Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1897)
- Date
- 1897-03-05
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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auf eine Berufung vergebens warten und mit schweren materiellen Sorgen zu kämpfen haben.. Die Folge davon istdaß die Schülerzahl rapid abnimmt. Die Smiitung'.dieses^ Üebels-'soll' durch Errichtung eines Internats und durch Ergänzung der unteren Äbtheilung zu einem vollständigen Gymnasium erfolgen. .Ein endgültiger Beschluß wurde nicht gefaßt. Dieselbe Sitzung machte dem Kultusminister '- den Vorschlag, Ra bbiner Dr- Immanuel Löw in das leitende Komitee zu ernennen. — Der. evangelische Bischof Samuel Snrküny feierte in Pilis das Jubiläum seiner 80 jähmgen Ämtsthätigkeit. Eine Ä^- ordnung der dortigen Kultusgemeinde überreichte dem Jubilar ein Ehrengeschenk. Auf die Begrüßungsansprache erwiederte der Bischof: „Ihre Anwesenheit an dieser heiligen Stätte ist ein Beweis dafürdaß 'der freie Geist schon die Scheidewände, Re die Konfessionen von einander trennten, beseitigte. Die Zeit der Unduldsamkeit ist vorüber- Und der Morgen der Liebe dämmert schon. Diese kenntkeinen Unterschied zwischen den Menschen. Moses, dessen Lehren Sie befolgen, verehren auch wir als Propheten, und zu Gott richten wir alle andächtige Gebete, zum Ruhme Gottes und zum Heile des Vaterlandes halten wir die Nächstenliebe in Ehren." — Die Munizipalität der Hauptstadt erhöhte die Subvention der - Ofner Kultusgemeinde auf 8000 Kronen. — Emma Herzfelder errichtete eine' Stiftung im Petrage von 2000 Kronen für arme Zöglinge der Landes - Lehrerpräparandie, und Anna Brüll de Domony spendete anläßlich der Vermählung ihrer Tochter 6000 Kronen dem jüdischen - Waifenhause. Amerika. C. H. Ne1v-Nork> im Februar. Im Jahre 1896 haben in New- Aork 4000. jüdische Trauungen stattgefunden. Das ergäbe eine Bevölkerung von 470000 Einwohnern, wenn wir die für Amerika ermittelte Quote von 86 Trauungen auf 10000 Einwohner zu Grunde legen und mindestens 400000 wenn wir berechnen, daß die Anzahl der jüdischen ^Trauungen den vierten Theil der Gesammtzahl von Trauungen darstellen. — Eine große Sensation hat Dr. Emil Hirsch in Chicago hervorgerufen, indemer in einer am Weihnachtsabend in der Zion-Gemeinde gehaltenen Predigt die Gemeinde zur Feier des Weihnachtsabends aufforderte. Das Weihnachtsfest sei nicht christlich und der Widerstand'-'gegen dasselbe unter den herrschenden sozialen und ökonomischen Verhältnissen nutzlos!! — Der „American Israelite" scheint die schlechten Zeiten oder die Konkurrenz der zahlreichen neu entstandenen Organe der jüdischen Presse zu fühlen, denn er hat. sich entschlossen, das Abonnement von 4 Dollars auf L'/z herabzusetzen. — Der „Haibri", die einzige hebräische WochWschrift des Landes, nst nach einem dreiwöchentlichen Starrkrampf zu neuem Leben erwacht. Der bisherige Herausgeber Sarason, der die jüdische „Gasetten", die gelesenste Jargonzeitung, herausgiebt, hat sich mit einem Verluste von 3000 Dollars zurückgezogen und der Redakteur, Gerson Rosenzweig, will die Zeitung auf eigene Faust weiterführen. Soviel wie Herr Sarason wird der talentvolle Parodist dabei nicht einbüßen, denn so weit reicht es bei ihm nicht. — Dr- Rudolph Großm ann, bisher zweiter Rabbiner am Beth-El-Tempel in New-Iork, hat einen Ruf an die Gemeinde Rodeph-Scholom daselbst angenommen, deren Kanzel seit dem Tode Aaron Wives verwaist war. Dr. Großmann ist als Sohn eines ungarischen Rabbiners in Europa geboren, kam aber mit seinem Vater als Kind nach Amerika und machte seine Studien am Hebrew Union College in Cincinnati. — Moody, ein sogenannter Evangelist, zu deutsch Kanzelhanswurst, ist mit der Anklage hervorgetreten, daß der jüdische Einfluß die französischen Freimaurer veranlaßt habe, die Bibel üufzugeben. Wahrscheinlich wird Moody nächstens auch noch die Unters schrift des Teufels beibringen, der mir den Freimaurern Pakte schließt. Moody ist derselbe Herr, welcher im Jahre 1893 Herrn Stöcker zur Weckung des religiösen Bewußtseins nach Amerika berufen hat. — Professor Solomon Deutsch, ein bekannter Philologe und Talmudist, ist hier gestorben. Der Dahingeschiedene gehörte der seit Jahren litterarisch berühmten Familie Deutsch an, an der Spitze Emanuel Deutsch stand. Aus der Feder des Verstorbenen stammen ebenfalls eine Reihe von wichtigen Werken, darunter eine hebräische Grammatik, welche gegenwärtig in Aale und anderen Amerikanischen Hochschulen und Universitäten in Gebrauch ist. Deutsch wurde in Gleiwitz geboren und absolvirte die Universitäten Breslau und Göttingen. Im Jahre 1857 kam er nach Ämerika, wo er während vieler Jahre in Philadelphia Syraeuse, - Hartford und Baltimore als Rabbiner fungirte. Vor etwa 15 Jahren wurde er. wegen seiner progressiven- Ansichten gezwungenseine rabbinische Thätigkeit auszugeben, und seitdem widmete er sich ganz -und gar der Litteratur. In New- Aork allein laufen jetzt herum 148' Kantoren, 200 Schächter und 69 Rabbiner betteln. ^.vi8 aux loeteurs!- . Von Nah und Fern. x — Den nachbenannten Rechtsanwälten bezw. Notaren ist der Charakter als Justizrath verliehen worden:, Dr. Edmund Friedemann in Berlin; im Bezirk Breslau: Goldstücken in Torlitz. Feige in Breslau, Ledermann in Hjrschberg; in Frankfurt a. M.: Dr, Hirsch. — Sanitätsrath Dr. Heidenheim in Wiesbaden hatden Rothen Adlerorden vierter Klasse;erhalten. — Prediger Wilhelm Boß in Bernstadt i. Schl, ist zum Leiter des am 1. April neu zu eröffnenden Waisenhauses in Jnow.razlaw berufen worben. — Im vorigen Sommer errettete in Gleiwitz eine neunzehnjährige jüdische Dame, aus gutem Hause, Fräulein Elise Troplowitz, mit eigener Lebensgefahr eine ältere Dame aus den Fluthen. Fräulein Troplhwitz hat dafür jetzt die Rettungsmedaille erhalten. — In Rysenberg i.-Schl. ist der praktische Arzt Dr. med. Fabian Kaliski zum Vorsteher der jüdischen Gemeinde daselbst gewählt worden. — In Ratibor, Oberschlesien, verschied am 18. d. Mts. im Alter von 80 Jahren der Fabrikbesitzer L. Schlesinger. Die Gemeinde verliert in ihm eines ihrer geachtetsten Mitglieder, das . in seiner Eigenschaft als langjähriges Mitglied des Vorstandes des Repräsentantenkollegiums mit warmem: Interesse an dem Wohl und dem Wachsthum der Gemeinde mitgearbeitet hat. --- In vergangener Woche verschied nach schwerem Leiden der.Bankier William LaNdeker in Thorn. Der Verblichene war bis zu seiner Erkrankung ein thätiges Mitglied von verschiedenen Kommissionen in der Gemeinde-Repräsentanz, viele Jahre Vorsitzender der Chewra - Kadischah und des .Armen-Vereins und zeigte stets reges Interesse für düs Gedeihen der Gemeinde in allen ihren Institutionen. Außerdem hatte er eine Reihe von Jahren den! hiesigen: bürgerlichen Handwerkerverein geleitet, und auch für dessen . Bestrebungen und Gedeihen die wärmste Theilnahme gezeigt. Sein Andenken wird hier ein bleibendes sein. — Der Antisemit Glöß in Dresden, der Verbreiter der berüchtigten Bilderbogen, ist, wie . der „Vorwärts" meldet, , verhaftet worden, weil er eine Gefängnißstrafe von zwei Monaten nicht angetreten hat, zu der er wegen Beleidigung verurtheilt worden war. — In Heidelberg ist der Privatdozent der Mathematik Dr. Georg Landsberg zum außerordentlichen Professor der naturwissenschaftlichmathematischen Fakultät ernannt worden. Landsberg ist ein geborener Breslauer und der Bruder der Frau Rabbiner Dr. Maybaum. — Unter den vom Landesausschuß ausgearbeiteten, in dieser Session des galt zischen Landtages zur Verhandlung bestimmten Gesetzentwürfen befindet sich auch der Entwurf der Eröffnung eines Spezialkurses beim Lehrerseminar. in Lemberg, in welchem Kurs jüdische Religionslehrer für Volks- und Mittelschulen herangebildet werden sollen. Der Landesausschuß hat das Projekt der Gründung eines speziellen Religionslehrer - Seminars fallen gelassen. — Der Juwelier Wolf Löb Haag in Budapest wurde am Mittwoch Abend in seinem Laden durch einen Äxthieb ermordet. Der Mörder raubte 70 Ringe und mehrere Uhren. — Der Schachspieler Steinitz, welcher fälschlich todtgesagt wurde, befindet sich in Moskau in "einer Heilanstalt.' Sein Befinden hat sich dem Vernehmen nach gebessert. — Interessant ist das Urtheil, welches vor einigen Tagen in Mariapol gegen 71 Bauern gefällt wurde, welche am 15. Mai 1896 im Dorfe Gorödowska (Kreis Bachmut) Ausschreitungen gegen Juden '- begangen hatten. Fünfzig derselben wurden für schuldig erklärt, 21 sreigefprochen. Die Ersteren, unter denen sich auch minderjährige Burschen befinden, wurden zu Gefängnißstrafen von zwei, drei, vier und acht Monaten verurtheilt. — Unter großen Feierlichkeiten wurde in London der Grundstein der South Hackney Synagoge durch Lord Rothschild gelegt, dem bei dieser Gelegenheit große Ovationen dargebracht wurden, auf die er in kurzer Anrede erwiederte. - ' Druck und Verlag von Rndals Masse in Berlin. . Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.