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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-05 · Heft 10 (5.3.1897) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 10 (5.3.1897)
Date
1897-03-05
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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willig aus, die eine, da sie sich den Pflichten des künftigen Berufs doch nicht gewachsen fühlte, die andere aus Familienrücksichten. Nach vollendeter Lehrzeit wurden als Vereinsschwestern ausgenommen und erhielten Diplom und Abzeichen unseres Vereins Margarethe Hartog aus Arnheim (Holland), die in Frankfurt, und Johanna Bermann aus Zempelßurg (Westpreußen) und Jenny Abraham aus Obergimpern (Baden), die in Köln ihre Ausbildung erhalten hatten. Am Schlüsse des Berichtsjahres blieben noch vier Schülerinnen dahier und eine in Köln. Im Beginn des Berichtsjahres hatte der Verein 13 ausgebildete Schwestern, dazu kamen im Laufe des Jahres die 3 oben erwähnten neu Eingetretenen., Am Schlüsse des Jahres beträgt die Zahl der Schwestern 14. Im Ganzen wurden von 7 Schwestern 80 Pflegen geleistet; dieselben erforderten 1727 Pflegetage, worunter 174 vollständige Nachtwachen waren. Die Armenschwester hat auch in dem Berichtsjahre ihre segensreiche Thätigkeit mit dem schönsten Erfolg fortgesetzt; dieselbe erstreckt sich auf Kranke jeglicher Art, ohne Unterschied der Konfession, und sind es besonders die behandelnden Herren Aerzte, die das Wirken der Armenpflegerin anerkennen und schätzen. Im Ganzen wurden 100 Kranke, die 2775 Einzelbejuche nöthig machten, verpflegt; 80 gehörten der jüdischen und ebenso viele der christlichen Konfession an. Bon 22 verschiedenen Aerzten wurde die Hilfe der Armenschwester verlangt. Bei 7 Operationen war sie behilflich, bei mehreren operativen Fällen übernahm sie den Verbandwechsel bis zur Heilung und sorgte neben der Körperpflege soweit als möglich für Reinhaltung der Wohnung, Bereitung der Kost und Unterstützung durch Lebensmittel, Wäsche und Geld. Zu diesem Zwecke gingen freiwillige Gaben ein im Betrage von 548,05 Mark, und wurden 519,75 Mark verausgabt. — Bon auswärtigen Instituten und Anstalten gingen wieder mehrfache Aufforderungen um Ueberlassung von Schwestern an den Verein. Der Vorstand des Vereins besteht aus den Herren Dr. med. S. Kirchheim, Vorsitzender; Emil Stiebel, stellvertretender Vorsitzender; Philipp Schiff, Schriftführer; <& Cohen, Kasstrer; Dr. med. A. Günzburg, Dr. med. W. Hirsch, Sally Löwenick, Dr. med. H. Schlesinger, Meier Schwarzschild. Die Einnahmen des Vereins betrugen im Berichtsjahr 16 034,19 Mark, die Ausgaben 10 631,11 Mark. Der Pensionsfonds nahm 6579,33 Mark ein. Möge der Verein auch künftig solche schöne Erfolge zu verzeichnen haben. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 1. März. Gelegentlich der nahen Reichsrathswahlen veröffentlicht der katholische Schriftsteller Julius Lang an die Wähler Wiens und Niederösterreichs einen „Christlichen Mahnruf gegen den unchristlichen Antisemitismus", in welchem er aus die Ungerechtigkeit und Schädlichkeit, der antisemitischen Bewegung hinweist. „Der Antisemitismus, wie er sich in Wien geoffenbart und enthüllt hat," heißt es in dem Aufrufe, „entspricht weder der Tradition unserer Kaiserstadt, noch den Charaktereigenschaften des Herzens und der Gemüthstiefe der echten Wiener, noch den christlichen Grundsätzen der Lehre unseres göttlichen Heilandes." Der Verfasser des Aufrufes führt unter anderem eine Aeußerung an, welche Kardinal Fürst Schwarzenberg kurz vor seinem Hinscheiden ihm gegenüber über den Antisemitismus gemacht habe. „Der Antisemitismus, wie er in Wien getrieben wird," sagte der Kirchenfürst, „flößt mir ernste Bedenken und Besorgnisse ein. Das ist ein leidenschaftlicher Kampf gegen alle Juden, ja gegen das alte Testament selbst, welches ja die Basis des neuen Bundes ist. Dadurch werden die Fundamente unserer heiligen Religion und unserer heiligen Kirche selbst unterwühlt, und die Patriarchen sowie die großen Propheten, welche Gott der Herr erweckt.hat, und deren Weissagungen den Glauben an den Mensch gewordenen Sohn vor den Ungläubigen bekräftigen, erschüttert.' Ich warne Euch dringend. Euch von dieser Bewegung hinreißen zu lassen, sie ist nicht.mehr allein gegen das Judenthum gerichtet, sie bedroht auch die Kirche, indem sie die Autorität der heiligen Schrift, die Tradition erschüttert!" — .Der 'Statutenentwurf für die Josefine von Königswarter'sche Kinderspitalsstiftung..ist genehmigt worden. Nach diesem Statute soll das Kuratorium dieser Stiftung seinen Sitz im Rathhause haben, und als ordentliche Mitglieder sollen demselben angehören: der jeweilige Bürgermeister der Stadt Wien als Obmann, der Magistratsdirektor, der städtische Ärmenreferent, je zwei Mitglieder des Gemeinderathes und der israelitischen Kultusgemeinde und ein Mitglied des evangelischen Oberkirchenrathes. Das gegenwärtige Widmungskapital beziffert sich auf 374 201 fl. 56 kr. Das Kinderspital soll in einem Bezirke Wiens aufgeführt werden, in welchem sich gegenwärtig kein solches befindet. — Das Dementi, welches auf antiliberaler Seite sich selbst Meben wird, indem man mit einem Male .?als)-authentisch feststellt, daß der Kaiser auf dem Balle der Stadt Wien ä Herrn Dr. Lueger nicht in jener Weise angesprochen habe, wie man verlautbaren ließ, und daß die demonstrativ kolportirten Worte: „Mein lieber Dr. Lueger" nicht gefallen sind, bildet seit gestern das Tagesgespräch in Wien. Begreiflicherweise. Diese Worte sind seit mehr als: zwei Wochen unaufhörlich gedruckt und gedeutelt worden, mit ihnen ausgerüstet ist man in die Wählerversammlungen gezogen. Man hat auf Grundlage einer Mittheilung, die sich zuletzt als eine falsche erweist, eine schneidige Propaganda ins Leben gerufen, so schneidig, daß man es an den derbsten Verunglimpfungen Derjenigen nicht fehlen ließ, welche die Richtigkeit der angeblichen Aeußerungen des Kaisers bezweifelten. Und nun sieht man sich genöthigt, zu erklären, die vielzitirten Worte seien nicht gesprochen werden, und was man vorgestern noch mit trotzigem Selbstgefühl als felsenfeste Thatsache behauptete, sei unrichtig, unbegründet, unwahr. Nun hat Gemeinderath Weißwasser den Bürgermeister interpellirt, weshalb das Präsidium des Gemeinderathes nicht die Wahrheit richtig stellte, welche Interpellation von Strobach als „ungebührliche Anmaßung" zurückgewiesen wurde. — In der Sitzung am 21. v. Mts. wurde der kaiserl. Räth Heinrich Klinger an Stelle des kürzlich verstorbenen Herrn Gustav Simon zum Präsidenten des Wiener israelitischen Kultusvorstandes gewählt. — Der Ingenieur Carl Rosner wurde zum Oberingenieur im Eisenbahnministeriüm ernannt; dem Korporal Titular- Zugführer Moses Stern wurde in Anerkennung der mit eigener Lebensgefahr bewirkten Rettung eines Knaben vom Tode des Ertrinkens das silberne Berdienstkreuz verliehen. — Jn Proßnitz ist am 22. v. Mts. dxr bekannte Rabbiner Dr. Emil Hoff nach langem Leiden gestorben. L. Budapest, 26. Februar. Unter dem Vorsitze des Bischofs von Munkacs tagte vor Kurzem eine Konferenz, um über die Mittel Berathungen zu pflegen, wie den im nordöstlichen Theile Oberungarns ansässigen Ruthe nen, die infolge der täglich wachsenden Verarmung hem völligen Untergange entgegensehen, aufgeholfen werden könnte. Im Laufe der Verhandlungen wurden solche Klagen laut, welche die Uneingeweihten glauben machen könnte, daß die dort ansässigen „polnischen" Juden diese wirthschaftliche Nothlage veranlaßt Haben. Man sprach von Wucherern, die das Volk aussaugen, von galizischen und russischen Juden, die sich nüch das Wenige, was der Wucherer übrig läßt, aneignen. Kurz, die Konferenz war bald darüber einig, daß „der Jude verbrannt werde", daß die Hintanhaltung der Invasion galizischer und russischer Juden das einzige Remedium für die wirthschasttiche Nothlage der Ruthenen sei. Nachdem es aber zur Genüge bekannt ist, daß die im nordöstlichen Theile des Landes wohnenden Juden sich in einer viel trostloseren Lage befinden, einem unaussprechlichen Elend ausgesetzt sind, schrieb die öffentliche Meinung der Konferenz eine rein antisemitische Tendenz zu, so daß sich die Konferenz veranlaßt sah, eine neuere Berathung abzuhalten, zu der auch jüdische Abgeordnete zugezogen wurden. Der Vorsitzende, Edmund Kr. Jünäs, gab da die Erklärung ab, daß diese Bewegung dahin abzielt, daß nicht nur der Nothlage der Ruthenen, sondern auch der der „polnischen" Juden gesteuert werde und die Spitze der. Erschwerung der Einwanderung sich nicht nur gegen die galizischen und russischen Juden richtet, sondern auch gegen andere Einwanderer. Es wurde nun der Beschluß gefaßt, daß der Regierung ein in diesem Sinne abgefaßtes Memorandum überreicht wird. Durch die Zuziehung jüdischer Abgeordneter hat die Bewegung von ihrem antisemitischen Gepräge nichts verloren, denn die Ruthenenfrage bleibt nun schon in den antisemitischen Blättern eine Judenfrage. — Die Landes -Rabbinerschule sieht infolge der schweren Krise, welche das ungarländische Gemeindeleben seit Jahresfrist bedroht, einer Reorganisation entgegen. Die leitende Kommission der Anstalt hielt vor einigen Tagen eine Sitzung, um Berathungen darüber zu pflegen, wie die rapide Abnahme der Zöglinge vereitelt werden könnte. Seit dem Jnslebentreten der kirchenpolitischen Reformgesetze wurden nämlich nur sehr wenig Rabbinerstellen besetzt, so daß mehr als zehn gewesene Zöglinge der Anstalt seit zwei Jahren

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