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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-12 · Heft 11 (12.3.1897) · p. Seite 126

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 11 (12.3.1897)
Date
1897-03-12
Page
Seite 126 (sequence 6)
Language
German
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befindet, sich noch als Rabbiner zeichnet, schmeckt schon etwas nach. Falschmünzerei. Wir wundern uns darüber, daß er noch irgend ein Vergnügen am Rabbinerthum finden kann, nachdem, wie er sagt, die Erfahrungen, die er während seiner 40 jährigen Thätigkeit in diesem Berufe gemacht, so sehr trauriger Art gewesen sind. — In'dem Prozesse gegen die Mörder Schade und Jakubeit, welche im Mai vorigen Jahres ein jüdisches Mädchen unter dem Borgeben, sie über die Grenze zu bringen, ums Leben brachten, von welchen der Erstere zum Tode, der Letztere zu sechs Jahren Zuchthaus verurtheilt wurde, ist nun, wie wir hören, die von den Mördern eingelegte Revision verworfen worden. Während nun Jakubeit. seine Strafe bereits in Insterburg angetreten, hat Schade, das letzte Mittel noch ergreifend, die Gnade des Kaisers nachgesucht. Wir wißen nicht, ob die Leser sich des entsetzlichen Falles noch erinnern werden. Ein zwanzigjähriges jüdisches Mädchen, Rina Loti, Tochter eines Musikers aus Suvalki, kam aus England zurück, wo sie sich einiges Geld gespart, um sich in ihrer Heimath zu verheirathen. Wie es nun aber einmal in den Verhältnissen der nach Rußland zurückkehrenden Auswanderer bezüglich der hierzu nöthigen Legitimations- Papiere liegt und der Umstand, daß diese niemals ausreichend genug sind, so konnte auch die Ermordete nicht auf dem gewöhnlichen Wege die Grenze passiren, sondern mußte dabei die Mithilfe von solchen Personen in Anspruch nehmen, die sich einen Beruf daraus machen, für gute Bezahlung die heimkehrenden Auswanderer auf Schleichwegen über die Grenze zu schaffen. Sie siel dabei in die Hände der beiden Männer, die, sie im Besitze einer größeren Geldsumme wähnend, durch einen Mord zu befeitigen beschlossen. Am 12. Mai vorigen Jahres vollzogen sie in finsterer Nacht diese Blutthat. Wie sich aus der Verhandlung ergeben, ist jedenfalls Schade der eigentliche Mörder gewesen, während Jakubeit ihn dabei unterstützt hat. 400 Rubel, welche sie bei dem unglücklichen Mädchen vorgefunden und in welche sie sich theilten, waren der blutige Lohn dieser Schandthat. Schon am nächsten Tage wurde die also Beseitigte durch Zufall im Boden verscharrt aufgefunden. Sie war, wie sich später herausstellte, zuerst durch Schade, mit dem Stiel eines Spatens zu Boden geschlagen, dann wurde ihr der Mund mit Erde gefüllt, so daß sie, wie das Urtheil der Sachverständigen kundgab, den Erstickungstod gestorben ist. Und so besteht heute noch für Diejenigen, welche die Grenze auf heimlichen Wegen passiren wollen und sich Führern zweifelhaften Charakters anvertrauen, die Gefahr fort, ein gleiches Schicksal zu erleiden. Je strenger der Abschluß der Grenze, desto mehr giebt er Gelegenheit, die gesetzlichen Bestimmungen zu umgehen. Es wird hierdurch ein Verbrecherthum gezüchtet und großgezogen, das so lange fortbestehen wird, bis Rußland, allen anderen Ländern gleich, die Schranken der Absperrung fallen lassen wird. — Viel Kopfzerbrechen macht hier an der Grenze die neue Einwanderungsbill, welche die Vereinigten Staaten in Aussicht genommen, und nach welcher jeder Einwanderer darzulegen hat, ob er die Sprache des Landes sich angeeignet, in dem er bis jetzt seinen Wohnsitz gehabt hat. Wir sagen: viel Kopfzerbrechen, weil man eben nicht weiß, welche Sprache gemeint, da es eine dreifache Art giebt, womit sich die russisch-polnischen Juden sprachlich auszudrücken pflegen. Da ist es zuerst das rein russische Idiom, welches nur selten, und zwar bei dem besser gebildeten Juden in Gebrauch kommt. Ferner ist es das rein Hebräische, das stark in der geschäftlichen Korrespondenz zur Verwendung gebracht wird, und worin sich der russisch-polnische Jude eine merkwürdige Fertigkeit zu verschaffen weiß. Wir bekommen oft solche Skripturen zu lesen und müssen gestehen, daß man sich in der deutschen Sprache kaum gewandter und präziser auszudrücken im Stande ist. Endlich ist es noch das sogenannte Jüdisch-Deutsch, deffen sich die breite Masse der polnischrussischen Juden bedient, ein Gemisch von deutschen, polnischen und russischen Ausdrücken, die gewissenlos zusammeugeschweißt und wohl nur von Denen, die sie gebrauchen, verstanden werden, jedem Anderen aber zuzurufen scheinen: Ihr höret wohl Worte, aber eine Form, einen Sinn gewahrt ihr nicht — nur Stimmen hört ihr. Wenn man daher die polnischen Einwanderer befragen würde, in welcher Sprache sie geprüft werden wollen, so würden sie selbst nicht im Stande sein, darüber Auskunft zu geben. Darum glauben wir, daß es mit der benannten Bill, wenn sie sonst mehr als ein Schreckschuß, weitere Einwanderungen zu hindern, sein sollte, nichts auf sich hat.. Uebrigens lenkt sich der Auswanderungsstrom aus Rußland jetzt mehr nach Südafrika. Vor einigen Monaten war bei mir ein aus Rußland kommender Schochet und fragte mich, ob er nach Amerika oder nach Afrika gehen soll. Ich rieth ihm zu letzterem. Heute ist derselbe bereits, wie mir sein Hierselbst wohnender Bruder mittheilt, wohlbestallter Kultusbeamter in der Kapstadt, mit einem Einkommen, das dasjenige, welches er in Rußland gehabt, um das Zehnfache überragt. Michael Bernays. Von Rabbiner Dr. Alex. Kisch in Prag. fas ist eine Fülle von Erinnerungen, die die Nachricht vom Tode Bernays' bei mir weckt! Die drei Bernays! Da sehe ich uns wieder gemeinsam wie vor dreißig Jahren im Hörsaale II des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau zu Füßen des großen Jakob Bernays sitzen, der die alten Klassiker so geistvoll zu interpretiren und selbst uns armen, mit theologischen und alt- und neuklassischen Studien arg geplagten jungen Leuten Begeisterung für seine Ideale einzühauchen und lebhaftes Interesse für feine- Wege der Kritik zu wecken wußte. Da steht er vor mir, der kleine hagere Mann mit dem bleichen, scharf geschnittenen Gesichte, das vom runden, tiefschwarzen Barte und Haupthaare umrahmt und von zwei dunklen, großen, lebendigen Augen erleuchtet und beseelt war, wie er seine tägliche Promenade vom Semiuargebäude bis zum damaligen Artikus'schen Milchgarten, sinnend über eine schwierige Stelle des Phokylides, pflichtschuldigst erledigte, um dann wieder hinauf in den dritten Stock des Hauses Wallstraße 1b zu eilen, wo er seine Junggesellenwohnung einsam, nur in Gesellschaft seiner kostbaren Bibliothek hatte. Wenn wir die formellen Feiertagsbesuche bei ihm machten, sprach er nie von persönlichen Beziehungen, so daß ich von ihm wenig über seinen bedeutenden Vater und über seine Familie wüßte. Die ehrfurchtsvolle Scheu gerade vor diesem Lehrer war ja so groß, daß wir die wenigen Minuten unserer Staatsvisite voll Spannung im nichtsdurchbohrenden Gefühle unserer Unbedeutendheit herzpochend lauschten und daun still die drei Etagen hinuntergingeu, an den Thüren so vieler großer Männer vorbei, die da unter einem Dache als unsere vielgeliebten Lehrer weilten: im dritten Stock Dr. M. Joöl. im zweiten Zuckermann und Graetz und im ersten Stocke Er. ahbc, der Schöpfer und die Seele der Anstalt, der Direktor kat exochen, wie wir ihn ja noch nennen, der ewig junge alte Frankel. Später habe ich als Zürcher Rabbiner dein zweiten Sohne des seligen Chacham, dem wackern Louis Bernays, nahe-

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