Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1897)
- Date
- 1897-03-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 61. Jahrgang. Ar. 12 Kerlin, 19. Mär; 1887. Begründet von NabLiincr Br- Ludwig PHUrppson-Bonn. Verlags-Trpedition: Gerlin, Jerufalemerftr. 48/49 Diese Zeitmig erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis.- Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition inBerlin unter Streifband bezogen viertelsährl. 3 M. Nedactevr: Gustav K arpelcs. Alle Zusendungen fltr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung des Judenthnms", Berlin 8^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Kaiser Wilhelm I. - Die Woche. - Das Psalmbuch und die'Hohenzollernfürsten. Von Dr. S. Kahserlina. — Briefe aus Rußland. — Die Ehre in der Bibel. Von Dr. Josef Stier. — Feuilleton: Andere. Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch (Forts.1. — Zur Feier des hundertjährigen Geburtstages Kaiser Wilhelms I. Von G u st a v Jacobsohn. — Litterarische Mittheilungcn. — Sprechsaal. — Miscellerr. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Strelitz, Magdeburg, Aus Rheinland-Westfalen, Chemnitz, München, Wien, Budapest, New-York. — Don Nah und Fern. — Briefkasten der Redaktion. — Geschäftliche Notizen. Kaiser Wilhelm I. Berlin. 18. Mrz. -ine Centenarfeier ist nichts Seltenes in unserem jubiläumslüsternen Zeitalter; irgend', ein Mann, der in seiner Zeit berühmt ' oder auch nur betamit gewesen ist, dem inan vielleicht als einer Lokalgröße in seinem Geburtsorte ein Denkmal gesetzt hat und der jetzt längst vergessen ist, wird plötzlich hervorgeholt; ein Litterathistoriker oder sonst in alten Geschichten Erfahrener ist darauf aufmerksam geworden, daß ein Jahrhundert oder mehrere seit der Geburt oder seit dem Tode dieses Mannes gerade all diesem Tage verflossen sind; nun wird dieser „berühmte" Mann, an den so lange kaum Jemand gedacht hat, einige Tage hindurch in Zeitungen und Vereinen durch Aufsätze und Vorträge au die Oeffenilichkeit gebracht; er wandelt wie ein Schalten über die Lebensbühne; kurz darauf ist er, wenn der Ausdruck gestattet ist, vergessener als je und hat nun wieder ein volles Jahrhundert Ruhe. Wie anders ist die Centenarfeier, die wir in-diesen Tagen dem ersten deutschen Kaiser weihen! Dieser ehrwürdige Held ist ja gar nicht todt. Noch leben so Viele, die unter seiner Regierung in den Dienst des Staates getreten sind, die nach seinen Grundsätzen das Land verwalten; Kaiser Wilhelm II., der seinen Nameil trägt, ist auch der Erbe seiner Traditionen geworden; mit einer Pietät, die ein Zeugniß der Herzensgröße so des Ahnes wie des Enkels ist, lveist des jungen Kaisers beredter Mund ständig auf den Fürsten hin, der Deutschland groß gemacht hat, der das deutsche Kaiserthum gegründet hat, und er betrachtet es als seineAufgabe, ihm nachzufolgen, in'seinen Spuren zu wandeln, nach seinem Vorbild den Staat lenken. Was hat sich denn seit dem Tode Kaiser Wilhelms in Deutschland und'in der Machtstellung des Deutschen Reiches geändert? Nichts; wenil jetzt per Geist des edlen Fürsten niederstiege, er würde finden daß sein Enkel die Ehre, die Macht, die Herrlichkeit des deutschen Wesens, wie er sie als köstliches Erbe empfangen hat, wohlverwahrt hat, daß eigentlich in allen Verwaltungszweigen die bewährten Grundsätze des alten Kaisers maßgebend geblieben sind. - Selbst diesen Tag, diesen 22. März, der. uns drei Jahrzehnte hindurch ein Festtag gewesen ist, haben wir ihn in dieser kurzen Spanne Zeit, seit dem Tode Wilhelms I., vergessen? Des Kaisers Weisheit hat es geordnet, daß dieser Tag auch nach dem Tode PZilhelms I. in den Schulen als Erinnerungstag gefeiert wird; aber fein Vaterlaudsfreund hat wohl während der letzten Jahre diesen Tag vorübergehen lassen, ohne im stillen Gemüthe zu erwägen, wie Kaiser Wilhelm uns aus der Nacht zum Lichte geführt hat, ohne im Kreise der Freunde die herrlichen Bilder deutscher Siege und Deutschen Ruhmes neu zu beleben. j So feiern wir den ersten deutschen Kaiser wie einen Lebenden und grüßen ehrfurchtsvoll den Sprossen, der im Geiste dieses Wichten und weisen Mannes das Szepter führt, und freuen uns, daß der erste deutsche Reichskanzler in unserer Mitte lebt, den das deutsche Volk ehrt als des Heldeufürsten ruhmreichen Helfer und Berather. Warum wir den alten Kaiser so hoch verehren, warum er nicht nur als erhabenes Vorbild uns leuchtet, sondern auch unserem Herzen so nahe steht, darauf finden wir die Antwort in einem Spruche des deutschen Dichters, der Spruch lautet: „Nur zwei Tugenden giebt es, o wären sie beide vereinigt; immer die Güte auch groß, immer die Größe auch gut." Dieser Vers ist aufgeschrieben worden, als Kaiser Wilhelm noch wenige Jahre zählte; aber er enthält, so scheint es, in enger Faffung den ganzen Reichthum dieser Fürstenseele. Es giebt so manchen ausgezeichneten Mann, dem wir das Beiwort groß nicht versagen werden. Aber diese großen Männer waren oft die Vernichter der Menschheit, sie konnten über Leichenpyramiden hinwegschreiten zu den Zielen ihres Ehrgeizes: war der Franzos^ der am Anfang dieses Jahrhunderts unser Vaterland so tief gedemüthigt hat, dessen Rohheit die Jugend Kaiser Wilhelms so tief umschattet hat, war er nicht eine geschichtliche Größe? Er ist uns nicht nur das Ungeheuer, zu welchem ihn ein überspannter deutscher Patriotismus zuweilen verzerrt hat; so schwer der Deutsche unter ihm gelitten hat, wir haben dennoch . Respekt vor der Energie, der Geistesgegenwart, der unerschöpflichen Gedankenfülle des seltenen Mannes; aber seine Größe schreckt uns, wir weichen scheu vor ihr zurück; selbst in dem großen Friedrich ist ein Zug der Menschenverachtung, der uns erkältet; die Größe ist unleugbar, aber die Größe ist nicht gut, ist nicht menschenfreundlich. Und wiederum auch ein gutes Herz ist nicht immer ein großes. Mancher ist weich, leicht znm Mitleid gerührt, jedes Leid entlockt ihm eine Thräne, er spendet mit vollen Händen, Würdigen und Unwürdigen; solche Menschen sind wahrlich nicht zu verachten; gegenüber der Menge von Harten und Stumpfen, von denen der Prophet sagt, daß sie ein Herz von Stein , haben, sind die Weichen und Sanften üüü i