Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1897)
- Date
- 1897-03-12
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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61. Lchrgang. Ar. 11. ' Berlin. 12. «är; 1897. Weilage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöentHurns". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 7. März. Die Tages - Ordnung der heutigen Repräsentanten-Versammlung war insofern reichhaltiger wie sonst, als noch ein ansehnlicher Rest von Titeln, der in der vorigen Sitzung eine Erledigung nicht gefunden hatte, eine Wiederbelebung erfuhr. Ein Drittel der Tagesordnung befaßte sich mit Geldbewilligungen. An Baukosten für die Synagoge in der Lützowstraße wurden nach dem Referat des Herrn Leonhard Sachs 575(100 Mark gefordert. Der Preis des Rohbaues beträgt 248 870 Mark, und ist Herrn Maurermeister Gottheiner, der diese Summe gefordert, der Zuschlag ertheilt worden. Die übrigen Kostenanschläge, welche von den fünf anderen Maurermeistern nach Aufforderung seitens der Gemeinde abgegeben worden waren, hätten sich wesentlich höher gestellt, und zwar auf 257 734, 27 l 590, 279 375, 286 742 und 296 250 Mark. Man wäre in der Kommission sofort der Ansicht gewesen, daß nur der billigste den Zuschlag erhalten. könne. Die Kosten der Ausschmückung sind auf ca. 325 000 Mark veranschlagt worden, doch ist es auch bei dieser Summe nicht ausgeschlossen, daß noch hier und da gespart werden könne. Die 575 000 Mark würden jedoch das Höchste sein, was überhaupt bewilligt werden würde. Herr B o d e n st e i n erbittet Auskunft darüber, ob bei dem Vertrage jede „Nachforderung" ausgeschlossen sei. Der Referent kann eine beruhigende Auskunft geben, da der Vertrag von den juristischen Mitgliedern des Vorstandes genau geprüft wird. Die Position wurde darauf fast einstimmig angenommen. — In schneller Folge wurde dann von der Versammlung nach einem kurzen Referat des Herrn Man he im er die Bewilligung von 1948,68 Mark für den Neubau eines massiven Kohlenschuppens — im alten war durch Selbstentzündung der Vorräthe ein größerer Brand entstanden — auf dem Grundstück des Krankenhauses, und von 2398,20 Mark für den Umbau des Luftheizungsapparates, bei welchem das Eisenwerk vollständig durchgebrannt war, auf dem Grundstück der Alter - versorgungsanstalt in der Schönhauser Allee ausgesprochen. Ebenso wurden ohne Debatte 360 Mark bezw. 580 Mark zur Ausbesserung der Thorarollen in der alten bezw. neuen Synagoge genehmigt. — Der Titel einer neuen Be amten stelle in der Armenkommission gelangte ebenfalls zur Erledigung. Bon der Kommission wurde die sofortige Anstellung dringend gefordert, „um die ordnungsmäßige Erledigung der Angelegenheiten nicht aufzuhalten." Die Versammlung war in der vorigen Sitzung zur Vertagung gekommen, weil der Rahmen der Arbeit für den Beamten erst nach Revision der Statuten sich übersehen ließe. Justizrath Ti kt in, welcher Mitglied der Kommission für die Satzungen der Armenkommisston ist, führte jedoch heute aus, daß die Revision recht lange Zeit in Anspruch nehmen dürfte. Im Uebrigen bedeute aber die Ablehnung des Titels ein Mißtrauensvotum gegen den Kommissar, nachdem Letzterer ausgeführt, daß die Anstellung dringend nothwendig sei. Einen Beamten werde die Armenkommission immer gebrauchen; nach der Revision könne man sich ja schlüssig werden, vb noch Arbeitskräfte erforderlich sind. Nach kurzer Befürwortung des Titels seitens des Herrn Martin Simon wird die Bewilligung ausgesprochen. — Diesen Ausgaben standen zwei Zuwendungen gegenüber, und zwar haben die Erben des Herrn Wolf Hagelberg der Alterversorgungsanstalt 30 000 M. und je 5000 M. der Armenkommission und der Klara Hagelberg-Stiftung überwiesen, ferner haben die Kinder des verstorbenen Ehepaares Eduard und Pauline Mende ebenfalls die Alterversorgungsanstalt mit einem Legat von 12 000 Mark ohne jede Einschränkung bedacht. — Eine schnelle Erledigung fanden auch die Punkte 10 und 11 der Tagesordnung, betr. Rechnungsabschluß des Siechenhauses und Aenderung des § 5 des Statuts für das Hospital. Die Schlußabrechnung des Siechenhauses vom 1. April 1896 bis 22. Januar 1897 hat einen Minderverbrauch von 3233,37 Mark ergeben; verpflegt wurden im Hause 43 Personen. Der Abschluß wurde von der Versammlung als richtig anerkannt. Zu Punkt 11 hat die Kommission vorgeschlagen, im § 5, welcher die Zahl des Vorstandes auf nur vier Mitglieder festsetzt, das Wort „mindestens" einsügen zu wollen. Die Bewilligung wird einstimmig ausgesprochen. Eine längere Debatte veranlaßte, wie vorauszusehen war, der Antrag zweier Mitgliederder Versammlung (Professoren Lew in und Vaginsky) betreffend Bewilligung eines Beitrages von je 2000 Mark für drei Jahre an das jüdische Mädchenstift. Die Kommission erklärte durch den Referenten Herrn Isidor Sachs, sie könne nicht darüber schlüssig werden, weil ihr zwei Momente, nämlich eine diesbezügliche Vorlage seitens des Vorstandes und eine Motivirung des Antrages, fehlten. Mit Recht wendete I.-R. Ti kt in dagegen ein, man könne nicht auf eine Vorlage des Vorstandes warten, von der man bestimmt wisse, daß sie nicht käme; wenn ferner der Kommission Material gefehlt, so hätte sie sich dieses selbst beschaffen sollen. Der Antragsteller, Professor Lewin, war auch der Ansicht, daß hier eine schriftliche Motivirung gar nicht vorliegen müßte. Die Bewilligung der Unterstützung an das jüdische Mädchenheim spreche für die Billigung des Prinzips an sich. Hiernach wäre es nicht mehr wie recht, einen Verein zu unterstützen, welcher dieselben Tendenzen habe, welcher sie länger verfolge, und der thatsächlich sich in der gleichen Nothlage befinde, welche für den anderen Verein maßgebend gewesen sei. Auf Grund der Berichte wird das Mädchenstift am Ende dieses Jahres vis-a-vis äs risn stehen. Dieser Umstand und das Gerechtigkeitsgefühl müsse die Versammlung leiten, dem Votum die Zustimmung zu gebend Justizrath Meyer hält diesen von einem Mitglieds der Versammlung gestellten Antrag zunächst nicht für statutengemäß, im Uebrigen wiederholt er die Argumente, wie in der vorletzten Sitzung, daß eine Nothlage gar nicht vorliege, und daß der. Vorstand derartige Vereine nicht länger subventioniren wolle. Herr Leonhard Sachs betont zunächst, daß gar keine Abneigung oder Parteilichkeit gegen das Mädchenstift in der Kommission vorgeherrscht hätte, er könne den Standpunkt des Vorstandes nicht einnehmen, die Entscheidung über eine Unterstützung müsse von Fall zu Fall getroffen werden. Es müsse eine vornehme Verpflichtung der Gemeinde Berlins sein, das Niveau der ärmeren Klassen zu heben. Komme man zu der Ueberzeugung, daß die Unterstützung im Interesse der Gesammtheit nothwendig sei, so sei es Pflicht, die Bewilligung auszusprechen. Herr Manheim er kam dem Vorstande zu Hilfe; er hielt es auch für überlegenswerth, dem ersten Fehler keinen zweiten folgen zu lassen. Die private Wohlthätigkeit werde dadurch abgestumpft, worauf solche Institute' angewiesen seien. Sanitätsrath Blumenthal sucht noch einmal zahlenmäßig die Nothlage darzuthun; es wären bereits 2000 Mk. Unterbilanz, und der Reservefonds sei angegriffen. Er bittet, den Antrag dem Vorstande zur Berücksichtigung zu überweisen. Inzwischen ist ein Antrag Apolant eingegangen, diese Angelegenheit dem Ausschuß III zur Vorberathung zu überweisen. Justizrath Ti kt in kann die formellen Bedenken des Vorstandes nicht anerkennen, theilt auch nicht die Ansicht des 'Herrn Man he im er, daß man sich auf einer schiefen Ebene bewege. Wolle die Gemeinde nicht mehr für solche Angelegenheiten Mittel aufwenden, so solle sie von allen Geldbewilligungen absehen. Er halte es auch nicht für richtig, die Entscheidung durch Ausnahmemomente bestimmen zu lassen. Eine Korporation dürfe sich nicht bestimmen lassen durch Persönlichkeiten, denn Persönlichkeiten wechseln, und man könne nicht wissen, wie sich die Sache fernerhin gestalten dürfte. Nach dem Bericht würde er kein Bedenken tragen, dem Verein gleich dem anderen eine Unterstützung zukommen zu lassen, deren Höhe eine Frage der Zweckmäßigkeit sei. Im Uebrigen stelle er anheim, dem Anträge Apolant zuzustimmen, welcher denn auch von der Versammlung angenommen wird. Die Vorlage betr. die Beiträge der Koscherfleisch-Händler zum Pensions- und Unterstützungsfonds gelangte auch in dieser