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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-12 · Heft 11 (12.3.1897) · p. Seite 128

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 11 (12.3.1897)
Date
1897-03-12
Page
Seite 128 (sequence 8)
Language
German
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realschule. Daß er ein fleißiger Besucher der Schule war, kann man ^nicht sagen. Man traf ihn viel häufiger in einer öden, finsteren GasseHer Judenstadt, der „Schamesgaffe", wo er, auf-einem niedrigen Fenstergesimse sitzend, die Romane von Walter Scott. Eugen Sue rc. las. als in der Klasse, wo der Unterricht zuweilen höchst langweilig war. Nichtsdestoweniger waren seine Lehrer stolz auf ihn, da er bei einer öffeiltlichen Prüfung durch seine Leistungen brillirte und die-besten deutschen Aufsätze lieferte, die jedesmal von dem Schulen- Oberaufseher, einem vornehmen Domherrn, dem Domscholastikus?. Joseph Rauch, gebührend belobt wurden. Den ersten Unterricht im Schachspiel erhielt Steinitz gleichfalls in dem schon oben genannten Iw stitute. Das kam so. Der Verwalter des Instituts, Abraham Bindeles, und der Aktuar des Prager Rabbinats, Baruch Bunzel, spielten am Sabbath und an Festtagen — an Werktagen konnten sie sich das nicht leisten — fleißig Schach. - Beide waren sehr gute Schachspieler, die über jeden Zug sehr lange nachdachten. Eine Schachpartie dauerte bei diesen Herren, da sie nur mit Unterbrechungen spielen konnten, oft mehrere- Monate. Steinitz sah aufmerksam zu, er lernte kombiuiren, das Gedächtniß üben und konnte sich bald an der Kritik der gemachten Züge betheiligen. Ein kleines Geschichtchen sei noch erzählt, das für die Genialität meines Schulfreundes-zeugt. Es war vor fünfzig Jahren im Monat März, als Steinitz ein Purimspiel verfaßte, welches von seinen Mitschülern dargestellt und von den Zuhörern 'beifällig ausgenommen wurde. Einen poetischen Werth hatte da? Stück nicht. Aber ein in' Versen verfaßtes, originellzusammengestelltes Purimspiel mit Kuplets, zu denen er selbst die eigenthümlicheu Melodien erfand, ist doch für einen zehnjährigen Knaben immerhin eine geniale Leistung. Das Spiel schloß mit den an das Publikum gerichteten Worten: „Heut ist Purim, da muß man lachen, Drum Hab' ich das Stück gemacht; Ich wünsch'Ihnen alle guten Sachen, Für heute eine gute Nacht." Der geniale Knabe ist ein berühmter Manu geworden, ein Held auf dem aus 64 Feldern bestehenden Kriegsschauplätze, auf welchem Könige mit ihrem Gefolge von Läufern, Springern, Bauern, flankirt von Thürmen, geschützt von Königinnen, mit den schneidigen Waffen einer geistreichen Kombination einen unblutigen Krieg führen. Nunmehr ist der Meister schwer krank. Ob die Krankheit Ursache oder Folge seiner Niederlage gegen Laster ist, wissen wir nicht. Sollte Steinitz, was wir von Herzen wünschen, wieder hergestellt werden und die ihm gewidmeten Zeilen dieses Blattes lesen, so erinnert er sich vielleicht noch seines Schulfreundes aus den Knabenjahren. Gman?ipirte Frauen in der Bibel. Von Henriette Hirschberg. ' vielfach ist noch die Anschauung verbreitet, daß die Stellung der Frau bei den alten Hebräern eine untergeordnete, unfreie gewesen sei. Dies war jedoch nicht der Fall. Schon Sarah zeigt sich als gleichstehende Genossin des Mannes, und Rebekka fühlt sich sogar berechtigt, in das zur Zeit so heilig gehaltene Erstgeburtsrecht ändernd einzugreifen. Doch nicht von diesen Frauen soll hier gesprochen werden. Auch nicht von der klugen, selbständigen Mirjam — obgleich sie, wie die alte Scherzfrage: „Wann rettete einmal ein Weib sechsmalhnnderttauseud Männer?" angiebt, eine bisher unerreicht gebliebene Heldenthat vollbracht hat! Wenn man das Wort „emanzipirt" .richtig versteht, es also anwendet für: ^selbständig handelnd", - „frei von kleinlichen Vorurtheilen, dem gesunden Menschenverstände folgend" . dann finden wir ein prächtiges Beispiel, emanzipirter Frauen im vierten Buche Moses. Freilich darf man mit dem so oft geschmähten und mißverstandenen Worte keinerlei 7 üblen Nebenbegriff verbinden. Es wird uns von den Emanzipirten in' der Bibel, die ich hier im Sinne habe, nur ganz kurz berichtet. Nur ein Paar Sätze handeln von ihnen, aber der Inhalt dieser Sätze ist umso vielsagender. Die ersten neun Verse des siebenundzwanzigsten Kapitels Numeri lauten: . „Und es traten herzu die Töchter Zelafchad, Sohn Chefer, Sohnes Gilead. Sohnes Machst, Sohnes Menascheh von den Geschlechtern Menaschehs, Sohnes- Joseph — und -das find die Namen seiner Töchter: Machlah, Noah und Choglah und Milkah und Tirzah. — Und standen vor Moscheh und vor Elasar, dem Priester, und vor den Fürsten und der ganzen Gemeinde an der Thüre des Stiftszeltes und sprachen: Unser Vater ist in der Wüste gestorben, und er war nicht unter der Gemeinde, die sich zusammengerottet wider den Ewigen unter dem Anhang Korahs, sondern in seiner Sünde starb er, und Söhne hatte er nicht. Warum soll der Name unseres Vaters ausgehen aus seinem Geschlechte, weil er keinen Sohn hat? Gieb uns Besitz unter den Brüdern unseres Vaters. Und Moscheh brachte ihren. Rechtsanspruch vor den Ewigen. Und der Ewige sprach zu Moscheh also: Recht haben die Töchter Zelafchad gesprochen! Wohl sollst du ihnen Erbeigenthum geben unter den Brüdern ihres Vaters und sollst übergehen lassen ihr väterliches Erbe an sie. Und zu den Kindern Israel rede also: So Jemand stirbt und kein Sohn von ihm-da ist, so sollt ihr übergehen lassen sein Erbe, an seine Tochter. Und wenn keine Tochter von ihm da ist, so gebet ihr sein Erbe seinen Brüdern." — Null versetze man sich einmal in jene Zeit hinein. Moses steht mit den Kindern Israel am Ende der vierzigjährigen Wüstenwanderung. Denn in diesem selben siebenundzwanzigsten Kapitel wird ihnl vom Ewigen gesagt: „Steige auf diesen Grenzberg (Nebo) und siehe das Laild, das ich gegeben den Kindern Israel. Und hast du es gesehen, so wirst du zu deinen Stämmen versammelt werden — —" Und in demselben Kapitel auch bittet der unermüdlich wie ein Vater für seine geliebten Kinder sorgende Moses den Ewigen, „einen Mann über die Gemeinde zu bestellen, welcher ausziehe und einziehe vor ihnen und sie anführe", damit „die Gemeinde des Ewigen nicht sei ‘ wie Schafe, die feinen Hirten haben". Angesichts des Todes denkt Moses nur daran, daß das Werk, dem er sein Leben geweiht, von weiser Hand weiter geführt werde; er hat keine persönlichen Wünsche, er begehrt nichts für sich noch für seine Familie. Seine Sehnsucht und sein Hoffen, sein Sorgen um die Zukunft: alles gilt nur seinem Volke! Es liegt wohl auch mehr als Dankbarkeit, es liegt ein warmer Herzenston von direkter Zuneigung, von Liebe darin, wenll noch heute, nach mehr als drei Jahrtausenden, und wohl für alle Zeiten, wir Moses nicht unseren Propheten nennen, sondern nur: No-eüe rabenu* unser Lehrer Moses! Eben diese persönliche Zuneigung, diese Liebe, wie die Kinder sie für ihren Vater empfinden, muß auch zu Moses Lebzeiten für ihn. vorherrschend gewesen sein, sonst hätten die- Töchter Zelafchad ihren kühnen Schritt nicht gewagt. Sie kommen zu dem obersten

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