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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-12 · Heft 11 (12.3.1897) · p. Seite 122

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 11 (12.3.1897)
Date
1897-03-12
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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wesentlich vermehren ließen, heilig halten, treue Bürger und Menschenfreunde fein? Hoffen sie nicht, daß wir — denn uns meinen sie, wenn sie von Gojim reden — nutergehen werden? In ihrer Thora, die sie besonders verehren, wird schadenfroh erzählt, wie. der gütige und menschenfreundliche Pharao — ihre gehässige Darstellung dieses Königs ist natürlich parteiisch und boshaft —, der sie mit Wohlthaten überhäuft hat, seinen Untergang gefunden, wie der fromme Amalek und die Helden Sichon unb Og geschlagen wurden, wie dem konservativen Balak vor ihnen graute; im Buche Josua wie sie die Könige von Kanaan aus deren eigenem Besitz vertrieben; im Buche der Richter wie hinterlistig sie den tapferen Feldherrn Sisera, im Buche Samuel wie grausam sie den edlen Agag erschlagen haben. Dies wird Euch zur Genüge beweisen, daß die Juden alle anderen Völker hassen und^von nichts anderem als von einer Weltherrschaft träumen. Nun ist ihr Gott alt und schwach geworden, sein Heilig-, thum ist verbrannt, sie leben überall zerstreut und doch ist ihr Charakter unverändert geblieben! Mitten im Exils unter uns verspotten sie durch ihren Witz uns und unfern heiligen Glauben. Aus denn, lasset uns diese Feinde der Menschheit, diese Gegner unseres Vaterlandes vernichten!" Ist es nicht als hörten wir eine Reichstagsrede Stöckers, als läsen wir ein Rundschreiben des deutschen Antisemitenbundes, wenn wir diese humoristischen Deutungen der Hagada vernehmen, die sicher älter als anderthalb Jahrtausende sind? Nun denn, wenn dem so ist, dann erscheint uns auch der Schlußsatz jener biblischen Mahnung in Betreff Amaleks heute in einem ganz besondern Lichte. Der unverwüstliche Optimismus unserer Glaubensgenoffen neigt vielfach zu dem Glauben, es ginge mit dem Antisemitismus in unseren Tagen schon zu Ende. Genau so wie er vor einem halben Jahrhundert sich der Hoffnung hingab, daß Amaleksprinzip sei durch den Kulturfortschritt verdrängt worden. Diese Hoffnungsseligkeit hat schon großen Schaden angerichtet. Nichts wäre gefährlicher als sich dem Glauben hinzugeben, daß es mit dem Antisemitismus zu Ende sei, weil es mit den Antisemiten zu Ende gehe. Die Antisemiten können untergehen, der Antisemitismus lebt aber leider immer noch fort, und zwar um so gefährlicher je weniger er nach Außen hervortritt. Und darum— „Vergiß es nicht!" Wenn auch ein Stöcker seine Rolle ausgespielt hat, wenn ein Ahlwardt dem Fluch der Lächerlichkeit anheim gefallen ist, wenn hundert andere Träger dieser Bewegung entlarvt, verurtheilt und vom Schauplatz der Begebenheiten abzutreten gezwungen sind, wenn scheinbar wieder Ruhe eingetreten ist im Lande — „Vergiß es nicht!" Me Woche. Berlin, 10. März. ie Augen der ganzen Welt richten sich jetzt nach Kreta. Auf der Insel wohnen gegenwärtig etwa 3200 Juden. Nach verschiedenen Exegeten soll Kreta mit dem biblischen Kaphtor (Deut. XI, 23) identisch sein; andere haben dagegen Widerspruch erhoben, In jedem Falle gab es schon zur Zeit der Richter und Könige eine Verbindung mit Kreta, von wo die Philister' eingewandert sein sollen, daher auch die Bezeichnung: „Kreti und Pleti," welche später die Leibgarde des Königs David bildeten. Seit Kreta eine römische Provinz wurde, haben sich dort Juden niedergelassen, wie dies Philo und Josephus bezeugen. Im Mittelalter blühten daselbst große Gemeinden, vor allem in Kandia, das in der jüdischen Litteratur eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Aus Kreta stammte Elia dal Medigo, auch Elia Cretensis genannt (1480), einer der tüchtigsten und freisinnigsten Forscher auf dem Gebiete der Religionsphilosophie, der in Padua mit der dortigen Orthodoxie in einen heftigen Kampf gerieth und in einem philosophischen Streit zwischen den zwei verschiedenen Parteien an der dortigen Universität vom Senat der Stadt zum Schiedsrichter gewählt wurde. Einer seiner treuesten Jünger war Pico della Mirandula, der Führer der italienischen Renaissance. Ein Jünger von ihm war auch Saul Kohen Aschkenasi aus Kandia, der mit ihm und mit Don Jsak Abravanel in philosophischem Briefwechsel stand. Ein Nachkomme Elias war Josef del Medigo, ebenfalls aus Kreta, ein fahrender Litterat, der ganz Europa durchzog und verschiedene philosophische Schriften hinterließ, in denen sehr freisinnige Anschauungen hervortreten. Die Bedeutung Kretas für die jüdische Litteratur hat übrigens Moritz Steinschneider in einem gelehrten Essay über die Betheiligung Griechenlands an dem jüdischen Schriftthum des Mittelalters ausführlich geschildert. In neuerer Zeit haben sich die dortigen Gemeinden ansehnlich vergrößert und gehoben. In Kanea hat die Alliance Israelite Universelle lange eine Schule unterhalten, auch befindet sich daselbst eine schöne, große Synagoge mit geregeltem Gottesdienst und Chor und Orgel. Die Juden lebten dort in guten Beziehungen sowohl zu den Christen wie zu den Muhamedanern, was aber keineswegs ausschließt, daß auch sie bei den dort ausgebrochenen Unruhen viel zu leiden haben. Seitdem nämlich die Türken das Innere der Insel geräumt und sich auf einige wenige Küstenstädte zurückgezogen, hat die Sicherheit auf dem flachen Lande gänzlich aufgehört, und die Bevölkerung daselbst wagt es kaum, ihre Dörfer zu verlassen, da sich neben Tausenden von Insurgenten auch Hunderte von Straßenräubern auf den Bergen und in den Wäldern herumtreiben. Die wenigen Juden, die nun in den Dörfern daselbst leben, haben ihre Weiber und Kinder schon vor einigen Tagen nach Kandia geschickt, um sie so in Sicherheit zu bringen. Die jüdische Gemeinde in Kandia selbst, die einzige des Landes, hat zwar wenig zu befürchten, da europäische Kriegsschiffe die Stadt bewachen; ihr Haupterwerbszweig, der Handel, hat jedoch fast gänzlich aufgehört, da die Lust zum Geschäft geschwunden ist. Einzelne von ihnen bekleiden dort sogar hohe, angesehene Stellungen; so ist M. Franco seit langen Jahren Dragoman des französischen Konsulats daselbst und H. Segre der Konsul Italiens für Kreta. Angesichts solcher Thatsachen haben wir uns schon aufrichtig darüber gewundert, daß die Antisemiten bis jetzt in den kretensischen Wirren die geheime Macht des Judenthums noch nicht entdeckt haben. In der That hat nun ein Wiener Antisemitenblatt diese schauderhafte Enthüllung zu Wege gebracht, indem es zu berichten weiß: „Es scheint sich also wirklich nur um einen Krieg der internationalen jüdischen Großfinanz, der Gläubiger Griechenlands, gegen Hellas zu handeln. Juda hat Griechenland den Krieg erklärt, und die christlichen Großmächte entwürdigen sich zu der beschämenden Rolle eines Zwangsvollstreckers jüdischen Uebermuths und jüdischer Anmaßungen." Armes, verjudetes Europa! * Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" hat am 5. Februar in Berlin eine Vorstandssitzung abgehalten, zu der auch eine Anzahl Mitglieder des Vereins erschienen waren, u. a. aus Frankfurt a. M., Karlsruhe, Magdeburg, Stettin, Heidelberg, Hildes- Heim. Wir entnehmen dem Bericht der „Mittheilungen" darüber folgende Einzelheiten:

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