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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-12 · Heft 11 (12.3.1897) · p. Seite 123

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 11 (12.3.1897)
Date
1897-03-12
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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M?MWMMWWWWWWWW Der erste Vorsitzende des Vereins, Abg. Rickert, erstattete den Bericht. Seit der letzten Versammlung im Februar v. I. sind — abgesehen von den Verstorbenen und Verzogenen — 121 Mitglieder ausgeschieden, 259 neu eingetreten. Die Thätigkeit im Verein bewegte sich in demselben Rahmen wie früher In den „Mittheilungen" hat derselbe ein Organ, welches die antisemitische Bewegung fortgesetzt verfolgt und welches den Angegriffenen in den einzelnen Landestheilen Gelegenheit giebt, Erwiederungen auf lügnerische und verleumderische Angriffe zu veröffentlichen. Die Mittheilungen sind am Ausgang des Jahres 1696 in 9000 Exemplaren gedruckt worden, von denen 8000 fest abgenommen werden. An Einzelexemplaren sind von den „Mittheilungen" 14 938 versandt, überhaupt wird eine ständige Propaganda für die Verbreitung des Blattes gemacht. Eine weitere Einrichtung besteht in der „Wochenkorrespondenz für Zeitungsredaktionen"; diese Korrespondenz wird an jedem Donnerstag in 300 Exemplaren gratis versandt. Nicht blos liberale Zeitungen, sondern auch konservative Blatter benutzen diese Korrespondenz indirekt durch Abdruck aus freisinnigen, demokratischen oder nationalliberalen Blättern. Wir haben dann, soweit es möglich war, auch unsere Flugblätter weiter verbreitet und im letzten Jahre den bei Käfemann erschienenen Volkskalender: „Der gute Kamerad," von dem w.ir eine sehr große Anzahl von Exemplaren vom Verleger für einen mäßigen Preis erworben haben. Der Kalender hat keine besondere politische Tendenz, er vertritt die Grundsätze der religiösen Duldung und Gewissensfreiheit. Außerdem enthält er gemeinnützige, belehrende und der Unterhaltung dienende Artikel. Der Kalender ist während des ganzen Jahres der Hausfreund der Familie, durch ihn kann man am besten wirken. Von dem „guten Kameraden" sind die zuerst erworbenen 100 000 Exemplare bald abgesetzt, es mußten noch 8000 Exemplare nachgedruckt werden. Von demselben haben wir jedem unserer Mitglieder i Exemplar zur Kenntnißnahme und weiteren Verbreitung übersandt. Wir haben natürlich wegen dieses Kalenders auch heftige Angriffe zu bestehen gehabt aus dem gegnerischen Lager; insbesondere von der „Deutschen Tageszeitung," dem Organ des „Bundes der Landwirthe". Neben diesen 108 000 Drucksachen, wurde von anderen Werken, die unsere Abwehrthätigkeit fördern, versandt: Schriften von Dr. G. Winter, Leroy-Beaulieu, D. Neumann, Professor Strack, D. Parmod, D. Pohlmann u. a. m., ferner 69 Exemplare des „Antisemitenspiegels" und 1004 Stück einzelne Flugblätter. Im Ganzen gingen beim Berliner Büreau 8256 Briefe ein und aus. In 71 Fällen wurden Artikel der antisemitischen Presse auf ihren Wahrheitswerth hin geprüft und diesbezügliche Nachrichten in den „Mittheilungen" richtig gestellt. Die antisemitische Bewegung hat sich wesentlich verändert; wir können heute nicht mehr sagen, daß der Antisemitismus — ob die Fonds' erschöpft sind, weiß ich nicht, — mit dem Hochdruck arbeitet wie früher. Es sind unter den einzelnen antisemitischen Richtungen eine Masse von Streitigkeiten hervorgetreten, ich glaube aber nicht, daß die Gefahr des Antisemitismus sich damit verringert hat; im Gegentheil ist meines Erachtens die Gefahr insofern eine größere geworden, als Träger des Antisemitismus jetzt andere politische und wirthschaftliche Organisationen, z. B. der „Bund der Landwirthe", geworden sind. Darin liegt meiner Meinung nach eine besondere Gefahr für die Landbevölkerung; denn daß damit das antisemitische Gift viel eindringlicher verbreitet wird, scheint nicht zweifelhaft zu sein. Eine bemerkenswerthe Erscheinung ist die, daß bei den Debatten im Parlamente der Antisemitismus sich in letzter Zeit etwas zurückgezogen hat. Ueber folgende antisemitische Anträge ist bezw. wird im Reichstage verhandelt werden: Antrag v. Hammerstein, v. Manteuffel, Liebermann v. Sonnenberg betreffend das Verbot der Einwanderung von Juden.. Derselbe wurde am 6. März 1895 mit 167 gegen 5t Stimmen abgelehnt. In der laufenden Session liegen folgende Anträge vor: 1. Verbot der Einwanderung von nicht reichsangehörigen Juden, 2. Verbot des Schächtens, 3. die konfessionelle Eidesformel. Unser Verein hat — und dafür lag ein entschiedenes Bedürfniß vor — sowohl für die außerparlamentarische, als auch für die parlamentarische Arbeit das Material beschaffen helfen. Anerkannt muß hierbei werden, daß auch das „Abwehrkomitee" sehr werthvolle Arbeiten, welche das sachliche Material zur Beurtheilnng wichtiger Fragen bieten, geliefert hat. 12g -- ■ Im Aufträge des Schatzmeisters Herrn L. Jord an (Berlin) verlas Abg. Rickert den . Kassenbericht und bat dann den Vorstand.um Genehmigung des Etats pro 1897. Hierauf erörterte der Redner die Aussichten für die Wahlen zum Reichstage 1898 und die Arbeit des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" in den antisemitischen Bezirken. In der wichtigen Diskussion über die künftigen Reichstagswahlen äußerte Herr Stadtrath Weber: Ich glaube, daß der Verein jeden Kandidaten unterstützen solle, welcher politischen Partei er auch angehört, wenn dieser nur einem Antisemiten gegenübersteht. Abg. Rickert erklärt, der Verein wolle auch nichts weiter, als die Gegner der Antisemiten unterstützen; er habe Mitglieder der verschiedensten Parteien in seinen Reihen und bilde selber keine Partei, noch ziehe er eine Schattirung einer andern vor. So habe er stets gehandelt. Pfarrer Battenberg-Frankfurt a. M. meint, es müßte der Versuch gemacht werden, in entschiedener Weise seitens der Parteivorstände dahin zu wirken, daß der Antisemitismus als das hingestellt wird, was er ist, als die Wurzel alles Nebels, und daß immer wieder öffentlich bekundet wird daß einem antisemitischen Kandidaten jeder andere vorzuziehen ist. Medizinalrath Dr. Seeligmann-Karlsruhe erklärt: Wir haben die Absicht, bei zukünftigen Landtags- und Reichstagswahlen folgenden Standpunkt einzunehmen: Wir werden die politischen Parteien ohne Unterschied in jedem Wahlkreise gegen einen antisemitischen Kandidaten unterstützen. S. Saling er-Magdeburg: Es war im Anfang der 80er Jahre, als mir der Oberbürgermeister v. Forckenbeck sagte,. daß die antisemitische Bewegung in letzter Reihe sich nicht gegen die Juden, sondern gegen den Liberalismus richte; und ich habe in der That beobachten können, daß die ganze Bewegung geschehen ist, um die Reaktion herbeizuführen. Deshalb muß jeder liberale Mann meiner Meinung nach eo ipso dem Antisemitismus aufs Entschiedenste entgegentreten. Und in Beziehung auf die politischen Wahlen meine ich, daß wir einen wirklich liberalen Mann unterstützen sollen, im Uebrigen aber wohl diese Sache getrost in die Hände unseres Vorstandes legen können. F. Lieb hold-Heidelberg: Ich möchte besonders auf unsere Landtagsersatzwahl in Heidelberg Hinweisen. Dadurch, daß Neuenheim jetzt nicht mehr mitwählt und eine größere Anzahl nationalliberaler Wahlmänner weniger vorhanden, ist keine geringe Gefahr, daß ein Konservative bezw. Antisemit nach Karlsruhe geschickt wird. Wenn Sie Werth darauf legen, daß der Antisemit nicht gewählt wird, so muß ich für diesen Kreis urir pekuniäre und rednerische Unterstützung bitten. Die Antisemiten arbeiten äußerst rührig, sie betreiben unter der Form von Gesangs-, Jünglings- und Turnvereinen ihre Agitation. Die Liberalen — auch die Nationalliberalen — thun aber bis jetzt nichts oder sehr wenig. Pfarrer Battenberg ergreift nochmals das Wort zu der Frage: Was haben wir als Abwehr-Verein gethan, und was hätten wir noch thun können oder thun sollen? Ich stimme mit dem Vorsitzenden darin überein, daß wir uns nicht mit kleinlichen' Recherchen und Beschwerden abgeben, denn sonst würden wir uns in kurzer Zeit selbst ruiniren. Es ist aber nicht mit der bloßen Abwehr gethan, und da finde ich eine Idee, welche bei der Begründung unseres V Vereins kräftig betont, aber seitdem doch nicht ganz genugsam durchgesührt worden ist: Wir müssen den Antisemiten zum Theil die Arbeit abnehmen; wir müssen da, wo offenkundige Schäden bei den Juden obwalten, mit aller Energie vorgehen, offen, vor aller Welt, es muß sich zeigen, daß die Juden die Schlechtigkeit Einzelner vor ihnen ebenso wenig billigen, wie die Antisemiten, die sich bei jeder Gelegenheit, auf den hohen Gaul setzen. In Stadt und Land muß man solche offenkundigen Schäden mit größter Offenheit und voller Thatkraft behandeln! Professor Dr. Albrecht Weber-Berlin neigt derselben Anschauung zu und bemerkte: Vor Kurzem hat sich der Fall ereignet, daß die Burschenschafter, die doch wahrlich von jeher hehre Ziele auf ihr Banner geschrieben haben, erklärt haben, sie wollen keinen Juden mehr unter sich aufnehmen. So etwas wäre zu meiner Zeit einfach unmöglich gewesen, wir würden Jeden, der so etwas gefordert hätte, einfach an die Luft befördert haben. In Bezug auf die politischen Wahlen hoffe ich, daß unser Vorstand in derselben ruhigen und besonnenen Weise wie bisher aus die Wahlen einzuwirken suchen wird. Nicht auf die Partei kommt es dabei an. m.

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