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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-19 · Heft 12 (19.3.1897) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 12 (19.3.1897)
Date
1897-03-19
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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und leicht zu Rührenden die bei weitem Besseren. Mer was finge nun der Fürst auf dem Throne au mit solch einem guten Herzen? er würde die Beute der Heuchler werden; fcmit der Fürst gut sein, wenn er nicht zugleich fest ist? Schon der Lehrer in ,der Schule. verdirbt seine Zöglinge, wenn er allzu weich und nachgiebig ist. Um wieviel eher muß ein König, der Richter und Führer eines Volkes, willensstark sein, um oft die sanfte Regung seines eigenen Herzens zu bezähmen. Kaiser Wilhelm 'hat es gelassen ertragen, mit einem großen Theil seines Volkes, ja mit Gliedern seines Hauses, die ihm theuer waren, zuweilen in Konflikt zu gerathen, wenn seine Ueberzeugung ihm gebot, von seinem ursprünglich gefaßten Plane nicht zu weichen; „seine Güte war groß";- aber gut war er, und dadurch stand er unseren Herzen so nahe, daß er trotz seiner hoheitsvollen Erscheinung nicht so sehr durch die Majestät des Herrschers, als durch die schlichte, edle Würde des Greises unsere Ehrfurcht weckte. Man hat den alten Kaiser hin und wieder, abgebildet, den wallenden Purpurmantel um die Schulter, die Krone auf,bem Haupte, das Szepter in der Hand; das entspricht dem schlichten Sinne des Mannes nicht, der wohl einmal am Tage der Krönung diese glanzenden Abzeichen . seiner Würde anlegte, sonst aber allem Prunke abhold war. Sein gutes Herz konnte auch nid)t verbittert werden, das hat er in jüngeren/ das hat er in alten Tagen bewiesen. Selbst nach jenen Anschlägen auf sein Leben, als er, mit dein Propheten zu reden, „verwundet war durch unsere Frevel, niedergebeugt durch unsere Schuld", auch da hat der Greis der Verbitterung keinen Raum gegeben. Güte und Größe des Herrschers vereinen sich in ihm. Wer ihm einen Beinamen, der ihn genau charakterisirt, geben will, wem es nicht genügt, einfach den großen Namen zu nennen, müßte ihn als den Großen und Guten bezeichnen. Er hat sich zu dieser Königshöhe des Geistes und des Charakters aufgeschwungen, weil das Pflichtgefühl ihn völlig beherrschte. Wir lesen in diesen Tagen aus der heiligen Schrift: „Das ist die Lehre vom Ganzopfer, auf der Feuerstätte, auf dem Altäre, die ganze Nacht bis zum Morgen, und das Feuer des Altars soll in ihm lohen". Die Vorschriften über die Opfer haben den Werth eines, Sinnbildes. Der Edle stellt seine ganze Persönlichkeit in den Dienst der Gesammtheit, er opfert sich auf beni Altäre des Vaterlandes oder der Religion' oder des Gemeinwohls, ihm wird selbst zur Nachtzeit nicht bange, er arbeitet getrost weiter, bis der Morgen kommt, denn ein heiliges Feuer loht in ihm. Solch selbstloser Sinn hat unfern ersten deutschen Kaiser geschmückt; der Glanz des Reiches, das er gegründet hat, läßt uns zuweilen vergessen, wie viel schweres Leid er persönlich erfahren hat; er war ein Knabe, aber doch schon reif genug, um die Schmerzen der, Fremdherrschaft mitzufühlen, unter denen seine edle Mutter zusammenbrach; es gab in seinem späteren Leben Momente, wo die Krone der Hohenzollern selbst gefährdet schien; kurz bevor er die Zügel der Regierung übernahm, war Preußen so gering geachtet im Rathe der Völker, daß sein Minister betteln mußte, um den Eintritt in den Areopag Europas zu erlangen; den rühm gekrönten, siegreichen, in der ganzen Welt gefeierten Greis bedrohte zweimal die Waffe des Meuchlers; den herrlichen einzigen Sohn, die Hoffnung des Landes, traf tödtliche Krankheit. So brachte ihm das Leben ein volles Maß von Leid und Prüfung. Er aber hat stets in der Nacht auf den Morgen gehofft, in der Nacht des Todes ans den Morgen des ewigen Lebens. Kaiser Wilhelm trat früh in den Bund der Freimaurer, alle Welt weiß, daß die Zugehörigkeit zu diesem Bunde meist nur eine. leere Form ist oder allenfalls ein Element „der Macht, wie sie jede. Verbindung bietet. Aber Prinz Wühelm. hat es ernst genommen mit dem Grundgedanken des Bundes, dast alle Menschen Brüder sind, und den Wunsch ausgesprochen: Die Welt soll die belebende Kraft des Bruderbundes erfahren, ohne zu wissen, woher sie strahlt.. Was Wunder, daß unter seinem Regiments auch für die. jüdischen Bürger dieses Landes eine bessere Zeit anbrach und die Verheißung der preußischen Verfassung im Deutschen Reiche in mancher Beziehung zur Wahrheit wurde; unsere Feinde, denen es keine Gewiffensskrupel macht,' die Geschichte zu fälschen, berufen sich auf/Kaiser Wilhelm I., als sei er den Juden abgeneigt gewesen; nun auf einem Gebiete, wo er völlig-frei in seinen Entschließungen war, wo keine Staatsraison ihn eineugte, nämlich in der Verwaltung seines Privatvermögens, hat er einem jüdischen Kaufmann sein volles Vertrauen geschenkt und diesen Mann, weil er des Vertrauens des Königs sich würdig zeigte, mit hohen Titeln und Würden geschmückt. Für die Anhänger.aller religiösen Bekenntnisse beherzigenswerth ist des frommen und gläubigen Fürsten Mahnung, „alle Heuchelei, alle Scheiuheiligkeit, alles Kirchenwesen zu egoistischen Zwecken zu 'entlarven, wo es nur möglich ist". Die Spur von seinen Erdentagen ist nach menschlichem Ermessen unvergänglich; es können, es werden Zeiten kommen, wo wir die Schöpfung Kaiser Wilhelms, -wo wir das Deutsche Reich aufs Neue werden verteidigen müssen. Diese Kaiserfeier soll in uns das Gelöbniß wecken, die Erinnerung an Wilhelm I., den großen und guten, treu zu pflegen, ihm nachzustreben in selbstloser Pflichttreue, in besonnener Frömmigkeit, in Ehrfurcht vor dem Rechte, in opfere freudiger Hingebung an das Vaterland zlir Zeit der Gefahr. Dann wird der Gründer des Reiches allezeit fortlebeu in seinem Werke,. im geeinten deutschen Vaterlande! Berlin, 18. März. t as Judenthum hat den Verlust zweier hervorragender Sprachforscher zu beklagen, von denen der eine der deutschen, der andere der hebräischen Sprache feine ganze Lebensarbeit zugewendet hat. Am 11. d. M. ist in Strelitz Professor Dr. Daniel Sanders im 77. Lebensjahre nach einem rastlos thätigen Dasein und einer erfolgreichen Wirksamkeit gestorben. Daniel Sanders hat durch sein „Wörterbuch der deutschen Sprache", und durch viele andere Schriften auf diesem Gebiete sich einen unvergänglichen Namen geschaffen. Er hat national und volksbildend für die deutsche Sprache gewirkt und dadurch bewiesen, daß die deutschen Juden trotz aller gegnerischen Behauptungen ganz in das deutsche Kulturleben eiugegangen sind. Sanders war aber dabei auch ein überzeugungstreuer Jude. Von 1842—52 leitete er die jüdische - Schule seiner Vaterstadt Altstrelitz. Oft hat er sein Interesse auch jüdischen Stoffen zugeweudet. Seine Uebersetzuug des hohen Liedes ist meisterhaft. Auch andere poetische Werke der biblischen und neuhebräischen Litteratur hat er vorzüglich ins Deutsche übertragen. Unser Blatt verliert in Daniel Sanders einen bewährten Mitarbeiter, dem wir seit Jahren manchen werthvollen und gediegenen Beitrag zu danken hatten. Sein ganzes Leben war ein Kiddusch haschem gewesen und darum wird sein Name in dankbarer Erinnerung fortlebeu. — Der zweite, nicht weniger bedeutende Sprachforscher war Dr. Seligmann Baer in Biebrich, der in einem Alter von 72 Jahren gestorben. Er war im vollsten Sinne des Wortes ein

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