriges Amtsjubiläum unter allgemeiner Theilnahme. Dieselbe Theilnahme bekundete sich auch bei seinem Leichenbegängnisse am 2. d. Mts. Am Grabe sprachen die Herren Rabbiner Dr. Sil berste in-Wiesbaden, Plaut-Frankfurt, Bürgermeister Vogt, Lehrer Snlzbacher- Biebrich und Herr Lehrberger aus Rödelheim, deffen Werke auf dem Gebiete der Synagogeuliturgie der Verstorbene herausgegeben. Sie alle feierten den edlen Mann, den trefflichen Mitbürger, vor allem aber den großen Gelehrten, deffen Name ulwergänglich fortleben wird in der Geschichte der Wissenschaft des Judenthums. Die statistische Korrespondenz veröffentlicht sehr bemerkenswerthe Zahlen über den Religionswechsel. Wir entnehmen denselben die. folgenden Tabellen, die sich auf die jüdische Religion beziehen. Zwar sind dieselben nicht ganz vollständig, jedoch sind die fehlenden Angaben von keiner großen Bedeutung. Während sich die mitgetheilten Zahlen auf die fünf Jahre 1890 bis 1894 beziehen, fehlen die Angaben ans Frankfurt a. M. für 1894, aus Hessen für 1890, aus dem Fürstenthum Lübeck für 1890 und Fürstenthum Birkenfeld für 1892, wodurch die vorhandenen Angaben doch nicht wesentlich beeinflußt werden. Sehr verdienstlich ist, daß diesmal die Veröffentlichung auch die protestantischen Kirchen in den nichtpreußischen Bundesstaaten umfassen. Es wurden a) Juden protestantisch getauft, b) Christen traten zum Judenthnm über: Preußen. 1568 b 44 Königreich Sachsen . . a 118 b 8 Alte Provinzen . . . 1387 43 Sachsen-Altenbnrg . . — — Schleswig-Holstein . . 32 — Reuß ältere Linie . . — — Hannover. 46 — Reuß jüngere Linie . . — — Hessen .. 103. 1 Sachsen-Weimar . . . 15 — Mecklenb urg-Strel itz. . 1 — Schrvarzburg-Sondersh. 2 — Mecklenburg-Schwerin . 13 — Schwarzburg-Rudolstadt — — Hausastadt Lübeck . . 3 — Herzogthum Gotha .. . 2 — Fürstenthum Lübeck . . ' — — Herzogthum Koburg 1 — Hausastadt Hamburg . 147 — Sachsen-Meinigen . . 1 — Hansastadt Bremen . . . 29 — Baiern. 72 1 Herzogthum Oldenburg 6 ' 1 Württemberg . ... 30 — Fürstenthum Lippe . . 2 — Großherzogthum Hessen 19 3 do. Schaumburg-Lippe — — Fürstenthum Birkenfeld — — do. Waldeck-Pyrmont. 2 — Elsaß-Lothringen. . . 11 3 Herzogth. Brcnmschweig 7 1 2088 61 Herzogthum Anhalt . . 9 — Um die Entwickelung der Taufen in den einzelnen Jahren' zu zeigen, mag die folgende abgekürzte Tabelle hier ihren Platz finden: 1890 1891 1892 1893 1894 Aeltere Provinzen . . . . 262 289 219 340 277 Neuere Provinzen . ... 43' 23 34 41 40 Norddeutsche Länder . . . 49 47 48 63 12 Sachsen und Thüringen . . 18 40 38 21 22 Süddeutsche Länder .... 17 47 22 35 40 Zusammen 389 446 361 500 391 Dagegen traten zum Judenthnm über: 1890 1891 1892 1893 1894 Aeltere Provinzen . . . . 11 6 10 6 10 Neuere Provinzen. .... 1 — — — — Norddeutsche Länder. ...1 — 1 — — Sachsen und Thüringen . . 2 1 1 3 1 Süddeutsche Länder — 2 2 3 Zusammen 15 7 14 11 14 Es hat nicht den Anschein, als ob die Taufen der Juden sich in anfsteigeuder Bewegung befinden, aber immerhin sind diese Ziffern doch sehr beträchtlich. <$ Das Journal des Debüts, das angesehenste und gediegenste Organ .der französischen Presse, bringt in seiner Nummer vom Sonnabend, dem 6. März, folgenden Artikel, den Herr Rabbiner Dr. Blumenstein in Luxemburg für uns übersetzt hat, und der sicher hohes Interesse bietet. In einem an die Libre Parole gerichteten Schreiben legt Gabriel Alix, Professor der Rechte und der politischen Wissenschaften an der freien Universität, Advokat am Appellhofe in Paris, die Gründe dar, welche die Kommission für die Vorträge am katholischen Institut geleitet, als sie beschlossen, die Frage des Antisemitimus zum Gegenstände eines Vortrages am genannten Institute zu machen und diesen dem bekannten Professor der Nationalökonomie Ancnole Lerov-Beaulieu zu übertragen. Dieser berühmte Gelehrte hatte bekanntlich vor einigen Jahren in der Revue de deux Mondes eine Serie von Artikeln erscheinen lassen, welche die antisemitische Frage vom geschichtlichen, nationalökonomischen und religiösen Standpunkte aus behandelte, die später ans Veranlassung der A11ianc6 Israelite unter dem Titel „Israel parmi les nations“ als Separatausgabe erschienen^ Professor Alix erklärt, daß die Kommission nicht in der Lage ist, zwischen einem Antisemiten und einem Anhänger der Toleranz Stellung zu nehmen. Der Lehrstuhl für die Vorlesungen am katholischen Institute ist überdies eine öffentliche Tribüne für alle Meinungen, Auch ein Antisemit dürfe auf diesem Lehrstuhle sich hören lassen, falls er die nöthige Garantie böte, keinen Appell an die Leidenschaften zu machen, und auf dem Boden einer ernsten und streng wissenschaftlichen Erörterung bleibe. „Ich will Ihnen, mein Herr, fährt Alix fort, den Gedanken der Kommission bekannt geben, aber ich würde Ihnen nur die halbe Wahrheit sagen. — was übrigens nicht meine Art ist —, wollte ich Ihnen nicht auch zugleich meine Meinung ausdrücken. Indem ich der Kommission einen Mann wie Leroy - Beanlieu vorschlug, leitete mich ein Gefühl der Hochachtung für diesen überzeugungstreuen, muthigen, hochstnnigen und talentvollen Gelehrten, und indem ich die Frage des Antisemitismus zum Gegenstände eines Vertrages wählte, wollte ich --ich bekenne.es offen — eine Verirrung bekämpfen, welche sich vielleicht in einigen Staaten Europas begreifen, wenn auch nicht rechtfertigen läßt, welche aber sicher in Frankreich nicht einen Schatten Existenzberechtigung hat. Ich füge hinzu: unter welchem Gesichtspunkte man auch immer den Antisemitismus auffaßt, er bleibt immer eine Verirrung, welche die schlimmsten Folgen nach sich zöge, wenn sie sich weiter ansbreitete und von der katholischen Jugend ernst genommen würde. In der That bezweckt der Antisemitismus entweder die Versolgung Derjenigen, welche im Besitz der großen Neichthümer sind, und in diesem Fall hieße es, gemeinsame Sache mit den Kollektivisten im Kampf gegen Kapital und Eigenthum machen, wie dies in Deutschland geschieht, und mit ihnen vereint, zu ihrer großen Genugthuung, die soziale Revolution vorbereiten. Oder der Antisemitismus verfolgt die Juden, nur weil sie Juden sind, und predigt so nichts weniger als einen Religionskrieg. Lassen wir den Gesichtspunkt der Gerechtigkeit bei Seite, trotzdem dieser Gesichtspunkt maßgebend sein sollte, betrachten wir uns das katholische Interesse: Glauben Sie, daß die Katholiken irgend einen Vortheil dabei hätten, sich der Idee der religiösen Ber-