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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-12 · Heft 11 (12.3.1897) · p. Seite 125

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 11 (12.3.1897)
Date
1897-03-12
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
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prädestinirt, die Augen der Leichtgläubigen zu verblenden, naive Geister unter dem. Scheine kommender Glückseligkeit in den Sumpf allgemeinen Elends zu verlocken,— fehlt ja selbst seinen Aposteln eine bestimmte Idee davon —, der Spiritismus mit seiner Geisterbeschwörung und allerlei losem Spuk, neuestens sogar dramatisirt, aber auch nur geeignet, schwache Köpfe noch mehr zu verwirren, sowie viele sonstige Evolutionen in religiöser, politischer und sozialer Beziehung produziren sich als noch verderblichere Manifestationen überhitzter Gemüther, in deren Folge allein Unfriede, Verbitterung, Schwermuth und dergleichen mehr in der menschlichen Gesellschaft ansgesäet werden. Doch allen diesen gegenüber läuft den Rang und schießt den Vogel ab die — um mit . dem hochedelgeborenen Herrn von Langen zu reden — allein „anständige" Partei, deren Musterbilder der Psalmist (83, 3) drastisch mit den Worten schildert: „Deine Feinde toben und deine Hasser erheben das Haupt; wider dein Volk schmieden sie Ränke, gegen deine Schützlinge ersinnen sie Böses; kommt, rufen sie aus, wir wollen sie vertilgen, daß sie kein Volk mehr seien, und Israels Name fürder nicht gedacht werde." Und dieses herrliche Ziel, dieser erhabene Zweck heiligen nach bekanntem alten Vorbilde alle, auch die verwerflichsten Mittel, als welche vor allem Gruppen von „fixen Ideen" dienen, die sie sich selbst und Anderen so lange und so lallt vorschwatzen, bis sie daran glauben oder doch zu glauben sich den Anschein geben. Hundertfach sind schon ins Reich der Märchen authentisch unb autoritativ verwiesen worden: die vorgebliche Thierquälerei beim rituellen Schlachten (neulich sogar offiziell von Seiten des Kriegsministeriums dementirt), die mnthwillig erdichteten Geheimlehren des Talmuds und der rabbinischen Codices, die durch Thatsacheu widerlegte Feigheit und Vaterlandslosigkeit, Arbeitsscheu und Gnterschlachterei, die Preßbeherrschung. der dlirchgängige enorme Reichthnm und vorwiegende Einfluß der Juden in Staat und Gesellschaft, und — last but not least — der ihnen gebotene und stetig geübte — die Feder sträubt sich, das vermaledeite Wort nur niederzuschreiben — Ritualmord (ä la Brunnenvergiftung, Hostienschändnng und dergleichen mehr schöne Fiktionen des darin erfindungsreichen Mittelalters). Jedoch — „die unheilbarsten Blinden sind die, welche nicht sehen wollen" — immer und immer von Neuem wird der „helle Blödsinn" in die Welt hinausgeschrieen und wie ein unleugbares Dogma verkündigt. Solchen Widersinns „lacht und spottet der Herr, der im Himmel thront" (Ps. 2, 4), und wenn seine Lcmgmuth einst Ende, und der zivar noch immer zögernde, doch allmälig sich erhebende Arm der weltlichen Gerechtigkeit sich ernstlich ermannt und donnernd ihnen ein „quos ego!“ zu rufen wird, dann werden sie wohl endlich zur Besinnung gebracht und von ihren „fixen Ideen" geheilt werden. „Wenn es sich auch hinzieht, hoffe doch darauf, denn kommen wird es sicher und nicht ansbleiben." (Habakuk 2. 3.) Aus Ostpreußen. Von Moritz Scherbe!. ls ich vor 27 Jahren in meine hiesige Stellung kam, war ich im Stande der „Allgemeinen Zeitung des Judenthlims" die erfreuliche Mittheilung von der Coulanz zu machen, deren sich der hiesige jüdische Geistliche von Seiten der politischen und städtischen Behörde zu rühmen im Stande war. Derselbe war in erster Reihe von den Kommunalabgaben ganz frei, dann wurde es auch als etwas Selbstverständliches betrachtet, daß dessen Kinder in sümmtlichen städtischen Schulanstalten unentgeltlichen Unterricht genoffen. Und heute? Von alledem nichts. Wie ein rauher Nord in die Blüthenwelt des Frühlings fährt imb die Pflanzen ihres Schmuckes beraubt,,so ist auch jener liberale, humane Geist gewichen und mit ihm jede Begünstigung, welche den jüdischen Beamten den der anderen Konfessionen gleichgestellt hatte. Jene Zeit, in welcher einst hier die Christen so bereitwillig ihre jüdischen Mitbürger bei dem Bau ihres Gotteshauses unterstützt, sie ist dahin, und wenn auch der Antisemitismus in Ostpreußen Hoch nicht zu jener Erstarkung gelangt ist, in welcher er anderwärts 'seine Orgien feiert, so ist doch wenig von dem Liberalismus zu verspüren, mit welchem einst „Junglittanen" in der politischen Welt so sehr geglänzt hat. Der jüngste Rechtsausspruch mit seiner gesuchten Interpretation des Gesetzes, welches die Befreiung der Geistlichen von den Kommunalabgaben ausspricht, und die jüdischen Beamten außerhalb dieses Gesetzes stellt, giebt uns Inden keinen trostvollen Blick in die Zukunft und ist wohl kaum dazu geeignet, den Eifer zu beleben, mit welchem man jetzt an den Versuch geht, die staatliche Mithilfe für die bessere oder doch wenigstens sicherere Stellung des jüdischen Kultusbeamten zu erlangen. Was die Juden, wie. es wenigstens in Preußen bis jetzt geschehen, nicht selbst für sich thun werden, das wird nicht gethan sein, und es heißt nichts anderes als Luftschlösser bauen, gar anzunehmen, daß in den jetzigen politischen Wirren sich noch ein Stückchen besonderes Interesse für uns Inden werde wecken lassen. — Wir leben jetzt in einer Zeit der Wunder. Denn ist es wohl weniger als ein Wunder zu bezeichnen, wenn von Seiten eines Rabbiners die dringende Bitte an uns gelangt, — nicht etwa uns an einem wohlthätigen Werke zu betheiligen, nicht etwa für eine wärmere Bethäligung des Judenthums unsere Kräfte einzusetzen, — sondern in bester Form und in schnellster Weise den alten Glauben Israels zu verlassen und dem Christenthum uns zuzuwenden. - I. Lichten stein heißt dieser sonderbare Rabbiner mit dem Wohnsitz in Budapest, von wo aus er uns mit mahnender Stimme in einem Druckschriftchen zürnst: „In unserer zur Rehabilitirnng neigenden Zeit, wo selbst einem Scheusal vom Schlage Neros Vertheidiger, ja sogar Lobredner entstehen, wo ein konservativer Rabbiner selbst zu Gunsten Spinozas, der unter anderem jede positive Religion.bekämpfte, eine Kritik veröffentlicht, wird noch' ein alter Rabbiner, der 40 Jahre seines Amtes in Ehren gewaltet, aufs Aeußerste verfolgt, seiner, bescheidenen Existenz beraubt, weil er es gewagt hat, seinem religiös schlaffen wie moralisch krankem Volke zuzurufen: „Forschet, suchet, vertieft Euch im lauteren, ungetrübten Strom der göttlichen Lehre, achtet auf die Gebrechen, auf die schändlichen Auswüchse, ans die moralischen Blößen unt euch her; beherzigt und berücksichtigt das Heil eurer Kinder; lasset fahren eure Vorurtheile. nehmet Vernunft an, werdet aufrichtig und unbefangen, und wenn ihr solchermaßen dem in euch verschütteten, tieferen religiösen Gefühl Raum schaffet, wird das alte und — neue Testament euch lehren und unentrinnbar überzeugen, daß Christus unsere einzige Hoffnung, unser Heiland und Messias ist, daß er, nur er und .kein. Anderer uns nach Zion führen wird, in das Haus unseres Gottes." . Wer nun dieser Rabbiner Lichlenstein ist, der sich berufen fühlt, in diesem Sehertone sich an unser jetziges Israel zu wenden? Wir wissen es nicht, wir würden daher sehr dankbar sein, wenn einer unserer Leser es unternähme, einiges Licht in die Provenienzen dieser neuesten der prophetischen Strafredner zu brüten, um zu erkennen, mit wem wir es hier denn eigentlich zu thun haben. "Daß der Mann auf dein religiösen Standpunkte, auf dem er sich jetzt

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