Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1897)
- Date
- 1897-03-12
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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, . ' ■ ->v o. Brüssel, 3. März. In dem nahen Arlon ereignete sich in der-, Nacht vom Freitag auf Samstag, 20. d. Mts., ein entsetzliches Unglück. Als die dortigen Israeliten am Samstag gegen 8 Uhr den Gottesdienst besuchen wollten, fanden sie zu ihrem Erstaunen die Thür der Synagoge noch verschlossen. . Als auf mehrmaliges Klopsen - der im Souterrain der Synagoge wohnende Gemeindediener nich^ erschien, schlug ein vorübergehender. Arbeiter endlich eine Fensterscheibe ein und drang in die Wohnung, aus der dichter Rauch qualmte. Ein entsetzlicher Anblick bot sich dort. Die ganze, aus 8 Personen bestehende Familie lag leblos theils in den in zwei Zimmern stehenden Betten, theils mit im Todeskrampf zerkratzten Gesichtern am Boden. Es gelang, die Mutter und die zwei jüngsten Mädchen zwar bewußtlos, aber lebend herauszubringen" Die übrigen fünf Personen der Familie, der Vater, eine 18jährige, eine 12- und eine 10jährige Tochter, sowie der 15jährige Söhn waren erstickt. Aus. unbekannten Gründen war der Rauch des Ofens, mitl dem die Synagoge von Freitags Abends bis Samstags geheizt wird, nicht durch den Schornstein abgezogen, sondern hatte sich einen Ausweg in die Wohnung gesucht. Nach Aussage der armen Frau, die noH schwer krank und ohne Wissen des schrecklichen Schicksals, das sie gen troffen, im Hospital liegt, waren sie und ihr Mann um 5 Uhr erwacht, standen auf, um die Kinder, zu wecken, und sielen, ohne das Fenster erreichen zu können, bewußtlos hin. Die Beerdigung der fünf Opfer fand unter gewaltiger Betheiligung der Behörden und Bevölkerung am Montag in Arlon statt. Die Stadt hat der ganz mittellosen Frau eine freie Wohnung gewährt; auch die Gemeinde thut, was in ihren Kräften steht. Das genügt aber noch nicht, die Frau mit den zwei kleinen Mädchen vor jeder Noth zu bewahren, und edle Menschenfreuude könnten hier durch Zuwendung einer Gabe,/^welche Fräulein H. Straußecole normale, Arlon (Belgien), gern übermittelt, viel Gutes thun. Amerika» : G. H. New-York, im März. Die amerikanisch-jüdischhistorischeGesellschaft hielt am 27. Januar ihre Jahresversammlungbei welcher verschiedene Borträge über die Geschichte der Juden in Amerika gehalten wurden, welche später im Drucke erscheinen werden. Die Gesellschaft zählt 211 Mitglieder und verfügte über ein Jahres-: einkommen von 2334 Dollars. Ihr Präsident ist der frühere Gesandte in Konstantinopel Oskar S. Strauß. — Die von dem Rabbiner Dr. Krauskopf in Philadelphia gegründete Ackerbauschule soll am 1. April eröffnet werden. Die Schule mit der dazu gehörigen Farrä hat 20 000 Dollars gekostet und bedarf noch weiterer 3000 Dollars. Ihre Unterhaltung wird 6000 Dollars jährlich erfordern. Das Projekt findet von mancher Seite Widerspruch/ da der Baron Hirsch-Fonds auf der Kolonie Woodbine' eine Ackerbauschule unterhält. — Es wird die deutschen Konservativen interessiren, zu erfahren, daß sie mit ihrem Getreidemonopol einen Gesinnungsverwandten in dem Juden David Lubin aus Kalifornien haben, der eine Exportprämie auf Getreide befürwortet und von den amerikanischen Agrariern als ein zweiter Kanitz gefeiert wird. — In New-Orleans regt sich ebenfalls die Sonntags- Feier. Nach den Worten des Rabbiners Dr. Leücht zu schließen, ist die Einrichtung eines Sonntagsgottesdienstes in naher Aussicht, — Die jirdische Einwanderung hat im abgelaufenen Jahre 30 000 Seelen betragen, was eine Abnahme gegen die Vorjahre darstellt, aber immer noch zuviel ist. — Moses P. Jacobson, Rabbiner in Houngstown, Ohio, ist der glückliche Gewinner des heiß umstrittenen Postens bei der Anshe-Maariw-Gemeinde in Chicago. Er ist ein Schüler des Hebr^vy, Union College in Cincinnati. — Der Jahresbericht des amerikanischen Gemeindebundes Union ok American Hebrew Congregations ist ausgegeben worden. Er enthält die Protokolle über die im Dezember zu Louisville abgehaltene Generalversammlung und die Sabbathschulverbindung (Religiönsschulverband). Der Bericht klagt über die traurige Finanzlage des Landes, welche auch das Einkommen des Verbandes beeinflußt. Dasselbe beträgt etwa 20 000 Dollars und ist zumeist der Erhaltung des Hebrew Union College gewidmet. — Zwei verschämte Versuche zur Einführung des Sonntagsgottesdienstes werden gemeldet: Die Gemeinde Rodeph Schalom in Philadelphia hält am Sonntag Morgen in ihren Schulräumen Versammlungen, bei welchen der Rabbiner „Bible Talks" (biblische Plaudereien) hält: 'Die Bene Israel-Gemeinde in Cincinnati will für. entfernt wohnende Mitglieder eine Filial- Synagoge in einer Vorstadt einrichten, wo dann. Sonntagsgottesdienst abgehalten werden wird, während in der Hauptsynagoge der-Gottesdienst wie bisher am Säbbath stattfinden soll. — Am 6, Februar wurde der neue Tempel der Gemeinde. Shaare Emeth.eingeweiht. Neben den Rabbinern der Stadt traten auch zwei christliche Geistliche als Prediger auf. Don Nah und Fern. Prof. Dr. Adolf Baginsky hat den rothen Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Der Notar Justizrath Dr. Lazarus in Charlottenburg, seit zwanzig' Jahren Syndikus des Kreisausschusses des Kreises Teltow, ist am 3. d. Mts. plötzlich am Herzschlag gestorben. Er ist durch seine langjährige Anwaltsthätigkeit und durch sein verdienstvolles Wirken im Ehrendienst der Gemeinde, in Wohlthätigkeitsvereinen u s. w in weiten Kreisen bekannt geworden. — Die „Statistische Korrespondenz" enthält eine Zusammenstellung der Uebertritte zu den deutschevangelischen Landeskirchen. und die Austritte aus ihnen während der Jahre 1890—1894. Es sind während dieser Zeit übergetreten 2088 Juden in Deutschland. Dagegen sind übergetreten zum Judenthum 61 Personen. Im Austausch mit der jüdischen Konfession hat also die evangelische Landeskirche 2027 Personen — gewonnen. — Zu dem Festessen, welches zur Feier des Centenariuws in Magdeburg am 22. d. Mts. die Spitzen der Civil- und Militärbehörden im Saale des Fürstenhofs vereinigt, ist vom L^berpräsidenten der Provinz Sachsen, v. Pommer-Esche, auch eine Einladung an den Rabbiner Dr. Ra hm er ergangen. — Die Synagogeugemeinde zu Eisenach hat den Prediger und Lehrer E. Meyer in Bütow einstimmig zum Lehrer gewählt. — Die letzte Volkszählung in Baiern ergab, daß die Zahl der jüdischen Bewohner sich bedeutend vermindert hat, trotzdem jüdische Geburten iit nicht geringerer Anzahl verzeichnet werden als christliche. In den Jahren 1891—1895 war das Verhältniß jüdischer Geburten von allen in Baiern geborenen Kindern 5 Prozent, während die gesammte jüdische Bevölkerung im Jahre 1890 nur 1 Prozent und 1895 9/10 Prozent betrug. — Bankdirektör Landauer in Gerabrunn hat vom König von Württemberg das Ritterkreuz 1. Klasse des Friedrichs-Ordens erhalten. — Am 11. d. M. vollendet Dr. Moritz Ellstätter, von 1868-1893 badischer Finanzminister, der einzige jüdische Minister in Deutschland, sein 70. Lebensjahr. — Bei einer Säbelmensur zwischen dem Techniker Silberberg von der jüdischnationalen Verbindung „Kadimah" und dem Juristen Heller vom Korps „Danubia" in Wien wurde Heller das Auge herausgeschlagen. Die Polizei verhaftete Silberberg, alle vier Sekundanten und die Unparteiischen. — Der fanatische antisemitische Agitator und Abgeordnete, Mechaniker Ernst Schneider in Wien, wurde wegen Beleidigung zu einmonatlichem Arrest verurtheilt. — Dr. Karl Joel, ein Sohn des verstorbenen Rabbiners von Hirschberg und Neffe des Dr. M. Joel, ist nach nur etwa zweijähriger Thätigkeit als Privatdozent in Basel auf einstimmigen Beschluß der Fakultät zum außerordentlichen Professor der Philosophie ernannt worden. — Kommandatore Virtorio Ottolenghi in Rom ist zum Generalinspektor der italienischen Eisenbahnen ernannt worden. — Oberstlieutenant Artom in Rom ist zum Adjutanten des Königs von Italien ernannt worden. — Bezüglich des Moskauer ärztlichen Kongresses im August a. c., der circa eine Woche dauern wird, ist nun die Frage derart endgiltig erledigt, daß jüdische Aerzte sechs Wochen das Visum erhalten, respektive sich aufhalten dürfen. Die Regierung erklärte, daß man wegen des Kongresses das Gesetz nicht ganz aufheben könne. — Eine interessante Mittheilüng über Ahlwarbt machte dieser Tage der Polizeipräsident von New-Hork bei der Eröffnung des „Hebrew Technika! Institute". Er sagte u. a.: „Ich sandte Ahlwardt, so oft er sprach, eine Leibgarde von 40 jüdischen Polizisten nach der Versammlung, die Ahlwardt, wo es nöthig war, ausreichenden Schutz angedeihen ließen. Und der große Antisemit weiß bis heute nicht, daß die Beschützer, die den Mob von ihm abwehrten und mehr als einmal seinen Rückzug deckten, ausschließlich Juden waren." Druck und Verlag voivRudvif Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.