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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-12 · Heft 11 (12.3.1897) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 11 (12.3.1897)
Date
1897-03-12
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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die gleich ihrer Schwester zur Zeit der erwähnten ministeriellen Verfügung aus dem Judenthum geschieden war. ^Die Uebertragung des Unterrichts in der evangelischen Religion an die Konvertitin hat s. Z. zu lebhaften Diskussionen in der Tagespresse Veranlassung gegeben. Berlin, 7. März. Die Begründung eines israelitischen Sanatoriums in dem weltberühmten Davos in der Schweiz, die einem dringenden Bedürfniß entspricht, ist von A. Hirsch daselbst, der sich zu diesem Zweck augenblicklich hier aufhält, energisch in Angriff genommen worden. Der Bau hat bereits im Herbst 1896 begonnen, so daß das Sanatorium für die kommende Wintersaison 1897/98 schon dem Betrieb wird übergeben werden können. Dasselbe wird unter Leitung des bekannten Dr. Beeli in Davos stehen. Das erforderliche Anlagekapital beträgt 250 O00 Fr. Das Komitee hat deshalb, da 80 OOO Fr. auf die erste Hypothek gedeckt sind, auf die noch restirenden 170 000 Fr. 840 Partialobligationen ä 500 Fr. ausgegeben, die mit 4y2 pCt. verzinst werden sollen. Da die Rentabilität des Unternehmens eine absolut günstige und darum vollkommen garantirte ist, so empfehlen wir dasselbe allen wohlwollenden Gönnern auf das Wärmste. Die Bedürfnißfrage ist von jüdischen wie nichtjüdischen medizinischen Autoritäten nicht nur anerkannt, sondern sogar dringend betont worden. 52 Königsberg, 7. März. In der heutigen gemeinsamen Sitzung der beiden Gemeindekollegien wurde Herr Rabbiner Dr. Vogel stein- Oppeln mit der statutenmäßigen Zweidrittel - Majorität im ersten Wahlgange zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde als Nachfolger des Herrn Bamberger gewählt. — Das israelitische Waisenhaus für Stadt und Provinz läßt gegenwärtig seinen 36. Jahresbericht zur Vertheilung gelangen. Der Bericht bringt an seiner Spitze einen warm empfundenen Nachruf auf den im verflossenen Jahre dahingeschiedenen langjährigen Vorsitzenden des Waisenhauses, Herrn Rabbiner Dr. Bamberger, dessen hohe Verdienste um die Entwickelung des Instituts eingehend gewürdigt werden. Die Anstaltschronik weist nach, daß die Zahl der Zöglinge von 32 auf 36 gestiegen ist. Aus der erhöhten Kinderzahl erklärt sich wohl der die verwendbaren Einnahmen (19 418,06 M.) überschreitende Ausgabeetat (21 067,43 M.). Dank den reichen Geschenken in Höhe von 7700 M. ist das Vermögen der Anstalt im vergangenen Jahre dennoch um 7941,98 M. gewachsen und beträgt jetzt 319 419,20 M. in baar. Der Vorstand besteht zur Zeit aus den Herren Professor Dr. Lassar - Cohn (stellvertretender Vorsitzender), Alexander Magnus (Kasstrer), S. Mathias (Schriftführer), A. Aron, Dr. Friedländer, Julius Lazar, I. Eichelbaum-Jnsterburg, und M. Wasbutzki-Tilsit, sowie aus den Ehrendamen Frau Friederike Behrend, Frau Rahel Josephsohn und Frau Emilie Magnus. Die Leitung der Anstalt liegt in den Händen des Herrn Inspektors Ad. Peritz, der seit 1889 an der Anstalt thätig, vom Vorstande auf Lebenszeit angestellt ist. © Leipzig, 3. März. Die hiesige israelitische Religionsschule, deren Leiter Herr Rabbiner Dr. Porges ist, benöthigt spätestens vom 1. Mai an einen Hilfslehrer, der 6—8 Stunden in der Woche gegen eine Remuneration von jährlich 600 Mark zu unterrichten hat. Genügende Fachkenntniß und praktische Erfahrung im Unterrichten ist erforderlich. Bisher waren immer Studierende der hiesigen Universität angestellt. Aber während früher Ueberfluß an derartigen Hilfskräften vorhanden war, ist jetzt in Folge der antisemitischen Strömung hier Mangel an jüdischen Studierenden, die für eine Stelle an der Religionsschule geeignet wären. Ein israelitischer Student, der die Leipziger Universität besuchen möchte, hätte hier Gelegenheit, durch Ertheilung von sechs Unterrichtsstunden wöchentlich an der Religionsschule der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde sich vom 16. April d. I. ab ein Einkommen von 600 Mark jährlich zu schaffen. Meldungen sind bei dem Leiter der Religionsschule, Rabbiner Dr. Porges, baldigst einzureichen. A. Karlsruhe, 3. März. Am 28. v. M. fand dahier eine eigenartige Feier statt, deren Ursache und Verlauf die Leser Ihres Blattes mteressiren dürfte. Am 28, Februar 1847 brannte dahier das Großherzogliche Hoftheater ab; bei diesem Unglücke fanden 63 Personen den Tod. Ein Jude zeichnete sich bei den Rettungsarbeiten besonders aus; indem er durch Einschlagen einer verschlossenen Thür einen Ausgang eröffnete, rettete er 36 Personen vor dem entsetzlichen Verbrennungstode. Moritz Reutlinger, so heißt der wackere Mann, wurde schon damals für diese wackere That vielfach ausgezeichnet. Der 50. Gedenktag dieses Ereignisses wurde auf Veranlassung des Herrn Reutlinger heute am gemeinsamen Grabdenkmale auf dem alten Friedhof in ernster Feier begangen. Es sprachen der evangelische Geistliche, Stadtpfarrer Längin, und Stadtrabbiner Dr. Appel, Ersterer, der unter den von Reutlinger Geretteten sich befunden, über die Katastrophe, Letzterer über die bei und nach dem Unglück zu Tage getretene Humanität und konfessionelle Eintracht. Viele Tausende von Zuhörern, unter denen sich auch hohe Regierungs- und städtische Beamte befanden, folgten den Worten der beiden Redner mit tiefer Ergriffenheit. Der 77 jährige Herr Moritz Reutlinger wurde zur Feier des Tages von Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzog durch Verleihung des Verdienstkreuzes des Zähringer Löwenordens ausgezeichnet. 6. Aus dem Groffherzogthnm Hessen, im März. Der Nestor der hessischen Lehrerschaft, Herr K. Marx in Alsheim (Rheinheffen), feiert am 1. April d. I. sein 50 jähriges Dienstjubiläum. Die Gemeinde, in der Herr Marx nun 50 Jahre. ununterbrochen thätig ist, sowie Schüler und Freunde des Jubilars treffen bereits Vorbereitungen, um den Ehrentag des verdienstvollen Lehrers und Philanthropen würdig zu begehen. Die Feier beginnt um l/2U Uhr Morgens. Anmeldungen zu dem Festessen (das Couvert 3 M. incl. y2 Liter Wein) nimmt der Vorstand der israelitischen Gemeinde, Herr A. Levi, bis zum 25. März entgegen. Wir werden später noch eingehend auf die reiche Wirksamkeit des in weiten Kreisen bekannten und beliebten Schulmannes zurückkommen. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 8 März. Der Zeitpunkt der Wahlen rückt näher und im Lager der Parteien herrscht fieberhafte Thätigkeit, allen voran und mit den unmöglichsten Mitteln natürlich die Antisemiten; ihre Führer sind überall, und so kam es, daß ihr Lueger, der mit dem Agitator Pater Schnabl einer Wählerversammlung beiwohnte, unter die Sozialdemokraten gerieth und von diesen thätlich insultirt wurde. Die Leutewollen noch immer nicht begreifen, daß der Dr. Lueger nicht blos antisemitischer Hauptagitator, sondern auch ein „Heiliger" ist; so hat u. a. das Wiener Landesals Preßgericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft über den Inhalt des Flugblattes mit der Aufschrift: „Lueger im Himmel — Ein Traum" — das Verbot der Weiterverbreitung ausgesprochen und die Beschlagnahme bestätigt. — Bei der Besetzung von einundvierzig Lehrer- und vierundzwanzig Lehre rinnenstellen hat der antisemitische Stadtrath abermals alle Bewerber und Bewerberinnen israelitischer Konfession abgewiesen. — Im Mai vorigen Jahres ist der ehemalige Präsident des Landes gerichtes für Civilsachen in Wien, Hofrath Miesriegler, gestorben. In seinem Testamente, welches ungefähr 60 Personen mit Legaten bedenkt, findet sich am Schluffe ein Passus, der es verdient, veröffentlicht zu werden, weil er die politische Gesinnung des Verstorbenen charakterisirt. Hofrath Miesriegler spricht nämlich in seinem Testamente den Wunsch aus, es mögen alle diejenigen, die er für den Todesfall bedacht habe, sich von jener Strömung fernhalten, die, unter dem Namen „Antisemitismus" bekannt, sich hauptsächlich gegen die Juden richte; er betrachte es als eine Intoleranz, Jemanden um seines Glaubens willen zu verfolgen, und er wisse es zu gut, daß, wenn der Antisemitismus nicht über kurz oder lang vernichtet werden würde, auch andere Konfessionen darunter leiden werden. — Die Wahlen haben auch schon Blut gekostet. So wird aus Lemberg berichtet: Es ist festgestellt, daß die Ausschreitungen bei den Wahlmännerwahlen in Czerniejow antisemitischen Charakter hatten. Während die vor dem Wahllokale angesammelte Menge einen israelitischen Wähler mißhandelte, kam es auch in dem Wahllokale selbst zu Ausschreitungen; die daselbst anwesenden Bauern stürzten sich auf die israelitischen Wähler. Es scheint die Parole ausgegeben gewesen zu sein, jüdische Wähler zur Abstimmung nicht zuzulassen, indem die Agitatoren der Menge einredeten, daß die Juden bereits einmal gewählt hätten. Letzteres traf insofern zu, als die betreffenden Wähler thatsächlich ihr Wahlrecht Vormittags in der fünften Kurie ausgeübt hatten, während Nachmittags die Wahlmännerwahlen für die Landgemeindenkurie vorgenommen wurden.

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