Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1897)
- Date
- 1897-03-12
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
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gestanden, der mir, wie meinem Amtsvorgänger Dr. M. Levin, ein wackerer Freund imb (aufrichtig gesagt) Führer war. Ihm lauschte ich oft, wenn er von seinem großen Vater mit Begeisterung, und mit Jntereffe, wenn er von seinen Brüdern sprach. Von Jakob oft, zuletzt von seinem Tode, von seinem Begräbniffe. von seinem Leichensteine, auf den er so trefflich die Worte des Talmud zu Genesis 9, 26 geschrieben hatte: „Die Schönheit von Hellas wohnte in den Zelten Sems." - Von Michael Bernays hat er mir nur einmal erzählt, aber gram-und schamerfüllt. Ein beliebtes Streitthema zwischen uns war nämlich die Frage, ob der „Bibelsche Orient" vom Chacham verfaßt war oder nicht. Graetz behandelt dies Thema eigenthümlich. Er sagt, man habe dieses bedeutsame, dem „Friedländerianismus" und eigentlich auch dem Mendelssohn'schen Prinzip entgegentretende Geisteserzeugniß Bernays zngesprochen, er habe zwar später die Vaterschaft des „Bibelschen Orients" abgeleugnet, „aber wenn Bernays ihn nicht verfaßt haben sollte, so hätte er ihn verfassen können, er ist Fleisch von seinem Fleische oder Geist von seinem Geiste." Und nun charakterisirt er Bernays durch Eitate aus dem „Bibelschen Orient". Hütte Graetz nicht die feste Ueberzeugung gehabt, daß Bernays den „Bibelschen Orient" trotz seines „Ableugnens" doch verfaßt habe, wäre diese Art sehr unhistorisch. Aber Bernays hat den „Bibelschen Orient" wirklich verfaßt; der verstorbene Oberrabbiner von Kopenhagen Dr. A. A. Wolf hat mir dies während seines letzten Kuraufenthaltes in Badenweiler aus persönlichen Erlebnissen, aus Unterredungen mit Bernays, als sie sich beide um das Kopenhagener Rabbinat bewarben, und aus Unterredungen mit dem Verleger nachgewiesen. Ja, der sel. Wolf behauptete sogar, und das ist selbstredend, wenn Bernays der Verfasser des „Bibelschen Orients" ist, daß dieser die Autorschaft nie „abgeleugnet" habe, wenn er auch nie ein Gespräch darüber anknüpfen oder später sich darüber ausfragen ließ. Ich glaube, daß die Behauptung Graetz's überhaupt nur Gesprächen mit seinem Freunde und Kollegen Jakob Bernays entstammen konnten. Jakob wie Louis Beruays behaupteten, dem Gespräche mit ihrem Vater die feste Ueberzeugung entnommen zu haben, daß der „Orient" nicht von ihm verfaßt sei. Und doch war die Gegnerschaft gegen Mendelssohn und seine Schule ein Lieblingsthema im Bernays'schen Hause. Der Chacham sagte oft, uiib seine Söhne, namentlich Louis Bernays, sprachen es ihm oft nach, daß die Gesetzestreue des Berliner Moses keine aufrichtige gewesen sein könne, die Taufe seiner Kinder und Enkel bringe wie die Probe auf ein falsches Exempel zu Tage, daß die Ceremonien im Hause Mendelssohns nur äußerlich geübt, nicht mit Warme und Ueberzeugungstreue festgehalten worden seien. Und nun komme ich wieder auf mein Thema zurück. Loujs Bernays hatte seinen Bruder Michael, der beim Tode! des Chacham fünfzehn Jahre alt war, fast gar nicht gekannt,, ihn auch später nie wiedergesehen. Erst Ende der siebziger Jahre besuchte er den inzwischen zum berühmten Koetheforscher, Münchener Professor und — Renegaten gewordenen Bruder, ich kann wohl sagen, , auf meine wenigstens indirekte Veranlaffung, in München.! Er wollte das Andenken des großen Vaters bei ihm erwecken, ' und vielleicht hoffte er, der unerschütterlich strenggläubige und schwärmerisch pietätvolle Verehrer der Bernays'schen Familientradition, den Bruder wie R. Meir seinen Lehrer Elisa ben Abuja von der Grenze des Sabbathrayons zurückzurufen. „Ich kam zu ihm," so erzählte er mir, „das Andenken an unseren Vater wachzurufen, und dieser Erinnerung wollte ich das Uebrige überlassen. Ich wußte über seine Familienverhältnifse wenig. Ich traf ihn mit einem schönen Knaben, seinem Erstgeborenen, und wußte keine bessere Anknüpfung und Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, als indem ich nach dem Namen des Kindes fragte und hinzufügte: „Mein Aeltester heißt natürlich nach unserem gottseligen Vater Jsak." — Kalt und gemessen, wie er mich empfangen, antwortete er: „Meinen Knaben habe ich Ulrich genannt, nach Ulrich Hutten, weil er gleich diesem, wie ich wünsche, ein Kämpe und Held werden soll im Kampfe für sein Volk und seinen Glauben." Weiter hörte ich nichts. Ich ging und glaube nicht, daß ich Michael Beruays je Wiedersehen werde." Ob Louis Bernays seinen Bruder später je wiedergesehen und gesprochen hat, weiß ich nicht. Jüngst hielt ich einen Vortrag über Akiba, Bar Kochba und — Acher. Ich setzte aus einander, wie es in jeder Zeit des Drucks und der Verfolgung in Israel drei Richtungen giebt, die Hingehenden, Selbstlosen, die mit den Echad im Herzen und auf der Zunge für ihren Glauben ins Feuer geheu, die Akiba; die eitlen und ehrgeizigen Kämpfer, die aus der Roth für sich Macht und Stellung zu schaffen suchen im Kampfe mit ihrem Volke, die Bar Kochbä, und leider auch die treulosen Abtrünnigen, die Acher. Die traurigste Erscheinung sind die Letzteren. Breiten wir aber, wie der große Rabbi Meir, über ihr Grab den Mantel der Liebe und Verzeihung. Wir löschen damit die Flammen, die daraus gefahrdrohend hervorlodern. Wilhelm Steinitz. (Eine Jugenderinnerung.) Von Dr. G. Perlitz in Rakel. fas Schicksal des berühmten Schachmeisters Wilhelm Steinitz, der in Moskau schwer krank darniederliegt, geht feilten persönlichen Freunden besonders nahe und weckt auch wohl die Theilnahme aller Freunde des edlen Schachspiels. Zu den Erstereu gehört.der Schreiber dieser Zeilen, der sich noch lebhaft der Zeit erinnert. wo er mit dem nachmals zur Berühmtheit gelangten Meister die Josephstädter Unterrealschule in Prag besuchte. Da die Erinnerungen, die sich an einen so berühmten Mann knüpfen, für weitere Kreise von Interesse sein dürften, so sei hier Einiges aus dem Leben des Knaben Wilhelm Steinitz erzählt. Steinitz wurde in Prag im Jahre 1837 geboren. Sein Vater gab beut Knaben eine streng religiöse Erziehung und ließ ihn in einem von dem berühmten Philanthropen Mordechai Meisl gegründeten Institute unterrichten, wo unbemittelte Knaben unentgeltliche Unterweisung im Hebräischen und unentgeltliche Verpflegung erhielten. Das ' Institut hatte zwei Abtheilungeu. In der unteren Abtheilung lehrte Jsak Slonitz Pentateuch, in der oberen hielt für die reiferen Schüler Gabriel Jsak Preßburger talmudische Vorträge, der, nebenbei bemerkt, darauf hielt, daß der Talmud möglichst in hochdeutscher Sprache und nicht, wie es sonst vor fünfzig Jahren üblich war, im Jargon verdolmetscht werde. Steinitz war schon als achtjähriger Knabe Schüler der oberen Abtheilung und wußte über die talmudischeu Themata so scharfsinnig mit seinen gleichfalls hochbegabten, aber weit älteren Mitschülern Teweles und Freund zu disputiren, daß er die Bewunderung seiner Minderbegabten Schulfreunde erregte. Den ersten Unterricht im Deutschen erhielt Steinitz in der Josephstädter Haupt- und Unter-