Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1897)
- Date
- 1897-03-05
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228213--53532-3267460- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
61. Jahrgang. Nr. 10. Der Gemerndebote. Leriin, 6. Marx 1897. Weikage zur „Allgemeinen Jeikung öes IuöenkHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 28. Februar. Die heutige Sitzung der Repr äs entanten- Versammlung hat nicht „getagt", sondern nur „vertagt", denn außer dem geschäftlichen Theil, in welchem das Protokoll der vorigen Sitzung verlesen wurde, und der vom Ausschuß Hl beantragten Abordnung des Herrn Isidor Sachs in die Verwaltung der Dr. Ephraim-Stiftung wurden sämmtliche Punkte fast ohne jede Diskussion von der Tagesordnung abgesetzt. Der Titel 2: Antrag eines Mitgliedes der Versammlung, betreffend Bewilligung eines Beitrages an das jüdische Mädchenstift, erfuhr dieses Schicksal, weil der Antragsteller, Herr Prof. Lew in, welcher der Sitzung nicht beiwohnte, gewünscht hatte, den Antrag persönlich motiviren zu dürfen. (Es ist dieser Antrag unmittelbar nach der in der vorigen Sitzung erfolgten Bewilligung eines Zuschusses zum Mädchenhaus in Pankow und der vom Vorstand bereits mitgetheilten Ablehnung des vom jüdischen Mädchenstift ebenfalls erbetenen Beitrages von Herrn Prof. Lew in unter Gegenzeichnung von Prof. Bag ins ky ausgenommen worden.) Dem gleichen Schicksal der Vertagung verfielen die beiden letzten Positionen: Rechnungsabschluß des Siechenhauses und die Vorlage betreffend die Beiträge zum Penstons- und Unterstützungssonds der Koscherfleisch-Verwaltung, weil die von der Kommission für die Plenarsitzung gewählten Referenten nicht erschienen waren. Zur Höhe einer kleineren Debatte erhob man sich nur beim Titel 4, der Vorlage betreffend Errichtung einer neuen Beamtenstelle innerhalb der Armenkommifsion. Der Referent, Herr Louis Sachs, führte aus, daß diese Registraturstelle mit 1500 Mk. Gehalt ausgestattet werden sollte, wovon 3/4 auf den Etat der Armenkommission und y4 auf den der Fürsorgekommission überschrieben würde. Die Kommission' erkenne auch die Nothwendigkeit der Anstellung eines Beamten an, doch ließe sich erst nach dem Entwürfe des neuen Statuts, mit dem man sich augenblicklich beschäftige, der Rahmen der zu leistenden Arbeit übersehen. Selbst das Eingreifen dreier Kommissarien, der Herren Jsaac, Martin Simon und Dr. Lachmann, welche die dringende Nothwendigkeit der sofortigen Bewilligung des Titels betonten, allein aus dem Grundeum Herrn Rechtsanwalt Lilienthal von der enormen Arbeitslast zu befreien, konnte die Versammlung nicht hindern, dem Wunsche der Kommission auf Vertagung dieses Punktes, welche mit 9 gegen 5 Stimmen beschlossen wurde, zu entsprechen. Im Laufe der Sitzung, die schon nach ^ständiger Dauer ihr Ende erreichte, hielt es Herr Louis Sachs für unnöthig, von dem Fehlen eines Referenten die Erledigung einer Angelegenheit abhängig zu machen, während Herr Sanitäts-Rath Blumenthal auf die Klage des Vorsitzenden über die fortwährenden Vertagungen die späte Zustellung der Tagesordnung rügte, welche es bisweilen unmöglich mache, noch vor der Sitzung die Kommission zur Berathung der angesetzten Punkte einzuberufen. §2 Berlin, 28. Februar. Aus den Litteraturvereinen. In Hildes heim sprach Dr. Selig mann-Hamburg über Griechenthum und Judenthum. In Hannover sind bis jetzt zwei Vorträge von Dr. med. Wallach aus Jerusalem und Prof. Dr. H. Cohen-Marburg gehalten worden. Am 24. d. M. sprach Frau Dr. Goldschmidt aus Leipzig. — In Köln sprach Dr. Simchowitz über die jüdisch-deutsche Litteratur, in Breslau Rabb. Dr. Guttmann über Saadja und Rabb. Dr. Rosenthal über R. Akibq Eger, in Ratibor Rabb. Dr. Löwenthal aus Tarnowitzüber den salomonischen Sagenkreis als Vorläufer zu Goethes Faust, in Bromberg Rechtsanwalt Bärwald über Benjamin von Tudela, den jüdischen Reisenden des Mittelalters, in Ostrowo Dr. H. Brody über Jehuda Al Charisi, seine Makamen und Reisen, in Schivelbein Rabb. Dr. Königsberger-Pasewalk über das Gebet. In Allenstein sprachen in diesem Winter Rabb. Dr. O litz ki über Hillel I., Rechtsqnwalt Sehey über soziale Probleme , in der mosaischen Gesetzgebung, Kaufmann H. Cohn über judenfeindliche Angriffe und deren Widerlegung, Dr. Olitzki über R. Jochanan den Sakkni, Dr. med. Kamnitzer über Medizin im Talmud, Rabb. Dr.. Rosenberg aus Thorn über den Judenprozeß im Jahre 1510 Dr. Olitzki über die Proselyten z. Z. des zweiten Tempels, Fabrikbesitzer Ladendorff über Joseph Nässt, Herzog von Naxos. — Aus Ehorn wird uns geschrieben: Am 14. d. Mts. fand die alljährliche Vorstandswahl im hiesigen Litteratur- und Kulturverein statt. Die ausscheidenden Mitglieder Rechtsanwalt Dr. Stein, Kaufmann H. Moskiewitz und BäckermeisterLewinsohn wurden wieder- und Goldarbeiter M. Löwenson neugewählt, die. vorjährigen Revisoren Kaufleute S. Wiener und S. Wollenberg von Neuem bestätigt. Um das Interesse an der jüdischen Geschichte zu wecken, haben wir in dieser Saison neben den eigentlichen Borträgen auch einen Cyklus von Geschichtsvorträgen eingeführt, welche einige Mitglieder gehalten haben. Im Laufe des letzten Vereinsjahres sprachen Kaufmann Wiener über Frank und die Frankisten, Louis Kalischer über Lebensbild eines jüdischen Weisen im 1. vorchristlichen Jahrhundert, Lewinsohn über Skizzen der Zeitrechnung mit besonderer Rücksicht auf den jüdischen Kalender, Verbandssekretär Katz über Lord Byron und seine hebräischen Melodien, Lehrer Kramer über Manasse ben Israel, ein Vorkämpfer für die Emanzipation der Juden, Rabb. Dr. Rosenberg über den Schulchan-Aruch, Lehrer Reimer über das babylonische Exil und die Rückkehr der Juden unter'Cyrus, Kaufmann D. Glicksmann über die Juden unter der Herrschaft der Perser, Kaufmann Jacob Goldschmi dt'über die Juden unter der Herrschaft Alexander des Großen und seiner Nachfolger, Rabb. Dr. Munck-Marburg über die soziale Frage im jüdischen Alterthum. — Den ersten Vortrag hielt im neuen Vereinsjahr Dr. med. Marsch auer-Jnowrazlaw über die jüdischen Aerzte und die medizinische Wissenschaft im Alterthum. Der zweite Vortrag, welcher wegen plötzlicher Verhinderung des Vortragenden nicht gehalten werden konnte, wurde durch eine Vorlesung über Erziehung von Dr. Löwenberg aus Hamburg ersetzt. Den dritten Vortrag hielt Rabbiner Dr. Walter- Bromberg über Moses-MendelssohN und seine Bedeutung für das Jüdenthum. Es fanden ferner zwei Diskussionsabende statt, in. denen die Hertzelsche Broschüre „Der Judenstaat" zu Grunde gelegt war. Die Bibliothek umfaßt jetzt 260 Bände. Außerdem kursirten in unserem Lesezirkel die bedeutendsten jüdischen Zeitschriften. Aber unser Verein hat noch außerdem die „Förderung des Handwerks" sich zur Aufgabe gestellt. Bisher haben wir wohl nur mäßige Erfolge zu verzeichnen. Unterstützt wurden vier Lehrlinge, von denen der eine bereits in Danzig als Geselle eine Stellung gesunden hat. Die Lehrlinge haben sich nach Berichten ihrer Lehrherren und unserer Inspektoren hinsichtlich ihres sittlichen.Verhaltens, ihres Fleißes und ihrer Ausbildung gut und tüchtig bewährt. Wir werden daher auch unser bisheriges Augenmerkauf die Verbreitung des Handwerks unter unseren Glaubensgenossen richten. 8. Berlin, 2. März. Den fünften der Montagsvorträge zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums hielt gestern Herr Dr. Hugo Preuß über das Thema: „Die Aufklärung". Es handelte sich in diesem Vortrage, wie Redner betonte, nicht um die geistige Aufklärung, wie wir sie Lessing und Moses Mendelssohn verdanken, sondern um die Aufklärung im staatsrechtlichen Leben. In höchst geistvoller und interessanter Weise wurde ein Bild der Entwickelung des staatlichen Lebens gegeben und ausgeführt, daß die immer größere Subjektivität des Denkens den Drang nach Aufklärung, Freiheit und Recht verstärkt habe. In der französischen Revolution habe man das gewaltigste Erzeugniß der Aufklärung zu erblicken, an deren Errungenschaften wir uns heute zu erfreuen haben. Reicher, wohlverdienter Beifall seitens des zahlreichen Auditoriums lohnte die Ausführungen des Redners. * S£2 Berlin, 26. Februar. Der israelitische Frauen-Unterstützungsverein hielt gestern in Cassels Hotel, Burgstraße 16, seine