Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1897)
- Date
- 1897-03-12
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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130 und mit krausen Haaren, wenn auch erstere an Zahl die letzteren überwiegeu. Aber die Haare sind nicht nur in der Längenforln verschieden, sie sind auch nicht gleich dick. Der Dickeunterschied und das Aussehen des Querschnitts, den man natürlich nur -mittelst Vergrößerung betrachten kann, bieten in der That mehr Anhaltspunkte für ein Rassenmerkmal, als man erwarten dürfte. Es finden sich darunter alle erdenklichen Formen, vom kreisrunden Querschnitt, wie ihn das Barthaar des Japaners hat, bis zum bandförmigplatten des Negers. Aber trotz der vielen mühevollen Untersuchungen ließ sich doch keine Gesetzmäßigkeit in dieser Beziehung Nachweisen, und so erwies sich auch diese Hoffnung, ein Rassenkennzeichen gefunden zu haben, als trügerisch. Außer der Farbe der Haut und der-Haare ist es noch die Gesichts- und Kopfbilduug, welche einen Vergleich der,,Wilden" mit den Kulturvölkern beim ersten Anblick schon herausfordert, und diesen Theilen wandte sich die Forschung -zu, nachdem sich ihnen die ersteren für eine Nasseneintheilung als unfruchtbar erwiesen hatten. Wer erkennt nicht schon ans den ersten Blick, daß die Nase des Negers oder das Auge des Chinesen anders als bei Europäern gebaut ist? Die Wissenschaft untersuchte alle diese Theile des Gesichts und des Kopfes näher, um in ihnen vielleicht das gewünschte Rassenmerkmal zu finden. Von allen Theilen des Gesichtes erregt wohl die Nase am ehesten die Aufmerksamkeit des Beobachters, da sie dem'Gesicht hauptsächlich sein charakteristisches Aussehen verleiht. In Betracht kommt dabei nur die äußere Nase, das „Vorhaus der Nase", ebenso wie man beim Ohre nur die Ohrmuschel für die Unterscheidung der Völker verwendet. Die äußere Nase besteht aber aus zwei Theilen, wie sich Jeder durch Betasten an sich selbst überzeugen kann: einem knöchernen, der sich in die Stirn fortsetzt, und einem weiteren, knorpeligen, der die Spitze bildet. Die meisten Unterschiede in der Form der Nase werden nun durch die Gestaltung des weiten Theiles hervorgerufen. Es kommt selten vor, daß er sich in einer Flucht mit dem knöchernen Theil befindet, wodurch die Nase einen geraden Verlauf hat; ist außerdem die Vertiefung zwischen dem Nasenknochen und der Stirn eine geringe, so scheinen Stirn und.Nase fast eine Ebene zu bilden, wie bei der griechischen Nase. Der weite Theil der Nase kann, auch wenn er gerade verläuft, noch schwach oder stark entwickelt sein, und danach bildet sich eine dünne oder kolbige Nase, welche bisweilen nur an ihrem untersten Ende eine'^Verdickung trägt und dadurch die Nase nicht gerade verschönert. Der Knorpel kann sich aber auch unter einem Winkel an den Nasenknochen ansetzen, und es entstehen die unzähligen Arten gekrümmter Nasen, wie die Adler-, die Habichts-, die Semiten-Nase, je nachdem der Knorpel gerade oder gebogen verläuft. Ist nun die Krümmung nicht nach oben, sondern nach unten gerichtet, d. h. ist der Nasenrücken nicht konvex, sondern konkav, so haben wir eine Stumpfnase vor uns, bei welcher bisweilen die Vertiefung des Nasenrückens so groß ist, daß nur die meist sehr weiten Nasenlöcher aus deni Gesicht hecvorgucken. Es ist kein Zweifel, daß viele unkultivirte Völker eine derartige Nase haben, deren Häßlichkeit noch'dadurch erhöht wird, daß der Nasenrücken recht breit ist und die Nasenlöcher sehr weit, so daß die untere Fläche der äußeren Nase annähernd die Form eines gleichseitigen Dreiecks hat, wie bei vielen Thieren, während sie bei einer schöngeformten Nase ein gleichschenkliges Dreieck darstellt. Bei manchen Völkern, z. B. den Japanern, erscheint die Nase flacher als sie wirklich ist, indem die Backenknochen zu sehr hervorragen. Aber schon bei diesem Volke kann man nicht von einer einheitlichen Naseuform sprechen; ein Theil der Japaner hat eine semitisch gekrümmte Nase, weswegen man in ihnen die verschlagenen Reste der zehn Stämme Israels gefunden zu haben glaubt; ein anderer eine gerade Form. Es ist auch nicht möglich, für die weiße Nasse eine bestimmte Nasenform als Rasseneigenthümlichkeit anzunehmen; im Gegentheil finden sich bei ihr alle möglichen Nasenformen. Ebenso wenig kann man für andere Rassen eine bestimmte Nasenform als typisch ausstellen oder gar nach dem Stande der Kultur eines Volkes die Formen der Nasen ordnen. Der plumpen Plattnase der meisten unkultivirten Völker steht die stark hervorragende Adlernase der Indianer gegenüber, während die Nase der Zulukaffern in der Mitte zwischen der platten und der normal geformten steht. Jedenfalls lehrt die nähere Untersuchung, daß die Form der äußeren Nase kein Rassenmerkmal ist. Noch weniger kann man dasselbe vom äußeren Ohre behaupten. Wenn man von der feineren Modellirung des Ohres absieht,' so fällt wesentlich nur seine verschiedene Größe auf. Das weiß Jeder aus seiner Umgebung, daß kaum ein Ohr dem anderen in Form und Größe gleicht, und für den Geübten sind die Unterschiede meistens so auffallend, daß man einen Menschen an den Ohren erkennen kaini. Wenigstens werden sie auch für das Signalement einer Person verwendet und dürften schon manchen Verbrecher verrathen haben. Namentlich sollen, wie der berühmte italienische Professor Lombroso zuerst behauptete, gewiffe Mißbildungen der Ohrmuschel für den Verbrecher ziemlich charakteristisch sein. Im Allgemeinen haben die „Weißen" ein mittelgroßes Ohr, aber man kann sie bei ihnen in allen Größen finden. Ebenso wenig aber kann man eine einheitliche Form des äußeren Ohres für eine größere Anzahl Völker, die etwa eine ähnliche Hautfärbung haben, seststellen. Die Eskimo, Feuerländer, die nordamerikanischen Indianer und andere haben durchschnittlich kleine, nach unserem Geschmack schöne Ohren, bei den Japanern und Chinesen haben die meisten große Ohren, und unter anderen auch die Lappländer. Man würde indessen fehlgehen, wenn man glaubte, daß z. B. die Japaner ihre großen Ohren häßlich finden. Im Gegentheil: sie und die anderen Völker des Ostens, die Chinesen und Inder, halten große Ohren gerade für schön, weil sie ein Zeichen von Weisheit seien. So sehr ist der Geschmack verschieden auch in der Beurtheilung körperlicher Schönheit. Das Ohr des Japaners hat jedoch noch eine Eigenthümlichkeit, die wesentlicher als seine Größe ist; sie betrifft das unscheinbare Ohrläppchen. Nur die Hälfte der Japaner etwa weist ein solches an den Ohren auf, den anderen fehlt es, ähnlich wie fast allen menschenähnlichen Affen. Und doch kann man von den Japanern am allerwenigstes! behaupten, daß sie diesen körperlich oder geistig näher ständen als andere Völker. Bei anderen Völkern ist nur die Größe des Ohrläppchens verschieden, oder bei den einen ist es an die Wange angewachsen, bei den anderen ist es frei beweglich. Dös kommt aber auch bei den „Weißen" vor und ist keine Rasseneigenthümlichkeit. Auch das Auge des Japaners und anderer ostasiatischer Völker hat gewisse Besonderheiten, welche ihm ein besonderes Aussehen geben. Wie bei der Nase und dem Ohre, sind es auch beim Auge nur die dasselbe beschützenden Theile, die Augenlider, welche ihm bei den Ostasiaten sein eigrnthümliches Gepräge geben. Sie haben, wie Jeder schon bemerkt haben wird, schiefe, geschlitzte Augen, deren Form aber, wie gesagt, nicht durch den eigentlichen Augapfel, sondern nur durch die Augenlider bedingt wird; die Japaner und Chinesen sehen nach denselben Gesetzen und ebenso gut wie wir. (Fortsetzung folgt.)