Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1897)
- Date
- 1897-03-12
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228214--53540-3267469- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
124 - sondern lediglich darauf, daß der Mann, der zur Wahl steht, ein entschiedener Gegner deS Antisemitismus ist. Freilich, wenn es sich neben ihm um ein Mitglied des Centrums oder per Sozialdemokratie handelte, so würde ich mich der Wahl enthalten müssen. Dr. Köhne-Berlin führt aus, daß die Juden durchaus national gesinnt sind. CH. : L. Hallgarten - Frankfurt a- M. bemerkt kurz, daß das Frankfurter Komitee die Agitation durch Wanderlehrer und Flugblätter aufgegeben habe. Auch ihm ist die politische Parteistellung des zu unterstützenden Kandidaten gleichgiltig, wenn es sich andererseits um die Bekämpfung der Antisemiten handelt. Dr. Cohn: Herr Professor Weber hat das Schächten als eine der unberechtigten jüdischen Eigenthümlichkeiten hervorgehoben. Gerade die Schächtfrage ist ein ausgezeichnete- Paradigma, -wie weit wir Recht und wie weit wir Unrecht thun. Unsere religiösen Gebräuche müssen vor den Forderungen der Humanität bestehen können. Das Schächten, das gemeinhin spezifisch asiatisch uti$ jüdisch genannt wird, ist von sechzehn deutschen Ordinarien der Physiologie unter achtzehn für gut befunden worden, und ich glaube, wenn das Schächten nicht zufällig eine jüdische Einrichtung wäre, würde es gär bald eine deutsche Institution werden; ist doch bereits die Militärverwaltung dazu gekommen, bei verschiedenen Proviantämtern das benöthigte Vieh schächten, d. h durch Halsschnitt tödten zu lassen. Dr. Wsinter-Stettin, zweiter Vorsitzender: Ich glaube, wir alle sind uns einig darüber, daß unsere Thätigkeit nicht nur eine negative, sondern auch eine positive sein muß. Wir können auch in Zukunft nichts weiter thun, als was wir gethan haben; wir können abwehren, was unberechtigt ist, und wir können im Stillen — in Gemeinschaft mit unseren jüdischen Mitbürgern — Mitwirken, daß wirkliche Mißstände allmälig abgestellt werden; dann werden wir auch dazu beitragen, daß den Juden das deutsche Vaterland wieder das wird, was es ihnen gewesen ist. (Bravo!) Ich schließe die Versammlung. . . ■ 4 ■ ■ ' “ Der Verband der jüdischen Lehrervereine iin Deutschen .Reiche sendet uns die folgende erfreuliche Mittheilung: Berlin N., 7. März. Eine recht erfreuliche Kunde kann der Verbandsvorstand den lieben Kollegenj'zum Purimfeste übermitteln: Die Pensions- und Reliktenkasse für jüdische^Lehrer, Religionslehrer , rc. wird in Kurzem in . Kraft treten könnend Die Bemühungen des Verbandsvorstandes in Ausführung der Bestimmungen des § 9 c der Satzungen sowie der Nummer 16 des Protokolls, einen Grundfonds für die Kasse zu schaffen, sind bisher von recht erfreulichem Erfolge'^begleitet gewesen und werden mit gleicher Energie fortgesetzt werden: Eine Anzahl wohlthätiger Glaubensgenossen hat die thatkräftige Mithilfe zur Bildung des Fonds in Aussicht>gestellt, insbesondere aber ist durch die hochherzige Zuwendung der Joseph Lachmann'schen Erben, des Herrn Dr. B. Barrach und seiner Gattin, geb. Lachmann, in Berlin, sowie des Fräulein Clara Lachmann in Hamburg, die die Summe von 145 000 Mark für diesen Zweck überwiesen haben, eine gesicherte Grundlage für die Kaffe geschaffen worden. Wir bitten unsere Genoffen und die Freunde unserer Bestrebungen, nach Kräften für weitere Zuwendungen Sorge zu tragen, damit > die Kasse unter möglichst günstigen Bedingungen für die Mitglieder ins Leben treten kann. Nach Eingang der gegenwärtig angestellten statistischen Erhebungen wird mit den Vorarbeiten für die .Einrichtung der Kasse unverzüglich begonnen werden; sobald dieselben abgeschlossen sind, werden den Kollegen weitere Mittheilungen zugehen. Weitere Zusendungen werden an die Adresse. .des Verbandsvorsitzenden, Herrn Rektor Dr. Adler, Berlin, Oranienburgerftraße 29, erbeten. Der Vorstand des Verbandes der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche. & Wie uns mitgetheilt wird, hat das Administrationskomitee der Jewish Colonisation Association in Paris in der Febrnaxsitzuiig folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Eine Subvention, zur Begründung einer Ackerbauschule in den jüdischen Kolonien des Gouvernements Cherson. 2. Eine Subvention an die Gesellschaft Trud in Odessa für ihre Arbeitsschule. 3. Einen Vorschuß an die Kolonie Woodbine in Amerika zum Bau eines Betriebswerkes. 4. Eine zweite Subvention an das Board of Guardians in London zur Hilfe für die jüdischen Armen daselbst. 5. Einen Vorschuß an die Kolonie Castonia in Palästina zum Ankauf eines Terrains. * Heber Judentaufen in Rußland bringt der Monatsbericht der A. I. U. folgende interessante Mittheilungeu: Die zur orthodoxen Kirche übergegangenen Juden sind im Budget der heiligen Synode nicht vergessen worden: 6000 Rubel figuriren daselbst zur Unterstützung armer Juden, die zum orthodoxen Glauben übergetreten. Es ist dies das erste Mal, daß eine offizielle Aufmunterung dieser Art im Ausgabebudget der russischen Kreise verzeichnet steht. Bisher wurden die Unterstützungen, welche den armen Neophyten zu Theil wurden, von wohlthätigen Privaten oder durch Brüderschaften und Missionen gespendet. Uebrigens werden die Uebertritte seit zwei Jahren seltener. In den Jahren 1882, 87, 1890 und 91 haben die meisten Glaubensabschwörungen stattgefunden; tausendfach sind die Konversionen in jenen vier Jahren. Merkwürdig ist es, daß die Männer abschwuren und ihre Kinder taufen ließen, wogegen die jüdischen Frauen sich oft weigerten, dem Beispiel ihrer Männer zu folgen. Den Gesetzen nach ist das Zusammenleben eines getauften Juden mit seiner jüdisch gebliebenen Frau gestattet. Nur müssen die Männer „alle möglichen Anstrengungen machen, um ihre Frauen dem katholischen Glauben zuzuführen". Are fire Idee. Von Dr. M. Stern. in scheinbar paradoxes, aber im Grunde wahres Wort (das vielleicht sogar Aussicht hat, ein „geflügeltes!zu werden) ist jüngst an hoher Gerichtsstelle gefallen, indem als mildernder Umstand für eine ehrenkränkende Insinuation gegen einen hohen Reichsbeamten geltend gemacht ward, daß in den Kreisen, aus denen jene Malice hervorgegangen, die „fixe Idee" herrsche, alles Schlimme im Reiche habe seinen Ursprung in dem Reffort, welchem der injurirte Staatsmann vorstehe. Es ist dies eine Entschuldigung, die dem dadurch Entlasteten und seiner Sippschaft wahrlich nicht zur besonderen Ehre gereicht, da sie damit quasi den wahnwitzigen und sinnlos; Benebelten ebenbürtig zur Seite gestellt werden. Leider scheint es ' nun aber, daß die „fixen Ideen" gewissermaßen zu den berechtigten; Eigenthümlichkeiten unseres sich „aufgeklärt" ueunenden Zeitalters, das an Ueberreizung und Nervosität laborirt, zu den Epidemien gehören, die wie Influenza und andere, noch fatalere Krankheiten beständig grassiren und verheerend wirken, so daß man versucht sein könnte, zu behaupten: Wir leben im Zeitalter der „fixen Ideen". — Der „Wasserkopf Berlin", der neuerdings in diesen Blättern nach Gebühr gegeißelt worden (ein würdiges Seitenstück zu dem vormals einige Zeit lang beliebten „Fortschrittsring"), ist schon eine prächtige Illustration dafür; der sozialistische „Zukunftsstaat" (a 1a Zukunftsmusik), eine fata morgana, ein Irrlicht und