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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-12 · Heft 11 (12.3.1897) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 11 (12.3.1897)
Date
1897-03-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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61. Jahrgang. Nr. 11, Berlin, 12. Mar; 1897. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner 33*- Ludrvig Philippson-Konn Verlags-Trpedition: Gerlin, Lerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse.-. Verlag der „Allgem. Zeitung deS JudenthumS", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Inbail. Leitartikel: Vergiß es nicht! — Die Woche. — Die fixe Idee. Von Dr. M. Stern. - 9lns Ostpreußen. Von Moritz Scherbe!. — Michael Bernahs.- Von Dr. Alex. Kisch..— Wilhelm Steinitz. Von Dr. <§. Perlitz. — Emanzipirte Frauen in der Bibel. Von. Henriette Hirschberg. — lieber Rassenunterschiede. II. Von Dr. med. Leopold Treitel. — Feuilleton: Andere Zeiten. Eine Erzählung bon Gotthard Deutsch (Forts.).; _ Dev Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Königsberg, Leipzig, Karlsruhe, Aus dem Großherzogthum Hessen, Wien, Brüssel, New-York. — Von Rah und Fern. — Sprechsaal, a— Geschäftliche Notizen. „Vergiß es nicht!" Berlin, 10. März. ieder einmal naht der Sabbath, der uns das Andenken Amaleks von Neuem auffrischt und mit ihm die Erinnerung an Haman, dessen Name ja ebenfalls aus der Erinnerung Israels nicht schwinden soll. Und wieder fragen wir uns: Was bedeuten Amalek und Haman in der Geschichte unseres Stammes, und was soll die dringend wiederholte Mahnung: „Gedenke, was dir Amalek that auf dem Wege, da du auszogst aus Mizrajim I Vergiß es nicht!" Die alten Gesetzeslehrer haben diese Mahnungen nach : ihrer Weise sinnig gedeutet. Sie sahen in Amalek eine Zuchtruthe für Israel, das von seinem Gotte abgefallen war. Darum mußte Amalek kommen, um. die Undankbaren zu> verfolgen. Durch Amalek sollte Israel die Ueberzeugung erlangen, daß es von Gottes Hand geschützt werde und ohne diesen Schutz dem Untergange rettungslos Verfüllen sei. Uns Modernen erscheint die Geschichte Amaleks und Hamans allerdings in einem anderen Lichte. Wir haben Amalek selbst gesehen, und Haman wandert noch immer neben uüs auf der Straße einher. Wir wissen nunmehr sehr genau, was die Mahnung. bei* Schrift zu bedeuten hat, die nicht nur für jene Zeit, sondern.auch für ferne Geschlechter gelten sollte: „Gedenke,. was dir Amalek that. als du auszogst aus den Sklavenketten Mizrajims." ' Nicht der Person Amaleks oder der seines Nachfolgers Haman galt die Mahnung der heiligen Schrift, die ja das Gebot der Liebe über alles stellt. Nein, sondern vielmehr das Amalekprinzip sollte durch dieses Gebot getroffen werden, und die Verheißung: „Krieg des Herrn gegen Amalek von Geschlecht zu Geschlecht" sollte für Israel eine Aufforderung sein, dieses Amalekprinzips niemals zu vergessen und den Kampf gegen dasselbe nie aufzugeben. Das ist ja das Große, das Herrliche und Ewige in den Worten der heiligen Schrift, daß sie uns so ainnuthen, als seien sie , für jede Zeit und für jedes Geschlecht besonders geprägt. Ja, selbst wenn wir-die hagadischen Deutungen zu den Geschichten von Amalek und Haman unter den heutigen Verhältnissen lesen, so gewinnt es wohl auch den Anschein, als wären sie fast ausschließlich aus dem Geiste unserer Zeit'hervorgegangen. Dabeimacht die Hagada allerdings zwischen beiden Erscheinungen dieses Urtypus des Judenhasses; einen wesentlichen Unterschied. Während sie die Geschichte von Alnalek mit tiefem sittlichen Ernst behandelt, bringt sie der Historie von Haman jenen weltversöhnenden Humor entgegen, der wahrhaft befreiend wirkt, und dessen eigenstes Element , die Liebe ist.! Als Israel von seinem Gotte abgefallen war, so erzählt die Hagada, als man in seiner Mitte den Ruf hörte: Giebt es denn einen Gott? da mußte Amalek. der Undankbare, kommen und die Undankbaren bestrafen. Ein Rabbi' erläuterte seinen Zuhörern diese Idee durch folgendes Gleichniß: Ein Sohn sollte einst mit seinem Vater eine weite Reise unternehmen. Der Vater, voll Zartgefühl gegen seinen Erstgeborenen, fürchtete, daß die Strapazen der Reise den Sohn z übermüden und krank machen könnten. Er nahrn ihn deshalb auf seine Schultern und trug ihn so in liebevoller Fürsorge den ganzen Weg. Er war deshalb nicht wenig verwundert, als er den Sohn Zeines Tages fragen hörte: Sähest du nicht meinen Vater, wo ist mein Vater? Erzürnt setzte er den undankbaren Sohn nieder und ließ ihn seinen eigenen Weg gehen. Bald darauf wurde der Knabe von einem Hunde gebissen. Da ries er: Vater, mein Vater! Genau so erging es auch Israel. Gott, der Herr, erlöste es aus dem Pharaonenlande, führte es durch die Wüste, speiste es und hütete es; vor allen Gefahren und dennoch rief das undankbare Israel: „Ist - wohl auch der Ewige unter uns?" Deshalb mußte, Amalek kommen, um Israel von dem Dasein Gottes zu überzeugen. Ist es etwa noch . nöthig, von dieser Deutung der Hagada eine Nutzanwendung aus unsere Zeit und auf unser Geschlecht zu machen? Noch mehr aber entspricht unserem Zeitverständniß die Hagada, die sich mit Haman, seiner Erhebung und seinem Falle beschäftigt.' Sie erdichtet ein Rundschreiben, welches die Beamten Hamans im ganzen Lande verbreiten sollten. In diesem Dekret heißt es: *• ’ „Heil und Frieden mit Euch! Wisset, daß der erste Würdenträger des Reiches, Haman, Euch auf jenes Volk aufmerksam macht, \ das in Eurer Mitte zerstreut lebt, sich durch anmaßendes und feindseliges Wesen auszeichnet und treulos ist gegen König und Vaterland. Glaubet aber nicht etwa, daß dies eine grundlose, böswillige Be- . schuldigung sei; nein! Für jede seiner Behauptungen hat Haman eine Belegstelle in den heiligen Schriften dieses Volkes gefunden. So haben sie ein Buch, Psalmen genannt. Darin liest man (10,16): „Adonai - ist König immer und ewig. Es gehen unter die Gojim aus seinem Lande." Ferner (149, 7): „Rache zu üben an den Gojim, Züchtigung zu üben an den Nationen." Urtheilet nun selbst! Können- ^Menschen, die ein solches Buch mit solchen Aussprüchen, die sich noch

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