Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1897)
- Date
- 1897-03-12
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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—i IMM1M mmm —i - — :-—| I-1 1-5 nmnrmmiicsq i * | FEUILLETON | J I WMWM I i—i 1— —— -1 .tmDMHWihgg? i flliSj 1-r Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) ü^nzwischen 'jagte ein Trinkspruch den anderen. Der Herr Ober- MZ lehrer Hufnagel ließ den Statthalter hochleben, der nicht nur in seiner offiziellen Eigenschaft hochwillkommen sei, sondern auch durch seine gewinnende Liebenswürdigkeit alle Herzen im Fluge erobert habe; der Sprechwart des Turnvereins brachte auf die Stadtvertretung ein dreifaches „Gut Heil!" aus; Major von Burgheim sprach Namens der Stadtvertretung den uniformirten Vereinen für die ausgezeichnete Ordnung beim Feste, die ausschließlich ihr Verdienst sei, dankende Anerkennung aus. Der Obmann des Gesangvereins ließ die Presse hochleben, in deren Namen der Chef-Redakteur des Mannslauer Wochenblattes, als einziger Vertreter der Presse, auf die edle Kunst des Gesanges seiri Glas lehrte. Der Herr Dechant, den die Aufmerksamkeit verdroß, welche der Statthalter der Frau Bürgermeisterin widmete, wollte nur einige Worte zur Ehre des Wehrstandes sagen, dessen höchsten Repräsentanten unter den Anwesenden, Herrn Major von Burgheim, nebst seiner trefflichen Gemahlin er hochleben ließ. Herr von Aspernfeld, der Kassirer der Zuckerfabrik, erinnerte sich, daß.er einmal das Wortspiel vom Lehr- und Wehrstande gehört hatte, und brachte, als ehemaliger Oberlieutenant und Vertreter des Wehrstandes, der Geistlichkeit und der Schule sein Hoch. Karl Buchmaier, der jüngere, ein liberaler und belesener Bauer, der eine bessere Schulbildung genossen hatte, durfte das Lob der Kirche nicht hingehen lassen. Er erhob sich daher, um in kernigen Worten seiner Ueberzengung Ausdruck zu geben, daß bei aller Anerkennung geistiger Kultur doch die materielle Kultur nicht vergesten werden dürfe. Der Bauer der alten Zeit, in engherzigen Voruriheilen erzogen, habe sich-eingebildet, daß Industrie und Handel seine Feinde seien; der heutige Bauer verstehe das besser, er wisse, daß Industrie die Ergiebigkeit des Bodens steigere, und darum bringe er der Fabrik, von deren Gedeihen das Wohl der Umgegend abhänge, ein donnerndes Hoch. Trotz der Abspannung und der vorgeschrittenen Weinlaune fanden diese Worte doch mehr Aufmerksamkeit als die der Vorredner. Der Statthalter flüsterte Awrom einige Worte zu, und dieser erhob sich trotz des Protestes Seiner Exzellenz sofort, um Buchmaier zu holen und ihn dem Statthalter vorzustellen, der dem Bauern wiederholt die Hände.schüttelte, um ihn zu versichern, daß ihm diese Worte aus der Seele gesprochen seien, und daß es ihn unendlich freue, unter der landwirthschaftlichen Bevölkerung einem so gründlichen Verständniß der Aufgaben der Jetztzeit zu begegnen. „Danke recht schön, Euere Exzellenz." sagte Buchmaier, „ich bin halt ein Bauer, ich sag's wie ich's meine." Der Dechant, der mit dem Buchmaier Karl auf schlechtem Fuße stand, flüsterte dem Rittmeister von Burgheim ins Ohr: „Das ist eben unser Unglück, daß die Regierung ituu für das Judenthum arbeitet." Auf Hasset hatte der Beifall, welchen Buchmaiers Worte fanden, eine ermuthigende Wirkung geübt. Mit einem energischen, obwohl etwas unsicheren Rucke erhob er sich und sagte mit etwas schwerfälliger Zunge: „Der Abraham verdientes. Ich muß auf den Abraham etwas reden." Seine robuste Ehefrau faßte ihn mit ihren muskulösen Armen und zog ihn auf seinen Sitz nieder. „Du bist b'soffen," rief sie mit resoluter Stimme, „du wirst schweigen." Die Weinlaune hatte jedoch die Bande ehelichen Gehorsams gelockert. „Ich wer' nicht schweigen," schrie Hasset, „ich schweig' derham g'nug. Der Abraham is'n braver Jud'; ich kenn' ihn noch, wie er lederne Hosen getragen hat und 'n Pinkel auf'm Rücken; der is' mir lieber wie zehn Christen, jo in ein Finger sis' er mir lieber wie der Dechant, der alte Geizkragen." Zum Glück unterbrach den Redner in diesem Augenblicke ein heftiger Gluckser, so das; Frau Hasset ihre schwere Hand auf den Mund ihres Gatten legen konnte und, ihn noch einmal auf den Stuhl niederdrückend, sagte: „Da sitz' schon stat und rühr' dich nicht, b'soffeuer Kerl du!" Als Hasset unter das eheliche Joch gebeugt war, blickte der Statthalter nach Abraham hin. zugleich auf sein Weinglas deutend. Der Bürgermeister erhob sich wie elektrisirt, schlug - mit dem Messer an eine vor ihm stehende leere Weinflasche und rief mit lauter Stimme: „Seine Exzellenz will sprechen." Das Klingeln an die Gläser und der Ruf pflanzte sich von Sitz zu Sitz fort; der Obmann des Turnvereins ließ seinen Stock mit solcher Wucht fallen, daß einige Weingläser umstürzten und eines derselben seinen Inhalt auf das noch unbezahlte grüne Seidenkleid der Frau Oberlehrer Hasenpflug ergoß, der sofort die hellen Thränen über die Backen liefen, während sie nach Möglichkeit die Feuchtigkeit mit einer Serviette aufzusaugen versuchte. Nur dreißig Sekunden währte das Pandämonium, worauf in der weiten Halle tiefe Stille eintrat. „Obwohl der verehrte Senior der Landesregierung," so begann der Statthalter, „der Stadt, die uns die Ehre einer Einladung zu diesem herrlichen Feste erwiesen hat, den schuldigen Tribut des Dankes erstattete, halte ich es doch für meine Pflicht, den geehrten Festgenossen einige Worte zum Abschied zuzurufen. Ich spreche nicht -in meiner amtlichen Eigenschaft, sondern als schlichterBürger, als welcher ich mich am liebsten, fühle, als Bürger zu meinen Mitbürgern." „Wacker, wacker!" rief die Turnerschaar mit dem Aufgebote ihrer ganzen Lungenkraft. „Gestatten Sie mir. meine Geehrten, die Voraussetzung, daß Sie dem Manne die Sympathien nicht mißgönnen, welche dem Vertreter Seiner Majestät zugedacht waren, wenn diese Voraussetzung auch nur eine Hypothese sein sollte." Lautes „Oho", von Herrn Oberlehrer Hasenpflug kommandirt, unterbrach den Redner. „Da Ihr Protest zeigt," fuhr Seine Exzellenz fort, „daß Sie mich theilweise als Menschen betrachten," hier verzeichnet der im Manslauer Kreisblatte enthaltene Bericht, der als authentisch gelten darf, schallende Heiterkeit, „so sehe ich mich als Gast der Stadt an (wacker, wacker! brüllte der Turnverein) und, da die Stadt, wie jedes Gemeinwesen, aus der Familie entstand, so will ich diese Stadt als eine glücklich geeinigte Familie und mich als den gastlich aufgenommenen Fremdling betrachten, dem man aus Gutmüthigkeit (oho, oho! rief die jugendliche Schaar) Brod und Salz reicht. Es war zwar außer Brod und Salz noch manches Andere da (Allgemeine Heiterkeit), -aber wie der alte Dichter sagt: „Cum clat olusculay mensa minuscula, pace quieta, ne pete graudia lauiaque prandia, lite repleta.“ Hier bemerkt das Manslauer Kreisblatt, daß Seine Exzellenz .einen italienischen Vers citirt habe, der infolge der mangelhaften Akustik der Halle nicht deutlich genug gehört worden sei. „Wenn mm diese Stadt eine Familie ist," fuhr der Statthalter fort, „dann ist ihr Bürgermeister der. Familienvater und seine Gattin die Familienmutter. Der blühende Zustand der Stadt zeigt, daß sie in der Wahl ihres